Kostbare Erinnerung - Galina Gagarina über ihren Vater

Foto: Rea.ru

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Am zwölften April 2011 wird in Russland ein großes Ereignis gefeiert: Vor 50 Jahren absolvierte Juri Alexeewitsch Gagarin den ersten bemannten Raumflug. In Erwartung dieses denkwürdigen Jubiläums hat Rossiskaja Gazeta die jüngste Tochter des ersten Kosmonauten der Welt interviewt. Dr. Galina Jurjewna Gagarina lehrt an der Russischen Plechanow-Universität für Wirtschaftswissenschaften in Moskau und hat in diesen Tagen selbst ihren Goldenen Geburtstag gefeiert

Rossiyskaya Gazeta: Bei allen Vergleichen, die mit dem Namen Juri Gagarin verbunden werden – etwa Kolumbus des Universums, Pionier des Weltraums oder Gesandter der Erdbewohner – ist er für Sie doch vor allem Vater. Am 9. März 1934 wurde er geboren, und seinen Geburtstag mussten Sie kürzlich zum 42 mal ohne ihn begehen. Sicherlich gedenken Sie an so einem Tag ganz besonders seiner. Wie spielt sich das gewöhnlich in Ihrer Familie ab?

 

Galina Gagarina: Am Geburtstag unseres Vaters fahren wir immer am Morgen zur Kremlmauer, um Blumen an seinem Urnengrab niederzulegen. Dann versammelt sich die ganze Familie mit Freunden, und wir erinnern uns gemeinsam an die schöne Zeit, die wir mit Papa hatten. Wir sind sehr stolz auf ihn und ehren sein Vermächtnis.

RG: Sie sind nur wenige Wochen vor dem Erstflug Ihres Vaters geboren und waren erst sieben, als ihr Vater verunglückte. Woran erinnern Sie sich gern? Gibt es etwas, was Ihnen besonders mitteilenswert erscheint?

Galina Gagarina: Ich kann mich an vieles erinnern; aber das kann man natürlich nicht alles aufzählen. Aber es sind mir die Momente im Gedächtnis geblieben, in denen Papa richtig freie Zeit hatte und sie mit uns verbrachte. Aber leider das kam nicht oft vor. Denn neben seiner Arbeit hatte er ja unzählige gesellschaftliche Verpflichtungen, und dann forderte auch noch sein Studium an der Schukowski-Akademie der Luftstreitkräfte in Moskau seinen Tribut. Er hatte einen streng getakteten Arbeitstag: Jeden Morgen vor der Arbeit hat er zuerst die Ereignisse des Vortages in seinem Tagebuch notiert, dann ging er seinen beruflichen Verpflichtungen nach. Abends hockte er dann über den Lehrbüchern, arbeitete an Aufgaben und Projekten, die er für Prüfungen und Examen brauchte. Er war ein fleißiger und gewissenhafter Student, und er legte hohe Maßstäbe an sich und seine Umgebung: Unehrlichkeit in jeder Form, auch in Kleinigkeiten, konnte er absolut nicht ausstehen. Auch wenn es uns betraf, hat er uns ermahnt und mit uns diskutiert.  Er hatte eine eindringliche und überzeugende Art zu  sprechen und die Welt zu erklären, die man sein Leben lang nicht vergisst.

RG: Über Ihren Vater und seine große Tat sind zahllose Artikel in Zeitungen und Zeitschriften erschienen, es gibt Bücher, Dokumentarfilme und Fernsehsendungen. Entstanden sind sie zu unterschiedlichen Zeiten und mit unterschiedlichen Inhalten und Zielen. Was davon wird Ihrer Meinung nach dem Andenken an Ihren Vater gerecht? Was würden Sie heute jemandem, der gerade erwachsen wird und wissen will, auf wen oder was man in der Geschichte unseres Russlands stolz sein kann, davon empfehlen?

 

Galina Gagarina: Bücher, Artikel und Erinnerungen gibt es tatsächlich sehr viele. Mehr als genug. Der größte Teil sind Kompilationen aus verschiedenen Quellen. Einiges wurde marktschreierisch publiziert, indem mit  "brisanten" und sensationell neuen Fakten geworben wurde, jedenfalls nach Meinung der Autoren. Das war ganz typisch für die Zeit der Perestroika. Seriös und wahrheitsgetreu sind natürlich die Bücher von Juri Gagarin selbst: "Der Weg in den Weltraum" oder "Psychologie und Weltraum", das er mit einem Koautor verfasst hat. Auch die Bücher von engen Verwandten, Freunden und Kosmonauten-Kollegen gehören dazu. Seinerzeit hat das erste oder zweite russische Fernsehen, so genau erinnere ich mich nicht mehr genau, eine ausgezeichnete mehrteilige Dokumentation gezeigt, die der Entstehung der sowjetischen Raumfahrt und den ersten Kosmonauten gewidmet war.

