Es ginge ohne Atom

Copyright: Dmitri Divin

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Am 26. April 1986 kam es im Atomkraftwerk Tschernobyl zu einer folgenschweren Havarie. Die Regierung der UdSSR versuchte, den Störfall zu 
verschweigen, doch bald wurde in Skandinavien, später in Deutschland, erhöhte Radioaktivität gemessen. Dann erst 
informierte die sowjetische Regierung die Öffentlichkeit, 
einige Tage später war das Ausmaß der Katastrophe nicht mehr zu leugnen.

Nach 1991 engagierte sich Russland verstärkt in internationalen Umweltprojekten. Im April 1992 wurde ein Abkommen mit Deutschland geschlossen, in dessen Rahmen ein gemeinsames Projekt zum Strahlungsmonitoring in der 30-km-Zone von Kernkraftwerken initiiert wurde. Kurz darauf unternahm Russland keine geringen Anstrengungen, um die Sicherheit seiner Kernkraftwerke zu erhöhen. Sämtliche AKWs kamen auf den Prüfstand, vieles wurde modernisiert. Die Internationale Atomenergie-behörde IAEA bestätigte die 
Effektivität der neuen Standards. Wenn ihre Experten die russischen AKWs als die sichersten der Welt bezeichneten, traf dies durchaus zu.

Das ist bis heute so, doch haben zahlreiche Reaktoren – ebenso wie in Deutschland und anderen Ländern – das Ende ihrer Betriebsdauer erreicht. Vielfach wurden Laufzeitverlängerungen bewilligt, eine Entscheidung, die beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Hintergrund der Ereignisse in Japan ausgesetzt hat. China will sein gesamtes Atomprogramm überdenken. Zu Recht, denn die Geschichte der Kernenergie zeigt: Atomwissenschaftler können eine Katastrophe nicht voraussehen, sondern erst im Nachhinein Vorkehrungen treffen, damit sie sich nicht wiederholt. Großtechnische Objekte mit einem derartigen Gefahrenpotenzial sollten prinzipiell nicht 
gebaut werden, warnen Ökologen bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert.

Ausgediente Reaktoren sind vom Netz zu nehmen, an ihre Stelle dürfen keine neuen treten. Vielmehr sollte man auf erneuerbare Energien setzen, für eine gewisse Zeit wird auch die weitere Nutzung von Kohlenwasserstoff-Brennstoffen unvermeidlich sein. Doch die Zukunft gehört der 
 regenerativen Wind- und Sonnenenergie und der Erdwärme, traditionellen wasserenergetischen Anlagen ebenso wie Gezeitenkraftwerken. Das Argument, dies alles reiche nicht aus, um den wachsenden Energiehunger der Menschheit zu stillen, trifft nicht zu. Das heutige Endprodukt der gesamten Weltwirtschaft ließe sich mit einem Energieaufwand herstellen, der um das Zwei-, wenn nicht gar Vierfache unter dem jetzigen liegt.

Verzichtet die Weltgemeinschaft auf Kernenergie, wird auch Russland diesen Weg einschlagen. Denn selbst der sicherste Reaktor kann zerstört werden, und 
die Auswirkungen eines sol-
chen GAUs sind verheerend. Seit die Japaner begannen, den havarierten Reaktor mit Meerwasser zu kühlen, ist klar: Das Atomkraftwerk Fukushima ist verloren. Optimistische Modellrechnungen besagen zwar, dass die Folgen in Fukushima nicht mit denen von Tschernobyl vergleichbar sind. Doch hier liegt das Problem: Ein Modell ist eben nicht die Realität, und niemand weiß, worin genau sich das eine vom anderen unterscheidet. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist die Menschheit nun bereits mit dem „Test“ Atomkraft befasst. Obwohl es in der Tat auch ohne ginge.

Viktor Danilow-Daniljan, unter Jelzin Umweltminister, ist Direktor des Instituts für Wasserprobleme der Akademie der Wissenschaften.

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