Tourismus ist besser als Terrorismus

Foto: Ruslan Sukhushin

Foto: Ruslan Sukhushin

Der Staat förderte das Projekt in den letzten vier Jahren mit 10,4 Milliarden Euro. Es könnte sein, dass der Plan nicht ganz aufgeht, zumindest haben eine Handvoll Terroristen es darauf angelegt.

Niemals wird die Welt das Entsetzen über den barbarischen Anschlag auf die Schule im nordossetischen Beslan vergessen. Vor allem vor Ort lebt die Erinnerung fort.

Die Straßevom Flughafen über Beslan zur Hauptstadt von Nordossetien Wladikawkas führt direkt am Friedhof mit dem Denkmal für die 380 Opfer vorbei.

 “Eine schreckliche Tragödie, auch ich habe Verwandte verloren, die hier zur Ruhe gebettet sind”, berichtet der 43-jährige Oleg Karsanow, während er über den Friedhof geht. Es ist ein grauer Nachmittag und der Nebel hängt so tief, dass die herrliche Bergwelt nicht zu sehen ist. Das passt zur Stimmung.

Doch wieder im Jetzt und Hier spannt sich Karsanow, sein Gesicht hellt sich auf. Er hat als Tourismusminister von Nordossetien viel vor. Aus der russischen Gebirgsrepublik will er einen Touristenmagneten zaubern – trotz großer Skepsis, die ihm von allen Seiten entgegengebracht wird. Viele fragen sich, ob diese turbulente Region tatsächlich große Besucherzahlen anlocken kann.

Doch es geht schon jetzt voran, resümiert Saur Kuchijew, nordossetischer Minister für wirtschaftliche Entwicklung, denn der Tourismus stieg in den letzten vier Jahren bereits jährlich um zehn Prozent Im letzten Jahr kamen sogar 10.000 Besucher aus dem Ausland, die meisten von ihnen zum Jagen, denn die Republik ist reich an Wild. Auch wurden neue Hotels gebaut, und eine ganz beträchtliche Anzahl  Russen kommt bereits regelmäßig zum Skifahren hierher.

Hotel in Nordossetien. Foto: Legion Media 

Hotel in Nordossetien. Foto: Legion Media

Das bestätigt, dass Karsanow gute Arbeit geleistet hat.

Kein Wunder, konnte er doch auf guten Voraussetzungen aufbauen: Er machte in Großbritannien seinen  MBA-Studium und leitete danach in London acht Jahre lang ein Consulting-Unternehmen.

Inzwischen fährt er zweigleisig: Er stellt zum einen die Infrastruktur bereit, erschließt für die künftigen Ferienressorts das Bauland und bietet zum anderen Anreize für Investoren, die Hotels und Restaurants errichten wollen. Dabei findet er Unterstützung aus Moskau, von wo aus das Projekt mit 10,4 Milliarden Euro unterstützt wird. Momentan konzentrieren sich die Arbeiten auf Mamisson, das ein neues Skigebiet werden soll. Dafür sind  700 Millionen Euro vorgesehen. Es entsteht gute zwei Autostunden südwestlich von Wladikawkas auf einer Höhe von 1.800 bis 3.000 m und soll über 100 km Pisten in allen Schwierigkeitsgraden aufweisen.  

Doch auch Mamisson ist Teil des großen Projekts, das wegen der anhaltenden Terrorgefahr in der Region sowohl im Inland und noch mehr im Ausland durchaus kritisch beäugt wird.

Der Regierung ist das Problem sehr wohl bewusst. “Wenn jemand auf eine Karte schaut und sieht, dass wir ganz dicht an Tschetschenien liegen, wirkt dies natürlich abschreckend“, konstatiert Oleg Kalajew, erster stellvertretender Ministerpräsident von Nordossetien die Lage. Man hofft jedoch, dass Mamisson durch die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi profitieren wird.

Neben solchen Megaprojekten wie Mamission verfolgt er auch kleinere touristische Projekte. “Wir setzen zum Beispiel auf Ökotourismus“, erläuterte Karsanow. “Viele Familien auf dem Land sind bereit, Ferien auf dem Bauernhof anzubieten.  Einige machen das bereits. Sie können alle Einnahmen für sich behalten, Steuern werden vielleicht später einmal fällig, wenn sich das Projekt rentiert." 

Die Einwohner Nordossetiens sind für ihre Gastfreundschaft bekannt. "Der Gast ist heilig," brummt ein Bauer, und sein Bruder würde gern etwas dazu verdienen: "Wir könnten eine Pension oder einen Laden aufmachen. Doch noch kommen zu wenige, das würde sich nicht rentieren." 

Auf die Frage, wer die finanziellen Risiken in Kauf nähme, in diesen Bergen zu bauen, entgegnet Karsanow: „Es gibt eine riesige Diaspora im Ausland und hier in Russland… viele erfolgreiche Geschäftsleute aus Ossetien leben in anderen Teilen Russlands und würden gerne in ihrer Heimat investieren.“

 

 WIEDERAUFERSTANDEN AUS SÄGEMEHL

 

Einige Kilometer südlich von Wladikawkas hat die Möbelfabrik Rokos ihren Sitz. Sie ist ein klassisches Beispiel für den Niedergang eines Betriebes aus der Sowjetzeit. Doch nun könnte es doch noch ein Happy End geben.  

