Aus der Provinz zu den Sternen

Hoch über dem Ufer des Flusses Oka steht ein strahlend weißer Quader, durchbohrt von einem konischen Flugkörper. Das Kosmonautische Museum in der Stadt Kaluga, 200 Kilometer südlich von Moskau, ist nicht von ungefähr so futuristisch geraten: An seiner Kons-truktion wirkten Anfang der 60er-Jahre Sergej Koroljow und Juri Gagarin mit. Im Museum wird die Geschichte der Raumfahrt erzählt - von den Vordenkern bis heute. Zu den unterschied-
lichen Exponaten gehören Raketen,
Motoren und Raumanzüge. Manche haben schon einen Flug ins All hinter sich.

Im Kosmonautik-Museum herrscht Anfang April hektisches Treiben. Eine Sonderausstellung über Gagarin wird zusammengestellt, Einladungen an die Kosmonauten-Veteranen zur Konferenz „Mensch, Erde, Kosmos“ werden verschickt, und gerade kommt Museumsdirektor Jewgenij Kusin von draußen: Spezialisten haben die Rakete „Wostok“, die seit 1973 vor dem  Museum steht, nach der Renovierung wieder aufgerichtet. „Und soll ich seine Briefe jetzt nach Gagarin schicken?“ fragt seine Assistentin. „Na gut, schick sie. Da fährt ja schließlich der Präsident hin“, antwortet Kusin etwas knarzig. 

Die Briefe von Jurij Gagarin gehen an das Museum in seiner Heimatstadt. Am 12. April, heute vor 50 Jahren, flog Gagarin als erster Mensch ins All. Nach seinem Tod 1968 wurde die Stadt im Smolensker Gebiet nach ihm benannt. Ganz Russland feiert das Jubiläum, und dass Präsident Dmitrij Medwedjew nicht zu ihm nach Kaluga kommt, kann Direktor Kusin verkraften. Schließlich ist das Museum, das er seit nunmehr 24 Jahren leitet, das zentrale Kosmonautik-Museum Russlands. 180.000 Besucher wollen jedes Jahr sehen, wie der Traum vom Weltraum geboren – und wie er Wirklichkeit wurde.

Und das Museum ist das erste seiner Art weltweit: Nur zwei Monate nach dem Flug, der den Weg des Menschen ins All bereitete, legte Gagarin hier den Grundstein für das Kosmonautik-Museum. Aber warum gerade hier, in Kaluga, zweihundert Kilometer südwestlich von Moskau, am idyllisch gelegenen Steilufer des Flusses Oka?

Die Antwort findet man im Museum selbst: Die Ausstellung beginnt mit den ersten ersten Flugversuchen des Menschen, den Flugzeugmodellen Leonardo da Vincis, den Flugballons der Gebrüder Gondolfier, Otto Lilienthals Gleitfliegern. Dann eröffnet sich eine Halle, in deren Mitte eine silberne, mehrstufige Rakete steht, die stark an die Illustrationen erinnert, die Jules Vernes „Von der Erde zum Mond“ schmücken. Aber es ist ein Modell, das der russische Raumfahrt-Visionär Konstantin Ziolkowskij erdacht hat, ein „Ganzmetall-Luftschiff“ mit mehreren Kammern und einem mehrstufigen Antrieb. Konzipiert im Jahre 1892.

Ziolkowskij, geboren 1857, lebte die längste Zeit seines Lebens in Kaluga und in Städten der Umgebung. Seinen Lebensunterhalt verdiente der schon im Kindesalter ertaubte Wissenschaftler als Mathematik- und Physiklehrer, in seiner Freizeit konstruierte und testete er Flugkörper. Zwar wurden seine Theorien in russischen Fachzeitschriften gedruckt, aber von seinen Zeitgenossen wurde er als Sonderling wahrgenommen. „Dabei hat er so viele Dinge vorhergesehen“, sagt Museumsdirektor Kusin. „Seine Überlegungen über das Verhalten des Menschen in der Schwerelosigkeit von 1882 etwa haben sich später in der Realität bestätigt.“ Nicht umsonst hätten spätere Kosmonauten gesagt: „Der erste Mensch im All war Ziolkowskij.“ Wenige Meter vom Museum entfernt ist Ziolkowskij, der 1935 starb und so die Verwirklichung seiner Ideen nicht mehr erlebte, unter einem Denkmal begraben. Dort ist auch sein berühmtestes Zitat zu lesen: „ Die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber welches Kind bleibt schon ewig in seiner Wiege.“

