Wir verlassen Kiew

Mancher wird denken: „Eine Landkarte zurate ziehen, in einen Zug einsteigen und einen Kontinent durchqueren? Wie kindisch.“ Was soll man dazu sagen? Stimmt. Aber auch Erwachsene müssen sich ab und zu wie Kinder amüsieren und das Bahnfahren gehört nun wirklich eher zu den harmloseren Einfällen. Züge sind eine wandernde Bühne, auf der die Schauspieler und der Hintergrund ständig wechseln. Genauso, wie Kathedralen Orte des Austausches und der Kommunikation sind, wurde mal geschrieben. Allerdings darf man in Zügen laut reden und der Eingang liegt oft sehr weit weg vom Ausgang entfernt.
In meinem Leben bin ich schon mit der Transsibirischen Eisenbahn (Moskau-Peking), mit der Transaustralischen Bahn (Sydney-Perth), mit einem Zug von Helsinki nach Istanbul und sehr oft die Strecke Mailand-Rom (genauso exotisch) gefahren. Im letzten Jahr – einige von euch werden sich daran erinnern – bin ich mit dem Zug von Berlin nach Palermo gefahren, mit meinem Kollegen Mark Spörrle von der Zeit, der mit beigebracht hat, einen Zug wie einen Tatort zu analysieren, als ob ich Agatha Christie wär. Sobald er in einen Wagen steigt, stürzt er sich auf die Toiletten, untersucht sie und kommt mit einem detaillierten Gutachten zurück. Von Kiew nach Krakau – erzählen mir meine Informanten – hat er Irena begutachtet, eine blonde ukrainische Studentin. An dieser Stelle möchten wir Frau Spörrle in Hamburg beruhigen: Es handelt sich nur um anthropologische Neugier.

Züge sind ein nie aus der Mode kommender Klassiker, genauso wie das Fahrrad und die Uhr mit den Zeigern. Sie sind Wiegen und Orte des Denkens, in denen man sich jeder Vorstellung hingeben kann (schließlich führt man sie nicht selbst). Züge fördern Begegnungen und Begrüßungen. Sie sind wandernde Lesesäle. „Ach wie gut ist es doch, unter lesenden Menschen zu sein. Warum sind sie nicht immer so?“, fragte sich einst Rainer Maria Rilke. Eine sehr gute Frage, leider ohne Antwort. Wir können sagen, dass sich Männer – und Frauen, doch in geringerer Anzahl – in Zügen gut benehmen. Doch steigen sie irgendwann mal aus und tun das, worüber sie im Zug nachgedacht haben.

„Leih mir dein gewaltiges Getöse, deinen so lieblichen Gang/
dein nächtliches Gleiten durch das beleuchtete Europa (...)
Die Süße des Lebens habe ich zum ersten Mal /
in einem Abteil des Nord-Expresses erfahren, zwischen Wirballen und Pskow“.
Dies ist die wörtliche Übersetzung eines Zitats von Valery Larbaud (auch bekannt unter den Pseudonymen A.-O. Barnabooth, L. Hagiosy, X. M. Tourmier de Zamble). Er wurde als Sohn des Inhabers des Unternehmens geboren, der das bekannte Vichy-Mineralwasser in Flaschen abfüllte, und reiste am Ende der Belle Époque in Superluxusabteilen. Heute ist das anders: Ukrainische Züge sind nicht luxuriös, und wenn wir ehrlich sind, ist unsere Epoche auch nicht ganz so schön. Doch ist das beleuchtete Europa, nachts, weiterhin ergreifend. Und die Süße des Lebens lässt sich noch erahnen, wenn unser Herz im Rhythmus des Zuges schlägt und Mark sich keine neuen Dinge ausdenkt.

Krakau, ich komme.

(Deutsche Übersetzung: Soledad Ugolinelli)

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