Mit zwei Fotos sieht man mehr

Foto: Sergej Kiwrin, Andrej Golowanow

Foto: Sergej Kiwrin, Andrej Golowanow

Seit mehr als 20 Jahren arbeiten die bekannten Pressefotografen Andrej Golowanow und Sergej Kiwrin zusammen. Beide haben sich auf Sportfotografie spezialisiert und können ein und dasselbe Sportereignis gleichzeitig aus unterschiedlicher Sicht kommentieren. Im Zusammenspiel ihrer Talente entsteht so ein neues Gesamtkunstwerk, das einen Preis nach dem anderen einheimst.

Andrej Golowanow und Sergej Kiwrin haben - jeder für sich und beide zusammen - einen individuellen und unverwechselbaren Stil. Von ihm könnten ihre zahlreichen jungen Berufskollegen, die das Internet mit ausdruckslosen Bildern überfluten, noch so manches lernen.

“Charakteristisch für unsere Fotos ist, dass wir den Hintergrund sehr sorgfältig auswählen. Er darf keine Unruhe erzeugen, weder ablenken noch das stören, was im Bild geschieht”, beschreibt Sergej Kiwrin und fährt fort: “Wir haben eine gute Schule durchlaufen und bei alten sowjetischen Meistern gelernt, die noch im Zweiten Weltkrieg fotografierten. Die professionelle Sportfotografie droht heute auszusterben, es geht nämlich jetzt mehr um das Tempo der Übertragung, weniger um deren Inhalt. Das läuft darauf hinaus, dass die Aufgaben der Fotografen bei Sportveranstaltungen zunehmend denen der Kameraleute ähneln. Bereits heute arbeiten viele Agenturen auf diese Weise. Sie sind dank digitaler Online-Datenübertragung direkt mit den Kameras verbunden. Im Büro sitzt ein Bildredakteur, bei dem ständig neue Bilder aus aller Welt aufploppen. Er wählt einige aus und stellt sie online. So steigt zwar die Aktualität des Bildes, aber wohl kaum dessen künstlerische Qualität.”

“Das Foto ist heute kein Kunstwerk mehr. Digicams und Internet sowie der öffentliche Zugang zu Bildern über Facebook und Twitter sind nichts weiter als technische Möglichkeiten. Einen Tag später erinnert sich niemand mehr an die Fotos, die sich alle gleichen. Keines hat zum Verweilen eingeladen. Ausgerüstet mit schneller und preiswerter Fototechnik glauben alle, Profis zu sein. Wir dagegen sind von der alten Schule - immer noch aufgeregt vor einer Aufnahme. Wir wollen immer etwas Neues, Originelles aufnehmen“, bestätigt Andrej Golowanow die Meinung seines Teampartners. Hinsichtlich der klassischen Arbeitsweise sind sich die beiden Fotografen einig, doch in ihrer individuellen Sicht auf das Sujet ihrer Fotoarbeiten und ihre Objekte gehen sie unterschiedliche Wege.

Andrej fiebert mit den Sportlern mit: “Während der Olympischen Spiele in Athen hätte ich gerne mit den Zuschauern gepfiffen, als die Kampfrichter den Turner Alexej Nemow abgeurteilt hatten.” Das sieht man seinen Fotos an. Sergej, im Gegenteil, versucht Distanz zu wahren zu dem, was er im Objektiv der Kamera sieht: “Während einer Aufnahme musst du unempfindlich sein gegen Schmerzen. Gibst du dich deinen Gefühlen hin, so bleiben sie in dir und gehen nicht in das Bild über. Daher bemühe ich mich um Gelassenheit.” Auch seine Bilder sind sehr emotional.

Ganz gleich, wie unterschiedlich die beiden Sportfotografen in ihren Werken mit ihren Protagonisten mitgehen, so haben sie doch zu vielen Aktiven ihrer Fotoreportagen freundschaftliche  und oft enge Beziehungen. Unter ihnen sind solche Stars des russischen Profisports wie Alexander Karelin (mit vier olympischen Medaillen, neun Weltmeister- und zwölf Europameistertiteln der erfolgreichste Ringer aller Zeiten), Swetlana Schurowa (Olympiasiegerin im Eisschnelllauf), Alexei Nemow (Turner mit vier Olympiasiegen und fünf Weltmeistertiteln), Olga Brusnikina oder Marija Kiseljowa (beide dreifache Olympiasiegerinnen im Synchronschwimmen). “Während der Olympischen Spiele in Turin hat Irina Sluzkaja in meinen Armen gelegen und geweint, weil sie im Eiskunstlauf nur auf den dritten Platz kam. Diese Szene wurde dann von anderen Fotografen dokumentiert”, erinnert sich Golowanow.

