Zurück ins Glied

Das „Cheshire-Haus“ in Moskau. Foto: RIA Novosti

Das „Cheshire-Haus“ in Moskau. Foto: RIA Novosti

Am 9. Mai ehrt Russland seine Kriegsveteranen. Wenn sie gegen die Deutschen gekämpft haben, sind sie am Siegestag Ehrengäste bei Militärparaden, denen der Staat aus Dankbarkeit im Alltag unter die Arme greift. Aber es gibt auch Kriegsveteranen, die nirgendwohin eingeladen werden und die speziellen sozialen Vergünstigungen genießen. Sie haben Afghanistan oder Tschetschenien hinter sich und sind jetzt, wie es so schön heißt, in den besten Jahren. Um solche Soldaten und ihre Rehabilitation kümmert sich in Russland nur eine Einrichtung - das „Cheshire-Haus“ . Das Zentrum setzt sich für ein geregeltes Leben der Patienten ein – und kämpft um die eigene Existenz.

Die Leonard Cheshire Disability ist eine britische Stiftung, die auf der ganzen Welt Menschen mit körperlichen Behinderungen unterstützt. 440 Rehabilitationszentren hat sie in 58 Ländern aufgebaut, eines davon auch in Russland. Es steht in Solnzewo am Moskauer Stadtrand und wurde 1991 eröffnet. Stiftungsgründer Leonard Cheshire, ein hochdekorierter Weltkriegsflieger, hat diese Filiale nicht mehr persönlich besuchen können. Er starb 1992, wäre aber sicher stolz auf das, was in den vergangenen 20 Jahren in Moskau geleistet wurde: 1.500 Kriegs- und Wehrdienstinvaliden aus ganz Russland und den GUS-Staaten hat das Zentrum geholfen, qualifizierte medizinische Behandlung zu bekommen und ins Berufsleben einzusteigen. Dabei stehen ganze 20 stationäre Therapieplätze zur Verfügung.

 

Geleitet wird das „Cheshire-Haus“ seit seinen Anfängen von Jurij Naumann, einem Generalmajor im Ruhestand. Die gepflegten Räumlichkeiten, die Sauberkeit und Ordnung, die Freundlichkeit des Personals — nicht zuletzt sein Verdienst. Kaum zu glauben, dass das Zentrum all die Jahre nur mit knapper Not über die Runden gekommen ist. „In den 90ern haben unsere Mitarbeiter an Bushaltestellen mit Zucker gehandelt, das uns als Sachspende zur Verfügung gestellt worden war“, erzählt Naumann. „Vergangenes Jahr mussten wir unsere Hausbewohner sogar vorübergehend entlassen, weil uns die Mittel fehlten.“

 

Im Unterschied zu den Cheshire-Zentren in anderen Teilen der Welt genießt die russische Außenstelle keinerlei Steuervorteile und erhält höchstens sporadisch Haushaltsgelder, sie ist damit fast vollständig auf Spenden angewiesen. Die Liste der Unterstützer, denen das Schicksal der in Afghanistan, Tschetschenien, Transnistrien oder beim Krieg um Südossetien und Abchasien verwundeten Soldaten nicht gleichgültig ist, kann sich zum Glück sehen lassen. Hervorgehoben werden muss dabei die Moskauer Rentnerin Sinaida Rjabkowa. Dafür, dass sie eine Firma als Erbe ihrer Wohnung einsetzte, zahlte diese der alleinstehenden alten Dame einen erklecklichen Betrag, von dem Rjabkowa 200.000 Rubel den Kriegsinvaliden zukommen ließ. Von „Cheshire-Haus“ hatte sie im Internet gelesen, die angegebene Nummer gewählt und ihre Hilfe angeboten. „Damals stand Silvester vor der Tür, und im Rehazentrum mussten sie jeden Rubel dreimal umdrehen“, begründet sie heute ihren Schritt.

 

Naumann erinnert sich, dass eines Tages auch eine Abordnung der in den 90er Jahren berühmt-berüchtigten Solnzewo-Bande bei ihm auftauchte. Allerdings wollten die gefürchteten Besucher nicht etwa Schutzgeld kassieren, sondern händigten jedem Patienten 50.000 Rubel aus.

 

Ein andermal schaute Naina Jelzina, Ehefrau des damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin, in der Einrichtung vorbei. Bei einem Rundgang blieb die First Lady in der Lobby stehen und fragte: „Warum ist denn der Billardtisch so unansehnlich?“ Naumann parierte: „Haben Sie einen besseren?“ Wenige Tage später wurde ein edler, im 19. Jahrhundert gefertigter russischer Billardtisch angeliefert.