RG: Viele Fotos von Juri Gagarin, darunter auch Amateurfotos und Schnappschüsse aus dem Familienalbum, finden sich in Museen  und Archiven, selbst im Internet. Was empfinden Sie dabei? Gibt es Fotos, die Ihnen besonders nahe gehen?

 

Galina Gagarina: Papa war ein berühmter Mann, eine öffentliche Person. Viele Leute haben ihn fotografiert, noch mehr wollten sich mit ihm fotografieren lassen. Deshalb ist es nur natürlich, dass es unzählige Fotos gibt, die auch im Internet auftauchen. Das verstehe ich und kann damit umgehen. Besonders mag ich die Bilder, die aus den Ferien stammen, wenn ich mit Papa auf der Krim oder sonstwo in der Natur war.

RG: Sie kennen Journalisten, die Juri Gagarin persönlich getroffen und wahrheitsgetreu über ihn berichtet haben. Sie kennen auch die Presse von heute.  Wie würden Sie deren Qualität einschätzen?

Galina Gagarina: Diejenigen, die exklusiv über den Beginn der kosmischen Epoche geschrieben haben, waren nicht nur brillante Journalisten, sondern sie waren noch fähig zu träumen. Was meine ich damit: Als der erste Sputnik gestartet wurde, waren ja seit dem Ende eines schrecklichen Weltkrieges kaum mehr als zehn Jahre vergangen. Die Leute haben plötzlich gesehen, dass ein Traum Wirklichkeit wurde. Sie waren ehrlich, offen, wirklich professionell, hervorragend ausgebildet, sie liebten ihr Land, hatten fundierte Kenntnisse auf dem Gebiet, über das sie schrieben. Niemals jagten sie Sensationen hinterher, sondern sie spezialisierten sich auf dem einen Gebiet, das ihnen nahe lag.

RG: Sie betonen das so. Ist das heute nicht mehr so?

Galina Gagarina: Nein. Denn leider kann ich diese Redlichkeit nicht mehr bei allen Leuten, die heute schreiben und Filme drehen, finden. Stellen Sie sich die Typen vor, die sich gar nichts dabei denken, wenn sie einer weinenden Frau, die gerade ihr Kind verloren hat, die Kamera direkt vors Gesicht halten und fragen: "Was fühlen Sie jetzt?" Ein Mann wie Konstantin Simonow hat Kriegsteilnehmer interviewt und immer die Kamera ausstellen lassen, wenn dem Gesprächspartner die Tränen in die Augen traten. Das ist heute undenkbar. Die heutigen Journalisten sind sentaionsgeil und wollen mit allen möglichen Mitteln eine Story präsentieren. Dabei sind ihnen Halb- und Unwahrheiten egal, um ans Ziel zu kommen. Sie geben sich beispielsweise als jemand Anderen aus, oder sie versuchen, die Leute zu überrumpeln. Skrupellos drehen sie einem dann die Worte im Mund herum und interpretieren sie so, wie es ihnen gerade in den Kram passt.

RG: Das klingt nach schlechten Erfahrungen. Haben Sie Anlass, sich dieserart zu äußern?

 

Galina Gagarina: Und ob! Seit kurzer Zeit geht ein Aufschrei durch den Blätterwald, weil ich den Namen meines Vaters patentrechtlich schützen lassen will. Da wird einiges an den Haaren herbeigezogen, mir Profitsucht vorgeworfen und mit dem Vermächtnis meines Vaters alles andere als behutsam umgegangen.

RG: Stimmt das denn nicht? Hat nicht Anatoli Perminow, der Leiter der russischen Raumfahrtbehörde "Roskosmos", Anfragen von Journalisten bestätigt, dass Sie einen Antrag an an das russische Patentamt "Rospatent" gestellt haben?

 

Galina Gagarina: Wissen Sie, was das Merwürdige daran ist? Ich hatte die Registrierung der Handelsmarke "Juri Alexejewitsch Gagarin" tatsächlich beantragt. Und daraufhin wurde die Handelsmarke auch registriert. Aber dieser juristische Vorgang liegt schon zehn Jahre zurück!  Es ist mir völlig unverständlich, warum da jetzt so viel Aufhebens darum gemacht wird. Und alles Unschöne, was heute daraus gezimmert wird, möchte ich hier nicht hochkochen.

