Denis Matsujews Leben in der Musik

Denis Matsujew. Foto bereit gestellt von der Pressestelle

Denis Matsujew. Foto bereit gestellt von der Pressestelle

Als junger Student zog er 1991, kurz nach dem Putsch, in ein feucht-herbstliches Moskau mit einem Klima der totalen Unsicherheit und gähnend leeren Läden. Wenig später spielte er schon vor Elisabeth II. und dem Papst.

An einem Eichentisch in einem englischen Pub im Zentrum von Moskau und leger gekleidet wirkt Denis Matsujew nicht weniger charismatisch als im Frack am Konzertflügel. Aber er kümmert sich auch gern um Details: "Könnten Sie bitte die Musik in diesem Lautsprecher ein bisschen herunterdrehen? Damit die Aufnahme nicht gestört wird?", bittet er die Bedienung. Matsujew, der gerade sein neues Album aufnimmt, macht sich sogar hier Sorgen um die Tonqualität. Wir reden über die kommende Nordamerika-Tournee, die ihn nach unter anderem Boston, Baltimore, San Francisco, Vancouver und Totonto führen wird. Matsujew freut sich sehr darauf, wieder vor einem amerikanischen Publikum aufzutreten. "Es ist immer wunderbar, in den Staaten zu spielen. Wenn man auf die Bühne kommt, ist das jedes Mal ein richtiges großes Fest."

Ein Bär auf der Bühne

Der 35-jährige Pianist gibt 160 Konzerte pro Jahr und kann sich nicht einmal erinnern, wie viele Alben er schon aufgenommen hat ‒ 18 oder 19. Für die Kritiker ist er "ein Virtuose in der großartigsten russischen Tradition (Gramophone), "der neue Horowitz" (The Times) oder manchmal sogar "ein Bär auf der Bühne" (La Scena Musicale). Letzteres scheint ihm gar nichts auszumachen.

„Die ganze Atmosphäre zu Hause war Musik“

Die Geschichte dieses weltweiten Siegeszugs beginnt vor 33 Jahren im sibirischen Irkutsk, als der drei Jahre alte Denis zum ersten Mal vor einem Klavier steht, die Hand nach den Tasten ausstreckt, die er noch nicht sehen kann, und mit einem Finger eine Melodie nachspielt, die er gerade beim Wetterbericht im Fernsehen gehört hat.

"Die ganze Atmosphäre zu Hause war Musik", erinnert sich Matsujew. "Meine Mutter hat am pädagogischen Institut und an der Musikschule unterrichtet. Mein Vater war Pianist und Komponist. Er hat die Musikabteilung am Schauspieltheater geleitet und außerdem an der Musikschule gearbeitet. Zu Hause haben wir ständig Musik gehört, auf Platten und live ‒ meine Eltern haben gespielt, und es gab Hauskonzerte."

Matsujew ist auch stolz darauf, dass er allen gängigen Vorstellungen von einem Wunderkind widerspricht. "Klar, ich habe ein erstaunlich gutes Ohr für Musik. Ich kann eine Melodie in Sekundenschnelle aufnehmen und eine Sonate in ein paar Tagen lernen. Aber ich habe nie zehn Stunden am Tag geübt. Ich war ein völlig normaler Junge ‒ ich habe EisHockey gespielt und Fußball, und ich hab mir ein paar Mal den Arm gebrochen", fügt er noch hinzu.

New Names

Tatsächlich hätte der Fußball beinahe in seine Musikerlaufbahn eingegriffen. Im April 1991 kommt eine Delegation von der "New Names" Charitable Foundation auf der Suche nach jungen Talenten in die Stadt. Doch Matsujew, damals Schüler an der Musikschule Irkutsk, reißt sich keineswegs darum, an den Vorspielterminen teilzunehmen. Der 14-Jährige trainiert nämlich gerade fleißig mit dem Irkutsker Juniorfußballteam.

"Ich hatte einen fürchterlichen Streit mit meinen Eltern", lacht Denis. "Sie haben gesagt: 'Los, geh hin uns spiel irgendein Präludium von Rachmaninow … danach kannst du ja wieder Fußball spielen.' Und schließlich haben sie mich überredet. Ich bin noch total verschwitzt vom Training dorthin gegangen und hab ihnen was vorgespielt. Die Leute von "New Names" haben mich nach Moskau eingeladen. Aber ich weiß nicht warum, irgendwie hab ich sie nicht wirklich ernst genommen. Ich hab gesagt, klar, mach ich, vielen Dank auch, und dann war ich schon wieder auf dem Fußballplatz beim Kicken."

Von Irkutsk nach Moskau

Sechs Monate später kommt Matsujew auf Einladung der Stiftung nach Moskau, um bei einem Film über talentierte Kinder mit dem Titel "Morning Star" mitzumachen. Außerdem hat er Gelegenheit, in der Zentralen Musikschule Moskau vorzuspielen. Nur eine Woche später sieht er sich vor eine schwierige Wahl gestellt.

