Wir wussten nicht, dass der Tod so schön sein kann

Verwischte Spuren der eiligen Evakuierung. Foto: Getty Images/Fotobank

Verwischte Spuren der eiligen Evakuierung. Foto: Getty Images/Fotobank

Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch und Künstler Peter Cusack zum 25. Jahrestag von Tschernobyl in Berlin.
Swetlana AlexijewitschSwetlana Alexijewitsch

Heute wissen wir es: Eine blühende Gegend kann sich in wenigen Minuten in einen Friedhof verwandeln. Dass tote Menschen und Tiere in der Erde begraben werden, ist normal. Ashes to ashes. Aber hier wurde lebendige Erde abgetragen und in der Erde begraben. Milch und Gemüse, Kinderspielzeug, Kleider wurden in der Erde begraben. Wie hilf- und schutzlos wir Menschen dem Geschehen einer Reaktorkatastrophe, den entfesselten Kräften von Atomenergie, bei allem Glauben an Technik und Fortschritt, gegenüber stehen, führte uns die Tragödie vor 25 Jahren im ukrainischen Tschernobyl vor Augen. Das vordergründige Argument, das Unglück sei lediglich aufgrund des sowjetischen Schlendrians möglich gewesen, gilt nicht mehr, seit sich nun die gleiche  Hilflosigkeit und Verwirrung im hoch technisierten Japan rund um das Geschehen in Fukushima zeigte. Wie man das Ungeheuerliche verständlicher machen kann und welche Rolle die Kunst dabei spielt, darum ging es, als die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch und der englische Klang- und Bildkünstler Peter Cusack, beide Stipendiaten des Künstlerprograms vom DAAD, ihre Arbeiten in Berlin vorstellten.  

Tschernobyl, Gebet heißt Alexijewitschs Buch im russischen Original, es erschien erstmals 1997. Ihr dokumentarischer ‘Roman in Stimmen’ verleiht Empfindungen und Gefühlen von Menschen aus Tschernobyl eine künstlerisch verdichtete Form, die sich manchmal von Monologen zu Chören steigert. Die Autorin recherchiert für jedes Buch sehr breit und systematisch, sucht aber durch ihre Fragen stets jene Ebene des emotionalen Erlebens beim Gesprächspartner zu finden, wo sich das Erzählte zum Bild verdichtet, wo das Unbekannte, an das gerührt wurde, sich artikuliert.  In unserer Zeit braucht es viele Stimmen, handelt es sich doch um Geschehnisse, „wofür wir noch kein System von Vorstellungen, noch keine Analogien oder Erfahrungen haben, woran unsere Augen und Ohren noch nicht gewöhnt sind, wofür nicht einmal unser bisheriger Wortschatz, unser ganzes inneres Instrumentarium ausreicht.“ Ein Mysterium, das eine Grenzüberschreitung und neue Ansätze verlangt, um aus dem Leid zu Erkenntnissen zu kommen. Die neue literarische Hauptfigur, der Feind, das wurde der Autorin bald klar, zeigte zwar Parallelen zum Krieg, erschien aber in neuer Qualität und Gestalt: „Als der Reaktor brannte, gab es so ein wunderschönes himbeerfarbenes Leuchten, dass die Menschen alle raus auf die Balkone gegangen sind, um es zu bewundern, Jungens sind mit dem Fahrrad möglichst nah an den Reaktor hingefahren, es wurde fotografiert.“ „Wir wussten nicht, dass der Tod so schön sein kann“, sagt eine Stimme in ihrem Buch. Das heutige Böse ist schön!

Peter Cusack. Foto:APPeter Cusack. Foto:AP

Sounds of Tschernobyl


Diesen „Feind“ in Bildern und Tönen einzufangen gelang auch Peter Cusack, als er 2006 und 2007 in die verstrahlte Zone um Tschernobyl reiste, wo sich Leben und Tod begegnen. Verwischte Spuren der eiligen Evakuierung vor 25 Jahren: mit Staub überzogene Schuhe von Kindern und Erwachsenen, verrottende Gebrauchsgegenstände; rostige Kähne in den Pripjatsümpfen, verwahrloste Plattenbauten; Stille, die dem Betrachter aus den Bildern entgegenzuschlagen scheint, eigenartige Laute, Vibrationen; ein gespenstisches, leeres Riesenrad. Die wieder üppig blühende Natur, Vogelgezwitscher  - und mitten drin die Gewalt des unsichtbaren, stets anwesenden Todes. Alte Frauen, die evakuiert wurden, singen Lieder vom heimatlichen Dorf: wie die Tiere in der Zone den Menschen vermissen und ihn suchen. Sie fragen das leere Haus, den Schornstein, der nicht mehr raucht, den blühenden Apfelbaum… Folklore und Märchenmotive vermischen sich, gipfeln in Liedern über Posaunen, die das apokalyptische Unglück verkünden. Swetlana Alexijewitsch kennt diese Volkspoesie und dörfliche Weltsicht gut, sie ist auf dem Land aufgewachsen, wo ihre Eltern Lehrer waren und  hat beobachtet, dass die Dorfbewohner besser damit zurechtkamen als die Städter. Denn „auf dem Land hat man in der Ukraine und in Weißrussland noch eine sehr kosmische Weltsicht, man ist ganz anders mit der Natur und den Tieren, mit dem Rhythmus des Jahres, dem Lauf der Gestirne verbunden.“ Später habe sie diese kosmische Weltsicht auf anderer Ebene in der russischen Literatur, etwa bei Dostojewski gefunden. Und der Zivilisationsbruch unserer Zeit verlaufe genau zwischen technikgläubigen Menschen, die Reaktoren bauen oder sprengen und Menschen, die mit dem Land verbunden sind; die zurückkehrten in die Zone und dort fast wie vor fünfhundert Jahren als Bauern leben, mit Petroleum, Sensen und ihren Tieren.


Kunst beginnt für Alexijewitsch da, wo einfache Menschen über ihren Schmerz und ihr Leid anfangen zu erzählen. „Die Zeit der großen Helden ist vorbei, ich wollte dem einzelnen kleinen Menschen im roten Imperium, der während der Sowjetzeit zum Sandkorn wurde, seine Stimme geben, seinen Schrei festhalten.“ Tschernobyl – eine Chronik der Zukunft erschien jetzt im Berlin Verlag in Neuauflage mit einem aktuellen Vorwort der Autorin zu den Ereignissen in Fukushima.

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