Europa gibt es (und es ist nicht so merkwürdig wie dieses Hotel)

Die Hafengegend am Ende der La Rambla

Die Hafengegend am Ende der La Rambla

Die Reise von Moskau (Abfahrt am 30. April) nach Lissabon (wo wir übermorgen ankommen werden) – zwei Wochen, neun Länder, elf Städte und rund 6.400 km - führt uns auch in diese Stadt, in der der Himmel wie ein azurblauer wie dahingepinselter Deckel über der Rambla hängt. Einige werden diesen Blog gelesen oder die Videos, die von Gianni Scimone gedreht und geschnitten wurden, auf Corriere TV gesehen haben. Auf Vorschlag des Goethe-Instituts reise ich, wie ihr wisst, mit Mark Spörrle. Ein Italiener und ein Deutscher durchqueren gemeinsam Europa und beobachten ob und wie es sich von Osten nach Westen verändert. Ein Europa, das am 9. Mai seinen Europatag gefeiert hat. Jetzt mal ehrlich: Hat das überhaupt jemand bemerkt?

 

Dabei gäbe es genug Gründe, um zu feiern. Ich möchte weder den Eindruck erwecken, ein Romantiker zu sein, noch ein Träumer – was immer noch besser wäre als zynisch und hoffnungslos zu wirken – aber ich kann euch versichern: Diese letzten dreizehn Tage haben das bestätigt, was ich in meiner dreißigjährigen Erfahrung als Journalist und Reisender erlebt habe. Wenn man jede Nacht in einer anderen Stadt verbringt – mit insgesamt vier slawischen Sprachen plus zwei Städten auf Deutsch, zweien auf Französisch und zweien auf Spanisch – versucht unser Verstand von selbst, Gemeinsamkeiten zu finden. Auf einmal schauen wir auf Europa, wie es amerikanische Touristen machen. Das ist eine gute Übung, die jeder Europäer ab und zu machen sollte.

Europa gibt es und es weist Gemeinsamkeiten auf. Wir haben noch keine gemeinsame Außenpolitk? Stimmt, und das ist ein Fehler. Wurde der Euro nach dem „Top-Down-Ansatz" eingeführt, also von oben auferlegt? Auch das ist wahr. Doch erinnern uns Reisende viele Dinge daran, dass Europa wirklich existiert: die gemeinsame Währung, das Handy, das überall Empfang hat, die vielfältigen und doch verständlichen Sprachen, die populistischen Rechts- und die saloppen Linksparteien, die Bahnhöfe, die nachts beleuchtet sind, die Polizisten mit dem gleichen, nicht ganz so strengen Blick, die Bars und die Speisekarten, die ehemaligen Studierenden wie Laura, die mal ein Auslandssemster gemacht und überall Freunde haben und die großen Kathedralen, die von großen Sündern errichtet wurden.

Selbstverständlich ist Krakau nicht Barcelona und auch nicht Zürich. Doch sind sich diese drei Städte ähnlicher als Krakau und Phoenix oder Rio de Janeiro. Das wird euch ein jeder Chinese bestätigen. Oft sieht man den Wald, egal wie schön er ist, vor lauter Bäumen nicht: Wir sehen nur die Baumstämme und rennen gelegentlich mit dem Kopf dagegen. Einwanderer, hingegen, haben alles verstanden. Sie betrachten Europa als einen besonderen und gastfreundlichen Ort und haben recht. Für einen der sich undankbar zeigt, vergelten hundert andere, was sie erhalten haben. Egal ob im Verkehrswesen, im Dienstleistungsbereich, in der Industrie, im öffentlichen Dienst oder im Gesundheitswesen: Würden alle Einwanderer auf einmal ihre Arbeit niederlegen, würde Europa wie eine angeschlagene Lokomotive stehen bleiben.

Kann das mal bitte jemand den Rassisten erklären? Oder noch besser:. Packen wir sie alle in einen Zug und lassen wir sie durch einen Kontinent fahren, der immer noch ein Meisterstück der Menschheit ist Die Zugewanderten erahnen es, unsere Vorfahren wussten es. Wir sind leider nicht ganz so klug, aber so ist das eben.

(Deutsche Übersetzung: Soledad Ugolinelli)

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