Rockmusik und Reichtum in Moskau

Die Hotels dieser Stadt weisen drei interessante Merkmale auf. Zwei stammen noch aus der sowjetischen Zeit und sind unverändert geblieben: die Anwesenheit gut aussehender junger Frauen, mit weniger gutem Ruf, und eine Belegschaft, die immer noch davon überzeugt ist, dass es ungezogen ist, zu lächeln. Die dritte Eigenschaft hingegen ist relativ neu: Die Penetration amerikanischer Musik, die mit voller Lautstärke gespielt wird, sich zwischen Marmor und Samt vibriert, um dann genauso schnell zu verschwinden, wie sie gekommen ist. Es sind die Generalproben privater Feiern: Die Rockmusik steht für Modernität, die Lautstärke verhält sich proportional zum Reichtum.

Eine weitere Leidenschaft der Wohlhabenden ist das Spielen mit den Erinnerungen aus der UdSSR. Das hat nichts mit politischer Sehnsucht zu tun, sondern ist generationsbedingt - es sind die Erinnerungen aus ihrer Kindheit. Während die Regierung diese zu patriotischen Zwecken nutzt, haben andere die kommerziellen Vorteile erkannt. Im Restaurant „Mari Vanna“ (Spiridonevsky per.) fasziniert mich der Fernseher, der nur russische Sendungen aus den 60er und 70er Jahren ausstrahlt, die Kellnerinnen mit geflochtenen blonden Zöpfen und die Inneneinrichtung, die die Errungenschaften des Sozialismus verherrlicht. Übrigens steht auch noch am Eingang ein Kerl im Trainingsanzug, der Transistorradio hört.

Das Russland, das wir gleich verlassen werden, mag ein widerspenstiges Land sein, bleibt aber dennoch ein leidenschaftlicher und tiefsinniger Ort. Es ist wie ein raues, nordisches und kontinentales Italien: die Leute vertreiben ihre Zeit damit, den kürzesten Weg zu finden, können aber auch überschwänglich und großzügig sein. Außerdem wissen sie, was Geduld bedeutet: Der Stoizismus dieses Landes, das sowohl eisig als auch glühend sein kann, ist in Europa unübertroffen.

Denn Russland gehört in der Tat zu Europa. Aufgrund seiner Geschichte, seiner Geografie und seines Charakters ist es zwar ein Europa der Extreme, das man jedoch weder verpassen noch aufgeben sollte. Ein Europa, das die nachlässigste Form von Demokratie des XX. Jahrhunderts erlebt hat, die Zeit der 90er Jahre unter Boris Jelzin. Ein Europa, das zwischen neuen Regeln und althergebrachten Impulsen hin und hergerissen ist und seit Jahrhunderten darüber diskutiert, was es werden will. Im Russland des Nikolaus I. (1825-1854) preisten die Slawophilen die Werte der patriarchalischen Bauerngesellschaft. Die Westler (zapadniki) hingegen wollten den Weg der Reformen fortsetzen, den Peter der Große eingeleitet hatte. Die Lage hat sich nicht verändert: Auch unter Putin und Medwedew, die keine Stellung dazu genommen haben, steht man vor dem gleichen Dilemma.

Gestern habe ich erzählt, dass ich 1986 zum ersten Mal nach Moskau kam. 1991 lebte ich einige Monate hier und bin seitdem ungefähr zehn Mal zurückgekommen. Ich bin mir im Klaren drüber, dass ich eine öffentliche Gefahr bin: Mit meinen Erinnerungen könnte ich alle langweilen. Tatsache ist, dass ich gerne an einen Ort zurückkehre und eine gewisse örtliche Vertraulichkeit mit neuer Verwunderung vermische. Heute sind wir auf den Sperlingsberg (Vorob’ëvy Gory) gestiegen und sind auf eine sonntägliche Menschenmenge und Schnee gestoßen (das Goethe-Institut hatte uns nicht vorgewarnt!). Vom Belvedere aus, mit Blick auf die Moskwa, verlangen sie € 150 für eine kleine (künstlich veraltete) Büste von Leonid Breschnew. Ich protestiere: „Das ist doch nicht euer Ernst?“ Und die Verkäufer, abwertend: „Das ist nichts für Ausländer. Nur wir Russen können es uns leisten, weil wir Geld haben“.

(Deutsche Übersetzung: Soledad Ugolinelli)

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