Die Soldaten der Arktis-Konvois

Der Arktis-Konvois Foto:Robert Diament

Der Arktis-Konvois Foto:Robert Diament

Britische Kriegsveteranen, die im 2. Weltkrieg an den Arktis-Konvois teilnahmen und in Russland mehr geschätzt werden als in ihrer Heimat, werden dieses Jahr der Siegesparade auf dem Roten Platz beiwohnen.

2010 haben neben russischen Soldaten auch Vertreter ausländischer Streitkräfte bei der berühmten Siegesparade über den Roten Platz marschiert. Britische, amerikanische und französische Verbände haben an der großen Schau zum Gedenken an das Kriegsende und zur Demonstration der militärischen Stärke teilgenommen, die seit 1946 stets am 9. Mai durchgeführt wird – einen Tag nach dem offiziellen Tag des Sieges in Westeuropa, da es nach Moskauer Zeit bereits nach Mitternacht war, als die deutschen Truppen offiziell die Kapitulation erklärten.

Großbritannien wurde durch einen gerade aus Afghanistan zurückgekehrten Marschtrupp des 1. Walisischen Wachbataillons in roter Uniform sowie 45 Musiker der Central Band der Royal Air Force vertreten. Und auf der Tribüne waren vier der wenigen noch lebenden Seeleute der Arktis-Konvois, deren Zeit des Marschierens längst vorbei ist.

Die Soldaten der Arktis-Konvois nehmen einen besonderen Platz in der russischen Geschichte ein.

Nachdem im Juni 1941 4,5 Millionen deutsche Soldaten nach Russland einmarschiert waren, sorgten die aus amerikanischen und britischen Schiffen bestehenden Konvois für den dringend benötigten Nachschub in Russland.  

Sie umschifften Skandinavien und befanden sich, sobald sie in der eisigen Barentssee angelangt waren, unter permanentem Beschuss deutscher U-Boote und der Luftwaffe.

In den darauffolgenden vier Jahren brachten sie 12.755 Panzer, 22.200 Flugzeuge, 375.800 LKWs und vier Millionen Tonnen Munition und sonstige Güter nach Archangelsk und Murmansk.

Über 100 Schiffe wurden versenkt und fast 3.000 Soldaten mussten ihr Leben lassen bei dieser von Winston Churchill als „schlimmste Reise der Welt“ bezeichneten Aktion.

Seit dem Ende des 2. Weltkrieges wurde alle zehn Jahre eine russische Gedenkmünze für russische und ausländische Kriegsveteranen geprägt. „Das ist mehr, als was je wir von unserer eigenen Regierung erhalten haben“, meint Jock Dempster, Vorsitzender des Arktis-Konvoi-Clubs in Schottland, der etwas „über 30“ Mitglieder hat.

„Die nächste war für 2015 geplant, doch der Termin wurde vorgezogen, was für unsere Männer mit einem Durchschnittsalter von 87 Jahren gut ist. Wir freuen uns alle über die Medaillen.“

Bislang erhielten die schottischen Kriegsveteranen ihre Medaillen über das russische Konsulat in Edinburgh, wobei echte Freundschaften entstanden. Herr Dempster und seine Frau Maggie feierten stammen aus Dunbar, im Januar die „Burns Nacht“, den Geburtstag ihres Nationaldichters Robert Burns, in Moskau.

„Es war fantastisch in Moskau“, berichtet Maggie. „Es schneite und alles sah wunderschön aus, obwohl es mir einfach zu kalt war. Wir freuen uns schon darauf, im Mai noch einmal dorthin zu fahren.“

Jock war 16, als er 1944 auf dem Tanker MV San Venancio der Handelsmarine anheuerte. Zweimal überquerte der Tanker mit Treibstoff für Flugzeuge den Atlantik, dann wurde er Teil der turbulenten Arktis-Konvois. Im letzten Sommer unternahmen die Dempsters und zwei weitere Veteranen des Konvois eine Seereise nach Murmansk.

