Wiedergeburt des Dorflebens - Wassilij Schukschin am Ku’damm

Foto: Das Moskauer Theater der Nationen

Foto: Das Moskauer Theater der Nationen

Wassilij Schukschin, der das russische Dorf mit seinen großen kleinen Tragödien dokumentierte, starb vor 
37 Jahren. In Berlin feierte er nun seine Auferstehung.

Trauben von Menschen warten an diesem Abend Mitte März vor der Schaubühne in Berlin: „Haben Sie vielleicht noch eine Karte?“ Die Chancen stehen schlecht: Das ganze russische Berlin ist gekommen wegen Schukschin, dem Bauernsohn, der in tiefster Sowjet-zeit aus seinem Dorf aufbrach und zum Volksschriftsteller wurde.

Das Stück „Schukschins Erzählungen“, russisches Gastspiel auf dem Festival Internationale Neue Dramatik (F.I.N.D.), war seit 
Wochen ausverkauft.

Schukschins Erzählungen und Filme kennt jeder, der jene Zeiten erlebt hat; der 1929 in einem sibirischen Dorf geborene Schriftsteller erzählt mit Hang fürs Absurde und großer Liebe von Freud und Leid einfacher Menschen. Nicht mehr, nicht weniger.

Das Moskauer Theater der Nationen hatte Alvis Hermanis engagiert, ein Glücksfall, denn für den lettischen Regisseur ist Schukschin der russischste aller Autoren. Vor Probenbeginn reiste das ganze Team in sein Heimatdorf Srostki im Altai, und tatsächlich trafen sie dort noch immer seine Prototypen: Traktoristen, Verkäuferinnen, Ärztinnen und die ganz alten Dorfbewohner.

Die Bühnenbildnerin Monika Pormale lichtete die Menschen und Landschaften von heute ab, präsentierte die stark vergrößerten Fotos auf Stellwänden und schuf damit eine Brücke aus den 1960er-Jahren in unsere Zeit. Die
Ausstattung ist so schlicht wie 
genial, die ganze Inszenierung 
inspiriert vom Lubok, dem russischen Volksbilderbogen.

Zwei Dorfpomeranzen sitzen vor einem Sonnenblumenfeld auf der Holzbank und knacken geröstete Kerne wie seit jeher im ländlichen Russland. Sie spucken die Schalen aus und schwatzen, bis die anderen Akteure sich beleben, in die Handlung einsteigen und sich vor unseren Augen verwandeln, nicht mit Schminke oder aufwendigen Kostümen, sondern durch Änderung der Körperhaltung, Mimik und Gestik, durch ihre Intona-
tion und Diktion.

Die acht hochkarätigen Schauspieler (Stars wie Jewgenij Mironow, Tschulpan Chamatowa oder Julia Peresild) sind in den acht Erzählungen oft nicht wiederzuerkennen. Für Minuten erfassen sie den Wesenskern ihrer Figur, der ganze Körper erzählt; dann Schnitt: Die Wände werden ausgetauscht, und die Schauspieler tauchen in der nächsten Erzählung gänzlich verwandelt auf.

Der Zuschauer lacht und fiebert mit dem kleinen Stjopka mit, der von der Liebe heimgesucht wird, den Vater als Brautwerber anheuert und urplötzlich seinen cleveren Konkurrenten aussticht; oder mit Serjoga, der die allseits 
begehrte Krankenschwester Klara erobert, von ihr betrogen wird und sich vor Gram zwei Finger 
abhackt. Da trudelt Stepan in 
seinem Dorf ein, aus Heimweh ist er drei Monate vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis ausgebrochen. Nach einer ausufernden Familienfeier, auf der auch die Oma wiederaufersteht und anzügliche Stegreiflieder hinfetzt, kommt der Milizionär ...

Erzählter Text über und er-
zählendes Handeln durch die 
Figuren verflechten sich in der 
Inszenierung, treten in einen vielschichtigen Dialog miteinander, mit den Porträts, mit dem Publikum und mit der Musik, die als unverfälschte Folklore meist live gespielt wird.

Im zweiten Teil schlägt die schräge Komik in Tragik um. Vor einer tristen Plattenbaufassade tanzt Mironow als Kolja mit glasigen Augen die Ziganotschka, während seine Frau an der Nähmaschine rattert. Die Ehe lieblos, die Verwandtschaft nervtötend, die Stadt zuwider – der entwurzelte Kolja sehnt sich nach seinem Dorf, und eines Morgens finden sie ihn tot in der Küche bei geöffnetem Gashahn, während „eine Träne auf der Wange noch nicht getrocknet war“. Vor dem Bild des nun verblühten Sonnenblumenfeldes endet die Vorstellung: Alle acht Künstler spielen mit Knopfakkordeons auf. Standing Ovations, Jubel, ein glückliches Publikum und zufriedene Schauspieler.

In Moskau ist die Inszenierung seit der Premiere 2009 stets ausverkauft, die Karten werden auf dem Schwarzmarkt mit Preisen bis zu 800 Euro gehandelt. Aber dann, so erzählen die Schauspieler, fällt es ihnen schwer, das 
Publikum wirklich mitzureißen. Denn oft hat es, wie der Schauspieler Jewgenij Mironow meint, „unseren eigentlichen Reichtum vergessen. Wir sind Alvis Hermanis sehr dankbar. Er sagte uns: ‚Diese Literatur ist euer Gold, das Beste, was ihr habt, und das 
Reinste von allem: Güte, Schlichtheit und Unverfälschtheit.‘“

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