Zum Alpin-Ski nach Russland

Weltnaturerbe Lago-Naki im Kaukasus - bald ein Touristenparadies.Foto: Legion-Media

Weltnaturerbe Lago-Naki im Kaukasus - bald ein Touristenparadies.Foto: Legion-Media

Auch die im Februar abgegebenen tödlichen Schüsse auf drei Moskauer Touristen im Skigebiet in Kabardino-Balkarien am Fuße des Elbrus ändern nichts an den Plänen der russischen Regierung, den Tourismus im Nordkaukasus weiter auszubauen. Am weitesten vorangeschritten sind Projekte auf dem Hochplateau Lago-Naki, keine hundert Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt.

Die russische Regierung betrachtet die Schießerei und den Anschlag auf eine Seilbahn als Versuch, das ambitionierte russische Programm zur Erschließung des Nordkaukasus’ für den Tourismus zu torpedieren. Da dieses Programm die Wirtschaft der unterentwickelten und von Krisen geplagten Region beleben soll, lässt sich die Regierung nicht davon abbringen.

Skizentren im Kaukasus

Nach ihren Plänen werden fünf neue Skizentren im Nordkaukasus entstehen. Man rechnet mit privaten Investitionen in einer Höhe von über  450 Mrd. Rubel (11,3 Mrd. Euro). Eines der künftigen Zentren soll auf dem Plateau von Lago-Naki gebaut werden. Lago-Naki ist eine beeindruckende Hochebene im Nordwesten des Großen Kaukasus’ – hoch wie das Altiplano in Peru und beeindruckend wie die Dolomiten -  erstreckt sich über 650 km2 und gilt immer noch als Geheimtipp für Bergtourismus und Wintersport. Sie liegt zum großen Teil in der Republik der Tscherkessen „Adygeja“. Adygeja wiederum gehört zu den kleineren autonomen Republiken im europäischen Süden der Russischen Föderation. Ihre Hauptstadt ist Maikop, nur 2,5 Autostunden von der Großstadt Krasnodar entfernt. Das Staatsterritorium erstreckt sich vom Kuban in der Steppe bis zum Hauptkamm des Großen Kaukasus’. Dort requiriert die Republik den größten Teil des Kaukasus-Biospären-Reservates für sich, das von der UNESCO mit dem Titel Weltnaturerbe für die Bergwelt des Kaukasus geehrt wurde. Einige Dreitausender (Tschugusch (3.238 m), Dschemaruk (3.136 m), Tybga (3.065 m) oder Uruschten (3.021 m)) strecken dort ihre Gipfel in die Höhe.

Adygeja ist nicht nur eine der höchstgelegenen, sondern mit Abstand die friedlichste nordkaukasische Republik, Krieg und Terror haben sie bislang verschont. Die Regierungen der Republik Adygeja und der Region Krasnodar, die sich das Plateau teilen, sind zuversichtlich, dass das neue Bergskigebiet auch international ein Erfolg wird. Es wird damit gerechnet, dass sich etwa 2019 bereits  täglich 20 bis 25 Tausend Urlauber hier tummeln. Der neueTouristenmagnet soll dann in die oberste Liga aufsteigen und mit den bekanntesten Wintersportgebieten der Alpen konkurrieren.

Warum denn auch nicht hier?

Über die Baupläne der Touristenoase „Lago-Naki“ wird derzeit verhandelt. Grundsätzlich steht fest, dass die Ausgaben für die Infrastruktur sämtlicher nordkaukasischer Touristikgebiete aus Mitteln des föderalen Haushaltes bestritten werden. Premierminister Wladimir Putin veranlasste bereits 2010 die Gründung der 60 Mrd. Rubel (1,5 Mrd. Euro) schweren Aktiengesellschaft „Touristikgebiete Nordkaukasus“. Sie fungiert als Muttergesellschaft für die neuen Touristikstandorte. Der angepeilte Touristenstrom weckt große Hoffnungen, auch bei den Einwohnern. Der Durchschnittslohn in dieser Region liegt bei 5000 bis 7000 Rubel (125 bis 175 Euro) pro Monat, und das ist schon mehr, als man früher mit der  Holzfällerei verdienen konnte.

