Der Reihenfolge nach. Donnerstagabend verschmäht Soledad
eine Einladung an den Ehrentisch eines Banketts, das im Grand Hotel
Karl IV in Prag ausgerichtet wurde (und ich durfte den entgeisterten
Veranstaltern erklären, dass die Franzosen ihren Sonnenkönig hatten, und
Sole, in Italien, wie eine Königin ist). Heute
Vormittag, Weiterfahrt nach Wien. Dafür hatten wir uns um 7.50 Uhr
verabredet. Ich komme in allerletzter Sekunde, Mark kommt zu spät. Taxi
bis zum Bahnhof. Der Taxifahrer, der wie die Blues Brothers gekleidet
ist, hört im Auto rhythmische Tiroler Musik (kann zu dieser frühen
Stunde tödlich sein). Im Bahnhof sind die Gleise mit einem Buchstaben
gekennzeichnet, je nachdem in welche Himmelsrichtung sie führen.
Vielleicht um den Touristen einen Gefallen zu tun, steht der Buchstabe
„S“ nicht für die Gleise, die gen Süden führen, sondern für die gen
Norden (auf Tschechisch „Sever").
Wir erreichen unseren Zug mit der Nummer 75 und dem Namen „Franz
Schubert“: planmäßige Abfahrt 8.39 Uhr, Wagen 262. Gianni filmt alles,
was sich bewegt, selbst die hübsche, statuenhafte, böhmische Hostess,
die im Zug Zeitungen (nur tschechische) verteilt. Sie sieht aus wie ein
Himmelswächter: 1,80 m groß, die Ausstrahlung heiter und ungerührt. Wenn
Mark und ich auf einmal eine Mazurka auf den Sitzen tanzen würden,
würde sie uns fragen: „Wollen Sie Tee oder Kaffee?“
Das grüne Böhmen fließt an uns vorbei. Ich bin gespannt, ob es an der
Grenze zu Österreich, über die ich vor sechs Jahren mit dem Auto in die
entgegengesetzte Richtung gefahren bin, immer noch eine Armee von
Gartenzwergen gibt, die hier hergestellt werden und die viele Fans (oder
eher Wahnsinnige?) anziehen. Diesmal keine Gartenzwerge. Doch eine
Freundin, die in Wien wohnt, hat versprochen, mir heute Abend einen
vorbeizubringen. Ich habe sie gefragt, ob dieser Zwerg gleichzeitig
Präsident oder Premierminister eines Mitgliedstaates der Europäischen
Union sei: Scheint nicht der Fall zu sein.
Heute war der Tag der seltsamen Gestalten. Während wir uns Wien nähern
und jeder von uns in seinem elektronischen Mikrokosmos vertieft ist
(Mark schreibt, Sole übersetzt, Gianni montiert die Videos und ich höre
Ivano Fossati), taucht ein gelbes Küken auf. Herr Spörrle stellt es uns
vor, als ob es selbstverständlich sei, dass ein bekannter deutscher
Autor und Redakteur der "Zeit", sich auf der Reise von einem Küken
begleiten lässt.
In
Wien empfangen uns eine strahlende Sonne und eine kristallklare Luft:
Wären da nicht die andersartige Architektur und das unterschiedliche
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, würde man meinen, wir seien in Tunis. In
der Herrengasse besuchen wir die Kollegin Alexandra Föderl-Schmid,
Leiterin des "Standard"; danach untersuchen wir die Einstellung der
Wiener zu den Deutschen und den Italienern (die erstaunlichen Ergebnisse
dieser Umfrage könnt ihr euch in unserem Video anschauen). Das
gelbe Küken ist im Laufe des Tages zweimal wieder aufgetaucht: das
erste Mal auf einem Verkaufsautomaten, das zweite Mal auf dem Stoßzahn
eines Elefanten. Danke Mark. Diese Reise wird immer interessanter.
(Deutsche Übersetzung: Soledad Ugolinelli)
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