Ausgangspunkt des Kalugaer Museums sind deshalb Ziolkowskijs visionäre Arbeiten. Zum Museum gehört außerdem das Wohnhaus Ziolkowskijs in Kaluga und eine Wohnung in der Stadt Borowsk, wo der Wissenschaftler einige Jahre lebte.

Im größten Ausstellungssaal des Museums lässt sich hautnah erleben, wie die Menschheit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Ideen Ziolkowskijs in die Tat umsetzte: Silbern glänzt eine technische Kopie des Sputnik 1, der im Jahr 1957 um die Erde kreiste. Auf Nachfrage schaltet ein Museumsmitarbeiter gerne das Piepen ein, das damals 26 Tage lang Hobbyfunker auf der ganzen Welt hören konnten.  Ein Ausstellungsstück, das besonders die vielen Schüler fasziniert, die tagtäglich durch das Museum pilgern, ist ein etwa ein Meter langer Apparat mit Schläuchen und einer anmontierten Glaskugel: In solchen Kapseln kehrten Hunde Ende der 50er Jahre von Testflügen aus dem All zurück. „Von 52 kehrten nur vier nicht zurück“, beantwortet Irina Seljunina, die im Museum die Ausstellungen konzipiert, eine oft gestellte Frage. Sehr populär ist bei den jüngeren Besuchern ist auch das Plantarium, das erst im letzten Jahr mit einem neuen Zeiss-System ausgestattet wurde.

Auch zwei Original-Raumkapseln, in denen Kosmonauten auf die Erde zurückkehrten, zeigt das Museum: So etwa die Wostok-5, mit der Walerij Bykowskij 1963 zur Erde zurückkehrte. An der Außenhülle der Kapsel sieht man die Schmauchspuren, die der Wiedereintritt in die Atmosphäre hinterlassen hat. „Es ist angenehm, wieder mal in dieser Kapsel zu sitzen“, steht auf einem Sitz im Inneren der Kapsel. Die lapidare Botschaft hat Bykowskij bei einem späteren Besuch mit Filzstift geschrieben.

Daneben sind im Museum Raumanzüge zu bewundern, Proben von Mondsand, Hämmer und Schraubenzieher, die speziell für die Schwerelosigkeit konzipiert wurden – und natürlich das berühmt-berüchtigte Weltraumessen: Miniaturbrote, Kaffee mit Milch, russische Krautsuppe – alles natürlich in Trockenform. „Die Kosmonauten erzählen aber, dass es gar nicht so schlecht schmeckt, wie es aussieht“, erzählt Seljunina.

Der zentrale Raum des Museum quillt allerdings inzwischen über vor Raketenmodellen, Motoren und Mondfahrzeugen. „Beim Bau des Museums konnte ja niemand wissen, wie schnell sich die Raumfahrt entwickeln würde“, erklärt der Direktor lachend. Aber eine Erweiterung des Museums ist geplant: Vielleicht schon im nächsten Jahr beginnt der Bau eines neuen Gebäudes, das die Ausstellungsfläche vervierfachen wird. Hier soll auch ein begehbares Modell der Raumstation „MIR“ Platz finden. 40 Millionen Euro soll das neue Gebäude kosten, erklärt Kusin. Mit Ungeduld wartet er auf die Finanzierung aus dem russischen Kulturministerium.

Eines der wenigen Dinge, bei denen sich der Visionär Ziolkowskij übrigens geirrt hat, war die Zeit, die die Menschheit bis zum ersten bemannten Raumflug benötigen würde: Er tippte auf das Jahr 2000. Gagarin kam dem 39 Jahre zuvor.

SERVICE:

Info: Das Museum ist täglich außer montags geöffnet. Führungen werden in englischer, französischer und deutscher Sprache angeboten. Anmeldung unter: +7 4842 745004

Mehr Informationen unter http://www.gmik.ru/index_en.html

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