RG: Gut. Es tut mir leid, wie sich meine  Berufskollegen Ihnen gegenüber aufführen. Wenden wir uns vielleicht wieder einem schönerem Thema zu. Sie haben eine unbeschwerte Kindheit genossen. Gilt das generell für Kinder von Kosmonauten?

 

Galina Gagarina: Ich weiß nicht, wie es heute bei den Kindern von Kosmonauten und Astronauten zugeht. Aber wir haben uns seinerzeit durch nichts von Gleichaltrigen unterschieden. Wir sind in dieselbe Schule gegangen, haben nach dem Unterricht unsere Freizeit gemeinsam verbracht. Und bis heute treffen sich die Schüler von zwei Abschlussklassen hin und wieder.

RG: Sie sind Volkswirtin und Dozentin. Was hat eigentlich Ihre Entscheidung bei der Berufswahl beeinflusst?

 

Galina Gagarina: Prägend waren vor allem die Gespräche mit Absolventen unserer Schule im "Sternenstädtchen", die schon an verschiedenen Hochschulen studierten und davon berichteten.

RH: Hat der berühmte Name, den Sie geerbt haben, Ihen den Weg geebnet?

Galina Gagarina: Das kann ich nicht objektiv genug beantworten, aber natürlich werden einem dadurch bestimmte Verpflichtungen auferlegt. Man fühlt sich mehr in die Verantwortung genommen, stärker verpflichtet, manchmal muss man jedes Wort auf die Goldwaage legen. Während bei anderen Leuten ein Lapsus unbemerkt bleibt, wird das bei einem Menschen mit bekanntem Namen registriert. Manchmal werden sogar Dinge einfach erfunden, die gar nicht passiert sind. Aber im Großen und Ganzen sind einem die Leute wohl gesonnen. Die Älteren erinnern sich gern an den 12. April 1961. Manchmal erzählen sie stolz von Begegnungen mit Gagarin. Jüngerefragen oft voller Bewunderung: "Sind Sie wirklich seine Tochter?" In diesen Momenten freue ich mich riesig, dass ich das Andenken an meinen Vater bewahren und weitergeben kann.

RH: Bestimmt kennen Sie das Projekt "Gagarinland", das 220 km von Moskau entfernt bei Kluschino entstehen soll. In einer "Oase der Ruhe" sollen sich betuchte Moskowiter erholen. Finnhütten, Geschäfte, Restaurants, Kinos, Hubschrauberlandeplatz bilden den ersten Abschnitt. Ein weiter Abschnitt soll bis an die Stauseen von Wasusa und Jausa gehen. Doch heute ist dort ein Landschaftspark. Was sagen Sie zu dieser "Ranch"?

 

Galina Gagarina: Mir gefällt der Name "Gagarinland" überhaupt nicht. Inhaltlich habe ich keine Bedenken. Wenn es einen Bedarf gibt, soll er gedeckt werden. Vorausgesetzt natürlich, dass die Umwelt nicht beeinträchtigt wird und Geschichts- und Naturdenkmäler nicht zerstört werden. Was die "Ranch" betrifft... Ich habe ein kleines Grundstück mit Datscha, und das reicht mir und meiner Familie vollkommen.

RH: Apropos Familie. Sergej Alexandrowitsch Wolkow und Roman Jurjewitsch Romanenko sind nicht nur die Söhne von Kosmonauaten, sondern selbst Kosmonaten. Damit gibt es in Russland Raumfahrer in zweiter Generation. Und wie beide sagen, ist bereits die dritte Generation im Anmarsch. Das ist natürlich etwas ganz Besonderes. Wie steht es bei Ihnen persönlich? Welchen Weg haben die Enkel Juri Gagarins eingeschlagen?

 

Galina Gagarina: Katja, die Tochter meiner Schwester Jelena, hat Geschichte an der Lomonossow-Universität Moskau studiert, promoviert gerade und arbeitet in den Kreml-Museen. Mein Sohn Juri studiert Verwaltungswirtschaft an der Moskauer Universität. Ganz gleich, was Sie später einmal machen werden, das Andenken Ihres Großvaters werden Sie in Ehren halten.

RG: Vielen Dank für das Interview.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Tageszeitung Rossiyskaya Gazeta.

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