"In Irkutsk gab es für einen Musiker so gut wie keine Perspektive. Moskau war die einzige Chance. Nicht nur, um anerkannt zu werden, sondern um überhaupt Konzerte zu geben. Aber der Umzug war wirklich eine Katastrophe für mich. Es war 1991, ein schrecklich feuchter und windiger Herbst, der Augustputsch war gerade vorbei, die Sowjetunion ist vor unseren Augen auseinander gefallen, in den Läden gähnende Leere, überall nur Angst und Unsicherheit, und plötzlich erzählt dir jemand, du musst nach Moskau umziehen, raus aus Irkutsk, wo alles vertraut ist, wo deine Freunde sind, die Schule und die Mädchen. Ich hab einfach nicht verstanden, warum ich das alles aufgeben sollte." Aber Matsujew ist ein Fan des Moskauer Fußballvereins 'Spartak'. "Als meine Eltern mir gesagt haben, wir könnten uns in Moskau Fußballspiele ansehen, sah plötzlich alles ganz anders für mich aus."

Das Erfolgsrezept

Fragt man Matsujew nach dem Geheimnis seines Erfolgs, antwortet er prompt, 80 Prozent seien der Verdienst seiner Eltern. "Überlegen Sie mal, sie haben in Irkutsk alles aufgegeben und sind in eine Einzimmerwohnung in Moskau gezogen. Da haben sie gewaschen, gekocht und mit mir geübt! Natürlich gab es überhaupt keine Garantie dafür, dass ich Erfolg haben würde ‒ ich bin ja nur zum Studium an die Musikschule gekommen. Das nenne ich wahres Heldentum. Meine Großmutter hat heimlich ihre Wohnung in Irkutsk verkauft und mir 18 000 Dollar gegeben, 'für den Anfang'. Mit dem Geld haben wir unsere Wohnung in Moskau gemietet."

Doch als erstes schaut sich Matsujew in Moskau ein Spiel seines Lieblingsvereins an. Eine Zeitlang lässt er kein einziges Match aus, wenn er in Moskau ist. "Als 'Spartak' 1992 das erste Mal die Meisterschaft gewonnen hat, haben Fans die Polizeiabsperrungen durchbrochen und sind auf den Platz gelaufen, um die Spieler hochzuheben. Ich bin auf den Platz gerannt und hab die Torpfosten berührt. Das war ein Augenblick der reinsten Freude für mich."

Sieger des Tschaikowski-Wettbewerbs

Doch das ist keineswegs der einzige Gefühlssturm, den er durchlebt. Matsujew und seine talentierten Kollegen von der "New Names"-Stiftung gehen auf ausgedehnte Tourneen. Matsujevw tritt am NATO-Hauptquartier auf, im Buckingham-Palast, vor den Vereinten Nationen und in der Carnegie Hall. Er spielt für die englische Königin und den Papst. "Erst dann habe ich begriffen, dass Musik wirklich mein Beruf werden könnte."

Als Matsujew 1998 den ersten Preis des Internationalen Tschaikowski-Wettbewerbs gewinnt, ist er schließlich überzeugt, dass er als Musiker Karriere machen könnte. Unter den Gratulanten befindet sich auch der legendäre britische Komponist Andrew Lloyd Webber. Matsujew ist ihm schon einige Jahre zuvor begegnet. "Er hat mir ein Fax geschickt. Darin stand 'Ich habe nie daran gezweifelt.'"

Talentförderung

Seit 2008 ist Matsujew Vorsitzender von "New Names", der Organisation, die ihm einst die Bühnentüren öffnete. Und jetzt fördert er selbst junge Talente. Um die Zukunft der klassischen Musik scheint er sich allerdings Sorgen zu machen. "Die Chancen für ein junges Talent, sich einen Namen zu machen, sind nahezu Null. Für Musikmanager ist es wesentlich profitabler, einen bekannten Namen zu präsentieren, bekannte Stücke auszuwählen, ein ausverkauftes Haus zu haben, das Geld einzusacken und nach Hause zu gehen. Es gibt nur sehr wenige Leute, die bereit sind, Geld in junge Menschen zu investieren und nicht zu wissen, ob es sich auszahlen wird oder nicht." Matsujew macht sich zum Fürsprecher dieser jungen Musiker. Er organisierte das Crescendo Festival 2005 und sorgte dafür, dass talentierte Studenten daran teilnahmen. "Viele Leute haben damals gesagt, die Russische Schule (der Musik) sei praktisch tot, aber wir haben ihnen gezeigt, dass das nicht stimmt."

Der Wahnsinn soll niemals enden

Nach einem Konzert in Paris vor einigen Jahren kam Sergej Rachmaninows Enkel Alexander in Matsujews Garderobe und schlug ihm vor, einige unbekannte Werke des großen Komponisten aufzuführen. Rachmaninow komponierte die Stücke, als er am Moskauer Konservatorium studierte, und sandte sie an Tschaikowski, dessen Sekretär sie schließlich verlegte. "Ich habe sie auf Rachmaninows Konzertflügel an seinem französischen Landsitz aufgenommen. Das Album war sehr erfolgreich, und so begann unsere Zusammenarbeit mit der Rachmaninow-Stifung… Zur Zeit planen wir ein Projekt für 2012 mit dem Philadelphia Orchester, mit dem Rachmaninow die meisten seiner Aufnahmen gemacht hat."

 Auf die Frage, ob er denn noch irgendwelche Träume habe, antwortet Matsujew voller Begeisterung: "Dass dieser Wahnsinn niemals endet." 

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