Klischees in Moskau

Oh, wie herrlich unklischeehaft diese Reise gegen alle Klischees beginnt! In Spanien und Italien ist es kalt, es stürmt und regnet. In Moskau hingegen eitel Sonnenschein. Und auf dem Roten Platz, auf dem morgen am 1. Mai die große Parade zum Tag der Arbeit und des Frühlingsfestes stattfinden wird, schlendern über die gelben Spuren, auf denen morgen Panzer rollen werden, lachende Touristen. 

Aber vor allem: Hochzeitsgesellschaften. Ein Tag nach dem offiziellen Akt von William und Kate im fernen England ist auch hier die Hochzeitssaison voll eröffnet. Und pardon, ein Klischee stimmt: Die Frauen, sie tragen Festtagschuhe, die hochhackiger nicht sein könnten. Dumm, bei all dem Katzenkopfsteinpflaster auf dem Roten Platz. Doch wie das so ist mit Traditionen: Die Bräute samt Gefolgsdamen stolpern und stürzen lieber, statt die Schuhe auszuziehen.
Doch es gibt Zeichen, die auf Aufbruch deuten: Es wird anders fotografiert. Wer normale Fotos macht ist hier entweder fremd oder alt. Alle anderen knipsen gebückt zwischen ihren Beinen durch nach hinten während zehn Meter weiter die Freundin durch die eigenen Beine hindurch Faxen macht.
Es gibt noch viel mehr Kreativität in dieser Stadt, in der schon der Alltag den Menschen jede Menge Fantasie abnötigt, in der das reguläre Durchschnittseinkommen bei umgerechnet 2000 Euro liegt und eine Wohnung soviel Miete kosten kann wie in München. Glücklicherweise müssen viele Mokauer nicht mieten, sie besitzen mindestens eine Wohnung, die sie auf dem Schwarzmarkt vermieten. Und den Rest verdienen sie dazu, indem sie entweder Besuchern überteuerte Matroschkas andrehen
oder mit ihrem Auto als illegale Taxifahrer durch die Stadt cruisen und Fußgänger mitnehmen, sobald diese seitlich die Hand ausstrecken.
Es scheint Mitfahrer genug zu geben, obwohl die Metro nicht nur ein architektonischer Traum ist, sondern man sich bei der Vielzahl am Polizisten dort deutlich sicherer fühlt als auf dem mit Plastikflaschen und Papiertüten bedeckten Rücksitz eines hochgetunten Illegal-Taxis. Außerdem, in der Metro ist man extra fürsorglich zu den Fahrgästen. In welcher Stadt sonst läuft bei jeder Rolltreppe eine Permanentdurchsage, in der man gebeten wird, beim Verlassen der Treppe nicht hinzufallen und auch seinen Rock nicht einzuklemmen?
Sehr wohlmeinend ist es auch, einen Tag der Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit in den Schulen abzuhalten, ein Tag, den man sicher nicht abhalten würde, wenn er nicht nötig wäre. Trotzdem, cool bei sind solche Tage nicht. Cooler ist da schon das alljährliche Comicfestival, das dieses Jahr mit Unterstützung des Goethe-Institutes und der EU zu einem internationalen Comicworkshop werden soll, an dessen Ende 50 000 Comicbüchlein an den Schulen im Land verteilt werden sollen. Der offizielle Slogan: Respekt. Der inoffizielle Slogan: »Du musst deinen Nachbarn nicht lieben – respektier ihn einfach!« In diesem Sinne sind wir sehr gespannt auf morgen, den ersten Mai.

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