Die Gewohnheiten eines Quartetts

Fernbahn-Triebzüge in Madrid

Fernbahn-Triebzüge in Madrid

Züge sind Orte, an denen sich Rituale vollziehen. Nach zwei Wochen kenne ich meine Gewohnheiten und die meiner Reisegefährten.

Gianni setzt sich die Kopfhörer auf und schaut sich das Filmmaterial an, das er im Laufe des Tages gedreht hat: Wenn er lächelt, heißt es, dass Mark sein Bestes gegeben hat. Ab und zu werden seine Adleraugen auf etwas aufmerksam: Mal ist es die Leuchtschrift, die die Geschwindigkeit des Zuges anzeigt (zwischen Barcelona und Madrid sind es 301 km/h), mal ein Zwischenfall oder einfach nur ein folkloristischer Reisegast. Dann holt er eine seiner Kameras heraus – er besitzt drei, eine kleine, eine mittlere und eine große – springt auf und fängt an zu filmen. Meistens taucht dann ein Zugbegleiter auf und weist ihn darauf hin, dass es untersagt ist, ohne Genehmigung zu filmen. Gianni lächelt und antwortet „No problem“. Klar, er hat es ja auch schon gemacht.

Soledad bevorzugt die Sitzplätze am Fenster und das, obwohl sie kaum aus dem Fenster schaut. Sie ist sehr mit ihren Übersetzungen beschäftigt. Wenn sie sich ans Werk macht, steckt sie die Haare hoch, fängt an zu tippen und murmelt ab und an etwas in irgendeiner UN-Sprache vor sich hin. Wenn du sie etwas fragst, schaut sie dich gedankenverloren mit ihren blauen Augen an: Man könnte ihr auch sagen, dass soeben ein Ichthyosaurus mit Goethe-Logo vorbeigegangen ist, die Antwort wäre nur „Aha. Gut.“ Ab und zu macht sie eine Pause und gibt die letzten Infos durch, die sie von Susanne und von der strategisch-operativen Zentrale erhalten hat. Gleich danach stürzt sie sich wieder in die Arbeit (gestern Abend in Madrid, hat sie ihre zwölfte Rolle übernommen: Blitzableiter).

Mark – ein richtiger Zugprofi, der dem Reisen mit der Bahn gleich zwei Bestseller gewidmet hat – nimmt jedes Detail wahr und weiß alle Komforts im Zug zu schätzen. Gestern im Hochgeschwindigkeitszug, als wir durch Aragonien dem Sonnenuntergang entgegen rasten, hat Herr Spörrle das hohe Niveau des Services an Bord gelobt, das seiner Meinung nach dem der Deutschen Bahn überlegen ist: Bedienstete in Livree, warme Tücher, Tageszeitungen, Sekt, Orangensaft, Mineralwasser (mit und ohne Sprudel). Die „servicio de bebidas“ (Getränkekarte), die uns von einer sehr blonden Angestellten, womöglich die Schwester von Ivana Trump, dargereicht wird, bietet die Auswahl zwischen einem Martini rojo und einem vino tinto D.O. Ribera del Duero Señorio de Nava. Letzteres habe ich zwar noch nie probiert, hört sich aber sehr gut an.

Ich verbringe weniger Zeit als die anderen vor dem Apfel-Logo des Computers (natürlich benutzen wir alle einen Mac). Ich genieße lieber den Ausblick, den ich von meinem Sitzplatz aus habe: draußen auf die Natur oder drinnen auf die Menschen im Zug. Ich lese auch den „Idioten“ von F.M. Dostojewski, den ich gerne vor unserer Ankunft in Lissabon beenden möchte (dort werde ich „Das Buch der Unruhe“ von Pessoa herausziehen, dass ich seit Moskau mit mir herumtrage). In der langen nächtlichen „Erläuterung“ des jungen Ippolit (auf Seite 400 in der italienischen Ausgabe) gibt es eine faszinierende Passage, die aus dem Italienischen übersetzt so lautet: „Auf der anderen Seite werden all eure Gedanken, all die Samen, die ihr gestreut und vielleicht schon vergessen habt, in Erscheinung treten und wachsen und wer sie von euch erhalten hat, wird sie an andere weitergeben. Was wisst ihr schon darüber, welche Rolle ihr bei den zukünftigen Entscheidungen der menschlichen Schicksale spielen werdet?”

Sie verstehen doch, wie anstrengend es ist, mit einer solchen Verantwortung auf unseren Schultern zu reisen. Was würde passieren, wenn jemand, um uns nachzuahmen, die gleiche Reise unternimmt? Und sich womöglich in eine polnische Studentin oder einen schweizerischen Anwalt verliebt? Darüber muss ich mit meinen Reisegefährten reden, am Besten heute Nacht, während wir die Iberische Halbinsel durchqueren werden. Am Ende unserer Reise erwartet uns der Atlantische Ozean, auf den man noch keine Gleise gelegt hat. Selbst die Deutschen, die doch alles können, haben es noch nicht getan. 

(Deutsche Übersetzung: Soledad Ugolinelli)

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