 

Zu den heutigen Machthabern hält Naumann demonstrativ Distanz. An der Wand hängt ein Schreiben von Präsidenten-Berater Arkadij Dworkowitsch. Es ist die abschlägige Antwort auf einen an Wladimir Putin gerichteten Brief Naumanns mit der Bitte um materielle Hilfe. Dworkowitsch schreibt, gemeinnützige Organisationen in Moskau verfügten über „erheblich größere Möglichkeiten“, Spenden an Land zu ziehen, als das in den Regionen der Fall sei. Naumann zeigt auf ein Foto des Oppositionspolitikers Michail Kassjanow, der bis 2004 Premierminister war, und sagt: „In seiner Regierungszeit hatten wir weniger Sorgen. Es gab Lebensmittel umsonst und wir konnten Polstermöbel kaufen.“

 

Das „Cheshire-Haus“ ist bis heute im Besitz der Cheshire Stiftung, was eine schleichende Enteignung des einstöckigen Gebäudes verhindert hat. Mehrfach, so Naumann, hätten staatliche und andere Strukturen versucht, der Einrichtung habhaft zu werden. Dazu gehört nach seinen Worten auch der Russische Verband der Afghanistan-Veteranen (RSVA). Der habe als Gegenleistung für finanzielle Unterstützung zunächst verlangt, dass Afghanistan-Veteranen nach Verbüßung von Gefängnisaufenthalten für Straftaten im Zentrum aufgenommen werden müssten. Als Naumann ablehnte, sei die Führung des RSVA angerückt. Vorstandschef Alexander Rasumow und Franz Klinzewitsch, Abgeordneter der Staatsduma, hätten gefordert, er solle das Haus räumen lassen und ihnen die Schlüssel aushändigen. Daraufhin, sagt Naumann, habe er seine Pistole — ein Geschenkexemplar — gezogen und die ungebetenen Gäste zum „Rückzug“ gezwungen.

 

Rasumow bestreitet den Vorfall. Man habe das „Cheshire-Haus“ früher unterstützt und dort auch Afghanistan-Veteranen untergebracht, doch die letzte Begegnung sei zehn Jahre her. Klinzewitsch sagt, man habe Naumann damals geraten, die Einrichtung zu privatisieren. Nur dann könne der Staat finanzielle Hilfe leisten. Solange das Zentrum Ausländern gehöre, gehe das nicht.

 

Für die Soldaten, die das „Cheshire-Haus“ betreut, ist der Aufenthalt kostenlos. Das betrifft sowohl Unterkunft und Mahlzeiten wie auch Internetnutzung, Freizeitgestaltung und juristische Beratung. Die Patienten werden in die besten Moskauer Kliniken vermittelt. Über Fachärzte läuft auch die Bestellung von orthopädischen Prothesen aus Deutschland. Ganz und gar außergewöhnlich: Wer möchte, hat sogar die Chance auf ein kostenloses Hochschulstudium. Die Moskauer Akademie für Arbeit und soziale Beziehungen stellt dem Rehazentrum jedes Jahr drei Studienplätze zur Verfügung, je nach Wahl an der Jura-, der Finanz- und der Wirtschaftsfakultät. Das findet man auch bei der Cheshire Stiftung in Großbritannien beispielhaft. „Wir können unseren Patienten das nicht bieten“, sagte Tanya Barron, Direktor für Internationale Beziehungen, bei ihrem jüngsten Besuch in Solnzewo.

 

Der Panzersoldat Alexander Semjonow hatte bei Kämpfen in Tschetschenien schwere Verbrennungen im Gesicht erlitten. In Moskau unterzog er sich einer plastischen Operation und wohnte danach mehrere Jahre im „Cheshire-Haus“. Semjonow studierte an der Arbeits- und Sozialakademie, die er mit Auszeichnung abschloss. Heute ist er Mitglied des Anwaltskollegiums im Moskauer Gebiet.

 

Auch Sergej Titow, ein anderer Tschetschenien-Veteran, kam mit Unterstützung von Naumann und seinen Leuten wieder auf die Beine. Er besiegte seine Alkoholabhängigkeit, studierte mit Erfolg und hat inzwischen einen gut bezahlten Job.

 

Für manchen haben sich aber nicht nur berufliche Perspektiven eröffnet. Der 25-jährige Maxim Bajkow aus dem Landbezirk Krasnodar, Träger des Taperfkeitsordens lebt in Solnzewo mit der Liebe seines Lebens — er hat vor kurzem geheiratet. Nastja heißt die Glückliche und ist Krankenschwester. Die beiden lernten sich im Krankenhaus kennen, nachdem Maxim in Tschetschenien seine Beine verloren hatte, als er auf eine Miene trat. Nach der Hochzeit zogen sie zusammen und richteten sich im Rehazentrum häuslich ein, soweit das geht. Auch auf Fernseher und Computer müssen sie dabei nicht verzichten.

 

Im vergangenen Jahr wandte sich Naumann mit einer Bittschrift an den Orthodoxen Kirchenpatriarchen Kyrill. Stellvertretend für das Moskauer Patriarchat machte sich daraufhin dessen Pressesprecher Wsjewolod Tschaplin vor Ort ein Bild von den Bedingungen. Nach den Worten Naumanns äußerte er sich anschließend irritiert, dass der Staat dieses wohltätige Engagement nicht unterstütze. Daraufhin habe sich auch Kyrill der Sache angenommen und die Moskauer Stadtregierung ersucht, sich erkenntlich zu zeigen. Das Sozialamt bewilligte dem „Cheshire-Haus“ schließlich acht Millionen Rubel, umgerechnet 200.000 Euro. Mit der Hälfte der Summe wurden Lohnaußenstände beglichen. Die Aktivisten um General Naumann haben wieder einmal einen schweren Kampf gewonnen.

 

Übersetzung: Tino Künzel

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Moskauer Deutschen Zeitung

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