Geschlechtsreife Großstädterkunst

Voina-Aktivisten: Oleg Vorotnikow (links), Natalia Sokol mit Baby Kasper (Mitte), und Leonid Nikolayew (rechts).

Voina-Aktivisten: Oleg Vorotnikow (links), Natalia Sokol mit Baby Kasper (Mitte), und Leonid Nikolayew (rechts).

Ein 60-Meter-Phallus und umgestürzte Polizei-Ladas: 
Die Künstlergruppe Wojna hält die russische Öffentlichkeit in Atem. Und erhielt jetzt einen staatlichen Preis.

Es wird eine unruhige Sommernacht für die Petersburger Polizei am 82. Geburtstag des Revolutionärs Che Guevara. Neun junge Leute, schwarz gekleidet, maskiert und bewaffnet mit weißer Farbe, stürmen die Litejny-Zugbrücke im Herzen Sankt Petersburgs. Jede Nacht wird sie bis zum Morgengrauen hochgezogen. Bis die zwei Brückenhälften senkrecht stehen, vergehen genau
40 Sekunden.

Für ihr Action Painting brauchen die neun Künstler nur 23. Die Brückenwache versucht sie zu fassen, erwischt aber nur einen jungen Mann. Alle anderen rennen davon. Was bleibt, ist ein senkrecht stehender, 65 Meter hoher Phallus, der auf das Hauptquartier des FSB-Geheimdienstes zeigt.

Aktion „Palaststreich“

 

Hinter der Aktion steckt die Art-Gruppe Wojna – auf Russisch „Krieg“. „Der Pimmel in der FSB-Gefangenschaft“, wie sich das Kunstwerk nennt, macht landesweit Schlagzeilen. Wem ihre 
Aktionen „Gruppensex im Zoologischen Museum“ oder „Sturm des Weißen Hauses“ nicht aufgefallen waren - jetzt kam niemand mehr an ihnen vorbei.

Über 60 Leute sollen der 2007 
gegründeten Gruppe angehören, den Kern bilden drei: Philosoph Oleg Worotnikow, seine Frau 
Natalja Sokol, Physikerin, und 
Leonid Nikolajew, Spitzname „Ljonja der Durchgeknallte“, der in einer gar nicht fernen Vergangenheit Büroangestellter bei einem Heizkörperhersteller war. 48 Stunden verbringt er nach der Phallus-Aktion auf dem Polizeirevier, wird aber nur des Rowdytums bezichtigt und darf gehen.

Abschrecken ließ er sich nicht: Kurz nach der Nacht- und Nebelaktion marschierte „der Durchgeknallte“ mit einem blauen Eimer auf dem Kopf vor dem Kreml über ein Fahrzeug des Geheimdienstes: Protest gegen die Blaulichter an den Dienstwagen von Regierungsbeamten, die sich auf Moskaus Straßen zu viel erlauben.

„Wojna spiegelt lediglich die Meinung des Volkes wider“, sagt der Philologe Alexej Pluzer-Sarno, ebenfalls Wojna-Mitglied. In letzter Zeit allerdings eher passiv: Nach der letzten Wojna-Aktion setzte er sich vorsorglich nach 
Estland ab.

Die bisher folgenreichste Aktion richtete sich gegen die viel zu milde Polizeireform – ein Thema, das die russische Gesellschaft stark beschäftigt. Wojna hatte die Diskussionen darüber in eine Performance auf dem Palastplatz in Sankt Petersburg umgesetzt.

Nachts patrouillieren zahlreiche Polizeistreifen auf dem Platz, in den Seitengassen stehen die Streifenwagen. Der zweijährige Sohn von Oleg und Natalja ließ seinen Ball unter einen Wagen rollen, vier junge Männer kippten dann die Polizei-Ladas aufs Dach.

Wie viele Streifenwagen die Künstlergruppe bei dem „Palaststreich“ in jener Nacht auf den Kopf stellten, wurde nicht publik. Es ging nicht um Quantität, sondern um Qualität: Die Künstler wollten ein Exempel statuieren, zeigen, wie die Polizeireform angegangen werden sollte – radikal und kompromisslos.

Die Aktion wurde Wojna zum Verhängnis. Die Polizei tat das, was viele schon für lange überfällig hielten: Sie erstattete Anzeige wegen Vandalismus und brachte Oleg und Leonid für vier Monate in Untersuchungshaft. Und hätte der b ekannte britische Streetart-Künstler Banksy nicht eine großzügige Spende überwiesen, säßen die beiden noch immer im Knast. Nun warten sie in Freiheit auf das kommende Gerichtsverfahren.

Fotos: plucer.livejournal.com


Offener Streit über Kunst

Banksys Begeisterung teilen in Russland allerdings nicht alle. Im Internet brach ein offener Streit aus, als sich vor wenigen Wochen ein Teil der Künstler-Community zusammenraufte und erwirkte, dass Wojna für einen staatlich dotierten Preis nominiert wurde. Der Künstler Andrej Erofeew, der als Kurator der Ausstellung „Achtung Religion!“ kürzlich selbst vor Gericht stand, ließ verlauten: „Das Riesengraffiti ist ein Protestsymbol, es verdient den Preis.“

Wojna selbst boykottierte die Preisverleihung: Die Prämie werde vom Kulturministerium vergeben – dem erklärten Feind der Künstlergang. Nach der Nominierung gerieten ihrerseits Vertreter 
des Ministeriums in Panik und verkündeten in einem offiziellen Schreiben, dass die Entscheidung nicht aus ihren Reihen stamme.

Auch viele etablierte Künstler stellen sich quer. Der Maler Ilja Glasunow etwa mit seiner Galerie direkt am Kreml: „Geschlechtsorgane auf Brücken zu malen, das ist keine Kunst.“

Kunsthistoriker Joseph Backstein widerspricht: „Nicht alle Aktionen der Gruppe sind eindeutig. Viele sind sehr skandalös, und das ist für unser heutiges Russland eine Seltenheit, gibt aber der Gesellschaft wichtige Impulse.“ Genau das ist das Ziel von Wojna: „Wir wollen die Gesellschaft wachrütteln“, sagt Oleg Worotnikow. „Und einen Staat brauchen wir nicht, das ist eine veraltete Gesellschaftsform.“ Seine Frau Natalja wird noch konkreter: „Wir wollen das Putin-Regime stürzen.“ Mit ihren politischen Aussagen begreifen sich beide doch immer noch als Künstler.

Aktivisten der kremlnahen Bewegung „Junges Russland“ sehen das anders. Die 20-jährigen Jugendlichen protestierten vor dem 
Kulturministerium gegen die Preisverleihung. Wojna seien keine Künstler, sondern Extremisten. Wenigstens jemand, der sich sicher ist.

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