Katastrophen-Tourismus in der verbotenen Zone von Tschernobyl

Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl. Foto: Veronika Dorman

Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl. Foto: Veronika Dorman

Fünfundzwanzig Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl wird der Ort zur touristischen Attraktion für Neugierige und Abenteurer. Doch Ärzte warnen, denn die Gefahr ist noch nicht vorüber.

Rund um die Überreste des in der Nacht vom 25. zum 26. April 1986 havarierten Atommeilers in Tschernobyl wurde im Umkreis von 30 Kilometern eine Sperrzone errichtet. Hinein gelangt nur, wer ein berechtigtes Interesse nachweist oder - das ist jetzt neu - genügend Geld auf den Tisch packt. Abenteurer aus aller Welt haben inzwischen Gelegenheit, für eine Atom-Safari den streng bewachten Checkpoint zu passieren. Zuvor - das steigert den Adrenalinspiegel und entlastet gleichzeitig die Betreiber der Atomruine von Verantwortung - müssen sie unterschreiben, dass sie hinreichend aufgeklärt wurden, für alle eventuellen Risiken die persönliche Verantwortung übernehmen und die Betreiber für etwaige Schäden nicht haftbar machen werden.

Während man sich in der inneren Sicherheitszone dem beschädigten Reaktor immer weiter nähert, der von einem Sarkophag aus Beton und Stahl umgeben ist, geben die Dosimeter ihr bedrohliches Knackgeräusch in immer schneller Folge von sich. Die Radioaktivität steigt rapide an. Aber die Guides von der Regierungsbehörde "Tschernobyl Interinform", die die verbotene Zone rund um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl betreibt, beschwichtigen. „Die Strahlungsdosis, die man hier an einem Tag abkriegt, ist geringer als die von einer Röntgenaufnahme beim Zahnarzt“, erklärt Juri Tatartschuk. Er arbeitet seit 1998 bei "Tschernobyl Interinform" und begleitet inzwischen immer häufiger Journalisten, Abenteurer und neugierige Touristen.

Seit mehreren Jahren haben einige Reiseveranstalter in Kiew Ausflüge in die 100 Kilometer entfernte Todeszone im Programm. Die Safari in das technologische Trauma kostet für westliche Verhältnisse nicht allzu viel. Zwischen 160 bis 240 Euro muss man auf den Tisch blättern. Das ist überschaubar. Was man dafür erhält, hält sich demzufolge auch im Rahmen: Zuerst wird man in einer Gruppe von 30 Personen im Bus zum Checkpoint gebracht, wo dann "Tschernobyl Interinform" übernimmt. Die ersten Informationen und Verhaltensmaßregeln, die man am Schlagbaum bekommt, sind ebenso bescheiden. Sonya, eine junge Kanadierin, ist sich offenbar nicht bewusst, dass sie in ihren Ballerinas nicht sonderlich geschützt ist. Überall liegt noch der radioaktive Fallout, der noch Jahrzehnte für die Bodenstrahlung verantwortlich ist. In der Geisterstadt Pripjat mit ihren menschenleeren Ruinen aus Stahl und Beton ist jeder Tritt gefährlich.

Die Besucher halten sich deswegen nicht zu lange an einem Ort auf, sondern hetzen durch die Ruinen und erhalten nur ab und an ein paar spärliche und schnell hingeworfene Erklärungen. Ein ständiges Hintergrundgeräusch liefern die Dosimeter, mit denen die "Atomtouristen" den Strahlenpegel messen. Doch selbst ohne die bedrohliche Geräuschkulisse ist die Gegend ein Albtraum. Pripjat, die ehemalige Stadt der Kernkraftwerker, ist seit 25 Jahren völlig verlassen. Es wuchert zwar Unkraut, ein paar Tiere lassen sich beobachten, aber es gibt keine Menschen. Die Besucher scheinen die einzigen Menschen zu sein.

Der neue Sarkophag


Nicht weit vom Reaktor ragen neue Stahlgerüste wie Ruten in den Himmel. Dies ist die Baustelle für den neuen Sarkophag, der als zweiter Mantel über den alten Sarkophag geschoben werden soll. Der alte ist in den letzten Jahren baufällig und porös geworden. Radioaktivität entweicht wieder. Schon seit 2007 plant das französische Konsortium Novarka mit den regionalen Regierungsbehörden das Projekt.

In Abhängigkeit vom technisch Notwendigen und finanziell Möglichen hat sich das Planungsziel ständig verändert. War anfangs noch vorgesehen, die neue Hülle so zu gestalten, dass auch im Inneren eine technische Revision und Sanierung möglich gewesen wäre, reicht heute das Geld nur noch für eine Verstärkung des äußeren Panzers, der einfach die Umgebung vor der nuklearen Gefahr wieder besser schützt.