Der Kaukasus – noch ein Geheimtipp

Die russischen Urlaubsregionen werden zwar von Russen gern frequentiert, finden aber im Ausland erst wenig Aufmerksamkeit. Das liegt zum einen daran, dass im Westen kaum Marketing getrieben wird – der Kaukasus als Wintersportgebiet ist einfach noch ein Geheimtipp. Und zweitens ist Urlaub im Lago-Naki trotz mäßiger Preise für ausländische Touristen wenig attraktiv. „Unsere Bergskiorte bieten nicht den Komfort und den Standard, den westliche Reisende gewohnt sind. Wir haben hier noch eine ganz einfache Urlaubskultur“, so der Vorsitzende des Verbandes der russischen Guides Maja Lomidze. Lago-Naki könnte den Sprung auf den internationalen Reisemarkt schaffen, wenn die Regierungen von Adygeja und der Region Krasnodar sich untereinander und mit den Umweltschützern einig werden. Die Verhandlungspartner auf staatlicher Seite haben jeweils ein Entwicklungskonzept für die Region vorgelegt. Nach den Vorstellungen von Adygeja soll eine 60 km lange Piste das gesamte Hochplateau mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden auf einer Fläche von 4000 ha durchziehen. Das Plateau jedoch ist ein Naturdenkmal und zu weiten Teilen Weltnaturerbe der UNESCO. Beim Erstellen der Konzepte ließ sich die Region Krasnodar durch das österreichische Unternehmen Masterconcept Consulting beraten, das auch im Olympiageschäft Sotschi 2014 mitmischt. Und Adygeja erhielt Unterstützung aus Südtirol, wo man mit der Entwicklung der Dolomiten zur Superski-Region auf einen großen Erfahrungsschatz  bei der Anlage von Urlaubs- und Skiregionen verweisen kann.

Weltnaturerbe Lago-Naki

Petrowäußert die Befürchtungen der Umweltschützer und führt an, dass es  ohne Natur keine Touristen geben würde. Ihn ärgert das ungeschickte Vorgehen. „Im Feriengebiet Dolomiti Superski gibt es 12 angeschlossene Skiregionen, 1200 Panoramapisten und 450 Skilifte. Und dieses Gebiet zählt auch zum Weltnaturerbe der UNESCO. Ein großer Teil von Lago-Naki war 70 Jahre lang Weideland. Ende der 1990er Jahre hat sich die Regierung von Adygeja einfach an die UNESCO um Hilfe gewandt, weil sie die Weideflächen nicht mehr kontrollieren konnte“, fährt er fort. „Die Europäer haben das geschickter angestellt. Zuerst haben sie die Skigebiete ausgebaut und dann Anträge bei der UNESCO gestellt. Und wir stehen jetzt dumm da, wenn wir die Gegend verändern wollen.“ Suren Gasarjan arbeitet bei der Ökologischen Wache im Nordkaukasus, die der UNESCO die notwendigen Daten liefert, damit der Weltnaturerbestatus erhalten bleibt. Er hat grundsätzliche Bedenken. „Sowohl die Region Krasnodar als auch die Republik Adygeja verstoßen mit ihren Konzepten gegen die Empfehlungen der UNESCO“, so der Umweltexperte. „Es gibt überhaupt keine Verhandlungen mit uns, wir sind grundsätzlich gegen jedes Bauprojekt“, so Gasarjan. Einen Kompromiss, demzufolge in den Bergen nur Skipisten angelegt würden und der Hotelbau aufs Vorgebirge beschränkt wäre, lehnt er ab: „In Sotschi brachte man die Baupläne für die Olympiade auch mit solchen Zusagen durch, und jetzt haben wir dort eine ökologische Katastrophe.“

„Grüne“ Technologien

Die Entwicklungspläne für die Touristikgebiete, so muss man aber einräumen, sind darauf angelegt, die Störungen des Ökosystems möglichst gering zu halten. Der Präsident von Adygeja Aslan Tchakuschinow und der Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft  „Touristikgebiete Nordkaukasus“ Achmed Bilalow unterzeichneten im Februar ein Kooperationsabkommen für die Bauprojekte in der Skiregion. Demzufolge wird der Einsatz ausschließlich „grüner“ Technologien geplant, der Verkehr in den Bergdörfern soll auf Elektroautos beschränkt werden, und die Beförderung zu den Pisten soll mit Seilbahnen erfolgen. Außerdem gibt es alte Wege mit alten Wegerechten durch die Berge zum Schwarzen Meer. Die Regierungen gehen davon aus, dass der Tourismus zehntausende neue Arbeitsplätze schafft. Das derzeitige Preisniveau ist geeignet, den Massentourismus zu beflügeln. In erster Linie hat man russische Staatsbürger im Visier, von denen 80% keine Auslandspässe haben. Zudem steigen Attraktivität und Popularität des aktiven Urlaubs, meint Petrow: „Früher bedeutete Urlaub bloß Hotel, Wodka, Schaschlik. Heute stehen Freizeit, Sport, Wellness und Familie im Mittelpunkt. Höchstens 25 Prozent aller Reisenden sind mit dem Althergebrachten zufrieden.“ Außerdem schielt man stark auf den westlichen Alpinsportler und Sonnenanbeter. Er ist es gewohnt, im Skiurlaub viel Geld für Berge, Sport und Feinschmeckerfreuden auszugeben. Da müsste man doch ins Geschäft kommen.

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