Im Zusammenschluss ihrer kreativen Möglichkeiten haben Kiwrin und Golowanow ein vielfältiges und lebendiges Profil geschaffen. Zwei unterschiedliche Perspektiven auf ein und dasselbe Ereignis sind dem Blick eines einzeln arbeitenden Fotografen in mancher Hinsicht überlegen. Vielleicht haben gerade die Unterschiede ihrer Charaktere und Lebensanschauungen den beiden Fotoprofis Anerkennung beim Publikum und bei den Berufskollegen verschafft, die in verschiedenen Auszeichnungen ihren Niederschlag fanden.

“Ich habe mit Sportfotografie noch zu sowjetischen Zeiten begonnen. Von Freiheit musste man nicht träumen, es gab sie wirklich. Die einzige Sphäre des öffentlichen Lebens, in der man die Wahrheit sagen durfte und sogar musste, war der Sport”, doziert Sergej. “Im übrigen unterscheidet sich die Sportfotografie kaum von anderen Spezialgebieten der Fotografie. Es kommt einfach darauf an, den Gegenstand der Aufnahme zu kennen. Wer noch nie im Kreml gewesen ist und ein “Parkett” aufgenommen hat, wird kaum ein herausragendes Protokoll ablichten können. Man muss vorher wissen, welche Türen sich öffnen, wer von wo hinaustritt, welche Soldaten wann wohin marschieren und wer in welche Richtung schauen wird.

Genauso ist es auch beim Sport. Zum Beispiel beim Volleyball: Aufschlag, Ballannahme, Angriff, der Spieler kann den Ball küssen, mit der Hand zum Boden prellen, dann wirft er ihn hoch, springt, wirft seine Arme... Das alles sind spieltypische Bewegungen, mit denen der Fotograf vertraut sein muss. Aus den Objekten der fotografischen Betrachtung kann man viel herausholen. Natürlich braucht man dafür - insbesondere beim Sport - ein sehr gutes Reaktionsvermögen. Wenn man das ganze Leben nur Stillleben fotografiert hat, ist die Bildreportage über ein Fußballspiel wirklich keine leichte Übung.

Die Profikarriere von Andrej Golowanow und Sergej Kiwrin umspannt ein Vierteljahrhundert. In dieser Zeit wurden sie zu den berühmtesten Sportfotografen Russlands. In der Sprache ihrer Bilder berichteten sie über mehr als zehn Olympiaden, eine Vielzahl von Welt- und Europameisterschaften und andere Wettkämpfe. Ihre Arbeiten wurden mit zahlreichen internationalen Preisen für Sportfotografie ausgezeichnet. Außerdem fotografierten die beiden für das Buch an das Olympische Komitee für die offizielle Bewerbung Russlands für die Olympischen Winterspiele in Sotschi im Jahr 2014.

Sergej Kiwrin

Geboren am 27. Oktober 1955 in Moskau. Arbeitete für die Zeitschriften “Sowjetskij Sojus”, “Tennis +”, “Wremja Wolejbola” und die Zeitung “Sport-Express”.

Andrej Golowanow

Geboren am 5. November 1962 in Moskau. Arbeitete für die Redaktionen der “Moskowskije Nowosti”, “Sowjetskij Sport”, “Sport-Express”, “Kommersant”, für die Zeitschriften “Sowjetskij Sojus”, “Tennis +”, “Fiskultura i Sport”.


Golowanow ist derzeit zusammen mit Sergej Kiwrin Kooperationspartner der unabhängigen Nonprofit-Organisation “Sportiwnoje Weschanije”. Die Fotografen sind seit 1985 ein Team. Sie arbeiten unter anderem für die Zeitschriften und Verlage “Itogi”, “Prosport”, “TV-Park”, “The Los Angeles Times”, “The Newsweek”, “Ogonjek”, “The Cosmopolitan”, “Burda” sowie mit den Agenturen “The Associated Press”, “Reuters” und “AFP”. 


Dieser Beitrag erschien zuerst in der ZeitschriftRusskij Reporter.

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