Auf Skiern in die Akrobatik

Dmitri Kawunow. Foto:Photoxpress

Dmitri Kawunow. Foto:Photoxpress

Freestyle Skiing ist wundervoll und faszinierend. Die Herzen der Zuschauer erstarren, wenn ein Skifahrer von der Sprungschanze hoch in die Luft fliegt, ein Salto macht und in einem Schneewirbel den Abhang hinunter stürmt. Nur die Erfolgreichsten schaffen es, ihre Kunst auf Tournieren zu zeigen. Dmitri Kawunow, Cheftrainer der russischen Mannschaft im Freestyle-Springen, erzählt über diese atemberaubende Disziplin.

Der Lehrer von Lina Tscherjasowa, Olympiasiegerin in  1994, übernahm nach den Olympischen Spielen in Vancouver den Posten des Cheftrainers der russischen Mannschaft. Er ist ein Mensch der Tat und nicht der Worte. Auf der Pressekonferenz aus Anlass des Weltcups in Moskau  antwortete er lakonisch; er erweckte den Eindruck, als wolle er sich eher vor den aufdringlichen Kameras und Reportern verstecken. Aber am Hang legte er sich für zwei ins Zeug: griff sich eine Schaufel, um die Sprungschanze für die Wettbewerbe zu bauen, und erzählte ganz nebenbei von seiner olympischen Disziplin. Sie ist nicht nur die sehenswerteste aller Freestyle-Disziplinen, sondern auch die „älteste“. Wettbewerbe im „Skiballett“ fanden schon Anfang der zwanziger Jahre statt. Allerdings handelte es sich damals eher um eine Show. Die Sportler fuhren zu Musik einen Hang hinunter und verzierten ihr Abwärtsgleiten mit Sprüngen und Drehungen.

Welchen Platz hat Russland im Freestyle Springen?

In der Zukunft werden wir in der Skiakrobatik dominieren. Russland wird einen führenden Platz in dieser Sportart einnehmen, weil es alles dafür Nötige besitzt. Auch Moguls ist bei uns auf einem sehr guten Niveau: unsere Sportler belegen den vierten oder fünften Platz bei den Weltcups. Sie sind auf dem besten Weg, in die Elite aufzusteigen.

Kann man von einer russischen Schule sprechen, von einem Fahr- und Trainingsstil, der sich vom amerikanischen unterscheidet?

Früher, zu Sowjetzeiten, als wir begannen, war das noch so. Aber jetzt haben wir gleichgezogen, alle geben ihr Wissen weiter.

Apropos, würde es sich nicht anbieten, die Trainingsmethoden der Chinesen zu übernehmen?

Unsere Probleme liegen nicht im technischen oder theoretischen Bereich. Wir wissen alles. Es findet jetzt einfach ein Generationswechsel statt. Es gibt eine Alterslücke: die Alten sind dabei auszusteigen, aber die Jungen sind noch nicht reif. Wir können nicht in zwei Jahren eine neue Generation ausbilden, dazu ist dieser Sport zu schwierig.

Freestyle-Springen ist kein Massensport. Wenn die Aufmerksamkeit fehlt, mangelt es oft auch am Geld. Haben Sie Probleme in dieser Hinsicht?

Ich glaube, das hat nichts mit den Finanzen zu tun, eher mit der Sportart. Freestyle-Springen ist so vielfältig und schwierig – man muss Skifahrer und Akrobat sein. Es ist eine spezielle Sportart, die nicht für jeden etwas ist. Fußball kann jeder spielen, der eine erreicht ein hohes Niveau, der andere nicht, aber er kann trotzdem aus Spaß Fußball spielen. Freestyle-Springen ist etwas anderes, du kannst ja nicht einfach aus dem Stand zehn Meter mit Skiern in die Höhe springen. Es ist ein Sport, den du ernsthaft betreibst. Deshalb gibt es im Prinzip nur eine Handvoll von Leuten, die das wollen, und denen mangelt es an nichts.

Auch in Russland?

Ich glaube, ja. Russland hat jede Menge Möglichkeiten, weil es groß ist: große personelle Möglichkeiten, viel Schnee und viele Schulen. Und, was wichtig ist - kostenlose Schulen! Ich habe zehn Jahre in Amerika und in Kanada gearbeitet, da ist das alles mit Kosten verbunden. Während bei uns die meisten Schulen für Anfänger in Akrobatik und Freestyle-Springen immer noch kostenlos sind. Das gilt nicht nur für Akrobatik, sondern auch für Moguls.

Viele finden sicher, je eher die Sportler auf diesem Niveau auftreten, desto einfacher werden sie es später haben…

Wenn du genügend vorbereitet bist, ja. Wenn ein Sportler ein anspruchsvolles Programm, aber keine Erfahrung hat, dann sicher. Aber manche kommen zu einem weltweiten Wettbewerb, und das auch noch mit einem sehr leichten Programm und ungenügend vorbereitet. So fällt jemand einmal hin, rappelt sich wieder auf, und dann fällt wieder dreimal hin… Sie müssen trainieren. Bei Weltcups lernt man keine Programme, sondern zeigt sie.

Und wo trainiert die Mannschaft?

Die ältere Mannschaft hielt sich im Winter in den USA auf, weil die Etappen des Weltcups in Kanada und Amerika stattfanden. Die zweite Besetzung trainierte in Finnland, während wir in Amerika waren.

Und in Russland kann man nicht trainieren? Fehlen da die Voraussetzungen?

Ja, besonders am Anfang. Das Training beginnt ja im November, da muss es schon Schnee geben, was bei unseren Sportzentren nicht der Fall ist. Im Januar und Februar ist es leichter, solche Zentren zu finden, aber das ist die Zeit, wo die Wettbewerbe ausgetragen werden und wir auftreten müssen. Das ist der Grund, warum die Nationalmannschaft in Russland nicht die nötigen Trainingsmöglichkeiten hat.

Der Artikel erschien im Magazin Russki Reportjor, das auch das Wikileaks-Dossier publiziert.  


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