„Es war einfach großartig“, erinnert sich Jock. „Es gab eine Ehrenformation, ein komplettes sogenanntes Flottenband. Und das alles für drei Veteranen der Arktis-Konvois. In unserem Land gäbe es so etwas noch nicht einmal, wenn drei Generäle zu Besuch kämen. Der Admiral der russischen Flotte hielt damals eine Rede, und auch ich sagte ein paar Worte auf Russisch.“

„Viele waren zu Tränen gerührt, weil jemand etwas Nettes über sie sagte. Sie sind uns noch immer dankbar für das, was wir getan haben. Ich finde es sehr bedauerlich, dass wir hier im Westen all das, was sie für uns getan haben, nicht immer angemessen würdigen. Sie haben der Welt den Frieden gebracht, den wir in den vergangenen 65 Jahren genießen durften.

„Am D-Day standen uns nur 35 Divisionen gegenüber und selbst diese bereiteten uns große Schwierigkeiten. Sie können sich vorstellen, dass es unmöglich gewesen wäre, 185 Divisionen zurückzudrängen. Wir, Veteranen der Arktis-Konvois, wissen, dass Russland den Krieg für die Alliierten gewonnen hat. Daran besteht kein Zweifel.“

Eddie arbeitete als leitender Radartechniker auf einem CAM-Schiff, einem umgerüsteten Handelsschiff mit einem raketengetriebenen Katapult, das am 27. Mai 1942 versenkt wurde. Dessen für Russland bestimmte Fracht enthielt unter anderem Munition, Panzer, Eisenbahntriebwerke und einen Hurrikan Fighter.

„Wir hatten lange vor den Japanern eine Art Kamikaze-Flugzeug“, erklärt Herr Grenfell. „Wenn wir sahen, dass die Deutschen einen Luftangriff auf uns starteten, konnten wir diesen Burschen abfeuern, wobei es für ihn allerdings keine Möglichkeit gab, direkt auf das Deck zurückzukehren. Wenn er seinen Job erledigt und das deutsche Flugzeug abgeschossen hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als im eiskalten Meer zu landen.“

„Unser Bursche war ein Südafrikaner. Er schoss zwei deutsche Flugzeuge ab, bevor es ihn selbst erwischte. Er wurde schwer verwundet, doch glücklicherweise landete er direkt neben einem Zerstörer und er konnte aus dem Meer gerettet werden.“

„Am nächsten Tag starteten die Deutschen mit ca. 200 Sturzkampfflugzeugen und Torpedobombern von Norwegen aus einen Luftangriff. Unser Schiff wurde von fünf Bomben getroffen, eine davon landete direkt im Munitionslager – das Schiff wurde in die Luft gesprengt.“

Nur 16 von 75 Besatzungsmitgliedern überlebten. Der Kapitän und alle Offiziere mit Ausnahme eines einzigen jüngeren Offiziers kamen ums Leben.

„Ich verbrachte ca. zehn Minuten im Wasser und weitere zehn Minuten auf dem Wrack eines Rettungsbootes“, berichtet Eddie.

Anschließend wurde er in ein Militärkrankenhaus in Murmansk gebracht und blieb noch sechs Wochen in Russland, bevor er sich in dem Konvoi, der sechs weitere Schiffe verloren hatte, wieder auf den Heimweg machte.

Edda hat im Gegensatz zu Jock keine persönlichen Kontakte mehr in Russland, doch er meint: „Ich war lange genug dort, um zu sagen: die Russen sind ein wunderbares Volk. Diejenigen, die in der Arktis gekämpft haben, zollen den Russen großen Respekt.“

Im Gegensatz zu den Veteranen anderer großer Feldzüge – vom Atlantik bis nach Burma – wurden die Soldaten der Arktis-Konvois allerdings nie mit Medaillen ausgezeichnet. Aus Empörung über diese fehlende Anerkennung und über einen Erlass des Außenministeriums, der das Tragen der russischen Erinnerungsmedaillen bei der Zeremonie zum Volkstrauertag am Ehrenmal für die Gefallenen beider Weltkriege ausdrücklich untersagte, startete Eddie vor zehn Jahren eine Kampagne für eine solche Medaille und trat 2005 öffentlichkeitswirksam gegen Verteidigungsminister Geoff Hoon an. Schließlich musste man sich mit dem von Eddie entworfenen Arktischen Stern, der eher einem Emblem als einer Medaille glich, abfinden.  

Nun werden die Veteranen auf dem Roten Platz voller Stolz sowohl die russische Gedenkmedaille als auch den Arktischen Stern tragen.  

„Die Russen werden es nie vergessen“, sagt Jock. „Es ist Teil ihrer Geschichte.“

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