Experten kritisieren deswegen die Mängel des Projekts. „Der Hauptzweck der neuen Hülle bestand darin, den alten Sarkophag zu demontieren, um die eigentliche Quelle der Katastrophe, d. h. die Reste des Kernbrennstoffs zu beseitigen“, erklärte Nikolai Karpan. Er weiß, was nötig wäre, um die Gefahr endgültig zu bannen. Denn er war seit  1969 Chefingenieur des Meilers, leitete zwischen 1986 und 1989 die Behörde für Schadensbegrenzung und ist gegenwärtig Sprecher der Enquete-Kommission zur Bewertung der Risiken der Tschernobyl-Katastrophe der Nationalen Partei. „Aber das ursprüngliche Ziel wurde völlig außer Acht gelassen, und das heutige Projekt ist bloß eine leere Hülle, ein Gehäuse, das keine Demontage mehr vorsieht. Außerdem bietet es keinerlei Möglichkeit, dass Menschen im Innern Inspektionen oder Aufräumarbeiten durchführen könnten.

Wolodymyr Choloscha, Chef der Sperrzone von Tschernobyl, gibt sich dennoch optimistisch: „Wenn der Sarkophag demnächst repariert ist, wird er 15 Jahre lang halten.“ Doch nach ursprünglicher Planung sollte eine Lebensdauer von 25 bis 30 Jahren erreicht werden.„Wir haben zwar keine hand- und gerichtsfesten Beweise für Korruption im Vorfeld des Projekts, doch alles deutet darauf hin“, kritisiert der Energieexperte Wladimir Tschuprow von Greenpeace Russia. Er bezieht sich auf die 600 Millionen Euros, die das Bauvorhaben bereits verschlungen hatte, bevor es zum ersten Spatenstich kam.

Doch eines stimmt: Derzeit geht die Hauptgefahr von radioaktivem Staub aus, der wieder vermehrt aus dem havarierten Meiler dringt. Er wird vom Wind verweht und führt beim Menschen zu innerer Strahlenbelastung, wenn er eingeatmet wird. In der Tat ist die innere Absorption der radioaktiven Partikel ein Vierteljahrhundert nach der Katastrophe eine dauerhafte Bedrohung für die wenigen Arbeiter und Angestellten, die mit der Kontrolle und Schadensbegrenzung des havarierten Werks beschäftigt sind, sowie für Tausende von Menschen, die zwar weiter abseits, aber dennoch in radioaktiv verseuchten Gebieten wohnen. Jenseits der 30-Kilometer-Sperrzone, die unmittelbar nach dem Unfall evakuiert wurde, hat der Boden über Hunderte von Kilometern  den gefährlichen Fallout  aufgenommen. Und dieses Land ist besiedelt.

Fotos: Veronika Dorman


25 Jahre Strahlung

In den 25 Jahren sind die Bewohner dieser Gegenden durch ihre Nahrung belastet worden: Pilze, Beeren und Milch von Weidekühen sind ausnahmslos Strahlungsquellen. „Es gibt weder eine offizielle Statistik noch über eine klinisch eindeutige Diagnose, aber Kinder in den kontaminierten Gebieten haben ein geschwächtes Immunsystem und leiden häufig unter Wachstumsdefekten“, konstatiert Olga Waslenkow, eine Ärztin bei "Les Enfants de Tschernobyl", dem französischen Gesundheitszentrum in Kiew.

Auch Iwan Newmerschizki, Chefarzt am Krankenhaus Lipniki in der Region Schitomir, teilt die Diagnose von Waslenkow: „Die Zahl der Fälle von Magen- und Lungenkrebs ist in den letzten 25 Jahren deutlich gestiegen, Bronchitis muss nun wochenlang behandelt werden, da die Menschen keine Immunitätsreserven mehr haben“, erläuterte er. „Meiner Meinung nach besteht eine direkte Verbindung zur Strahlenbelastung durch Nahrungsgüter und Lebensmittel.“ In Supermärkten verkaufte Produkte werden zwar streng überwacht, nicht jedoch solche, die die Bauern am Straßenrand anbieten. Auch Nahrungsmittel für den Eigenverbrauch unterliegen keiner Kontrolle.

Evakuierte Ukrainer und Touristen, die die Sperrzone aufsuchen, glauben überwiegend, dass sie den Verwüstungen der Vergangenheit einen Besuch abstatten, aber die tickenden Geigerzähler machen keinen Hehl daraus, dass die Tragödie anhält. „Ich wollte mich mit den Gefahren der Atomkraft auseinandersetzten, als ich die Reise buchte. Und diese wenigen Stunden in der verbotenen Zone haben meine schlimmsten Ahnungen bestätigt, wie groß die Gefahr ist, in der wir leben“, resümiert Ronan, ein amerikanischer Anwalt, den "Ausflug" in die Unwirklichkeit. 


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