“Zu Sowjetzeiten war es eine der größten Möbelfabriken des Landes. Sie ging in den 90er Jahren pleite, doch wir haben den Betrieb wieder geöffnet und nutzen nun ausländische Technologien und Ausrüstungen“, erklärt Chefingenieur Jurij Godschijew, 33. „Wir beschäftigen mittlerweile Dutzende von Angestellten.“

Das 10-Millionen-Euro-Projekt basiert auf einem italienisch-russischen Joint Venture, das 2007 gegründet wurde. Mit qualitativ hochwertigen Bücherregalen aus regionaler Eiche hat es in kurzer Zeit  auch international sich einen Namen gemacht. Inzwischen kann sich Roskos loben, seine Holzstühle für 140 Euro das Stück in Läden in Moskau und anderen Städten zu verkaufen.

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Taimuras Mamsurow. Foto: Ria Novosti

Taimuras Mamsurow. Foto: Ria Novosti

 

Interview mit Taimuras Mamsurow, Präsident von Nordossetien seit 2008

 

In Ihrer Region ist die Arbeitslosenquote mit zwölf Prozent für russische Verhältnis recht niedrig. Wie wurde das erreicht?

 

Im Kaukasus gab es schon immer sehr viel Arbeit, auch schon zu Zeiten der Sowjetunion.

Zurzeit ist eines unserer Hauptprobleme, dass zu viele Jura studieren, denn so viele Anwälte werden gar nicht gebraucht. Aber unsere technischen Hochschulen haben nun wieder größeren Zulauf, und das ist gut so.

Gott sei Dank spricht sich langsam herum, dass man fünf oder sechs Universitätsdiplome haben und trotzdem ohne Anstellung dastehen kann, während ein anderer eine gute Ausbildung als Schreiner genossen hat und recht gut leben kann.

Auf welche Bereiche setzen Sie bei der wirtschaftlichen Entwicklung?

 

Wichtig sind vor allem Metallurgie und Forstwirtschaft, die auf unseren natürlichen Ressourcen basieren. Sie werden für den Bau- und Produktionssektor gebraucht, insbesondere beim Straßenbau und der Möbelherstellung. 

Zudem müssen wir lernen, den touristischen Dienstleistungssektor zu entwickeln.

 

Für die Zukunft ist ein fester Frieden wichtig.

 

Ganz recht. Aber die jüngere Generation, die in äußerst schwierigen Zeiten aufgewachsen ist, hat sich sehr gut an neue Realitäten angepasst,

Versprechen Sie sich von den bevorstehenden Olympischen Winterspielen in Sotschi einen Impuls?

 

Selbstverständlich! Wir sind bei vielen Bauprojekten mit engagiert. Wenn die Spiele vorüber sind, bekommen wir für Wladikawkas eine in Sotschi genutzte Eisarena. Verstehen Sie: Es sind nicht die Olympischen Spiele von Sotschi, sondern die Olympischen Spiele von Russland, und wir alle – von Kamtschatka bis Kaliningrad – tragen unseren Teil dazu bei, dass sie ein Erfolg werden.

Spürt man in Nordossetien noch immer die Wunden der Tragödie von Beslan?

 

Sie werden sehr lange Zeit zu fühlen sein und im Gedächtnis haften bleiben. Meine Generation wird sich daran ein Leben lang erinnern.

Die Kinder, die damals vier oder fünf Jahre alt waren, werden sich – wenn sie 100 Jahre alt werden sollten – an die Ereignisse mehr als 90 Jahre lang erinnern. Wir müssen Beslan immer im Gedächtnis bewahren. Es ist eine Lektion für diejenigen, die vergessen haben, dass Kinder das Wichtigste auf der Welt sind. Schließlich sind es doch unsere Kinder, für die wir arbeiten, Steuern zahlen und Geld verdienen!

Versetzen wir uns einmal ins Jahr 2030. Ihre Kinder und Enkelkinder sind mittlerweile erwachsen. Wie stellen Sie sich Nordossetien und Ihre Kinder dann vor und hoffen Sie, dass diese dann noch immer hier leben?

 

Life is life – wer weiß, wo es uns noch einmal hin verschlägt?  Mein Sohn studiert an der Moskauer Bauman-Universität. Und ich habe zwei Töchter, von denen die Ältere verheiratet ist und im Norden Russlands lebt. Meinem Sohn rate ich immer, er soll einmal nach Beslan in sein Vaterhaus zurückkehren. Doch das ist nur meine persönliche Auffassung.

Ich hoffe, dass die Ossetier im Jahre 2030 in einem der wohlhabendsten, stabilsten und dynamischsten Gebiete Russlands leben. Ich würde mir wünschen, wir könnten in vorbildlicher Weise demonstrieren, wie ein aus so vielen unterschiedlichen Gruppen bestehendes Volk in Harmonie zusammenleben und Kirchen, Moscheen und andere Gotteshäuser besuchen kann.

Glauben Sie wirklich, dass dies eintreten wird?

 

Natürlich! Warum sonst sollte ich morgens immer wieder zur Arbeit kommen?