Ab hier geht es nicht mehr weiter

Plaza de toros

Plaza de toros

Mit der ersten Morgensonne im Rücken und dem letzten Teil des Tejos vor uns, hält unser Zug am Bahnhof Santa Apolónia in Lissabon an. Der Morgen glänzt wie die Azulejos und ich stelle fest, dass ich gar nicht so aufgeregt bin, wie ich dachte. Dafür bin ich etwas müde, weil ich zu wenig geschlafen habe: Die Güterzüge der Estremadura sind laut und die portugiesischen Bahnhöfe sind nachts einfach viel zu schön, um sie keines Blickes zu würdigen.

Mit dem Rucksack auf den Schultern und dem Koffer neben mir, bleibe ich an der Zugtür stehen. Dass ich dabei wie ein Astronaut aussehe, der aus seinem Raumschiff aussteigt, macht mir nichts aus. Gemäß seiner teutonischen Natur hat Mark vom Frühstücksangebot (im Preis enthalten) profitiert. Am Bahnhof treffen wir Susanne, die extra aus Rom eingeflogen ist, und Joachim, Leiter des hiesigen Goethe-Instituts, der uns fünfzehn rote Rosen für Soledad besorgt hat, eine für jeden Reisetag, eine für jede Rolle, die sie übernehmen musste. (Die fünfzehnte Rolle kam noch heute Vormittag hinzu: Während der Fahrt hat sich Soledad als (erwachsene) Frau erwiesen – ein Beruf, der, wie unsere Leserinnen genau wissen, alle Rollen zusammenfasst).

Der letzte Abend in Madrid verlief ganz ruhig: leichter Regen und städtische Urlaubsstimmung, dank des Heiligen Isidors, Schutzpatron der spanischen Hauptstadt. Nach anfänglicher Unentschlossenheit landen wir zum Abendessen in der Taverna Embroque in der Calle Recoletos, ein Lokal für Liebhaber des Stierkampfs. Im Fernsehen wird ein blutiger Stierkampf aus der Plaza de Toros live übertragen und Soledad, umgeben von Torerobildern mit Widmung, muss sich als Tierschützerin zusammenreißen. Auf dem Foto des legendären Juan Belmonte steht: „Se torea, como se ès“, Stierkämpfer ist man mit Leib und Seele. Ebenso könnte man das Verb „torear“ mit dem Verb „viajar“ ersetzen: Auch beim Reisen kann man nicht bluffen.

Züge sind wie Boote oder Gefängnisse. Wenn man fünfzehn Tage miteinander verbracht hat, vierundzwanzig Stunden am Tag, dann erträgt man sich entweder oder man bringt sich gegenseitig um. Mark, Sole, Gianni und ich haben unsere kleinen Automatismen entwickelt und verstehen uns gut. Ich habe das vor einigen Tagen bemerkt, als wir ins Taxi einstiegen: Jeder weiß genau, wo sein Platz ist und was seine Aufgabe ist, als ob wir in einen Viererbob springen würden. Auch heute Abend, als wir zum Bahnhof Chamartin in Madrid fahren, weiß jeder, was er tun soll. Sole hält die Tickets bereit, Gianni denkt an seine Projekte, Mark ist in sein Schweigen vertieft und ich hänge meinen Fantasien nach.

Der Nachtzug nach Lissabon fährt planmäßig um 22.25 Uhr von Gleis 14 ab. Er ist sauber und ordentlich und verfügt über einen leeren, literarischen, fast eleganten Speisewagen. Die Innenwände der Schlafwagen sind aus rosafarbenem Kunststoff verkleidet, was an ein Barbie-Haus erinnert. Wir werden von einem netten, portugiesischen Zugbegleiter empfangen, der uns fragt: „Haben sie eine Drehgenehmigung?“ Ich antworten: „Wir haben keine Drehgenehmigung und haben sie seit Moskau nie gehabt. Verderben Sie uns jetzt bitte nicht alles“. Er lächelt, antwortet „Einverstanden“ und zieht weiter. Danach trinken wir kühlen Mateus-Wein, während das restliche Europa immer weniger wird. Wir haben einen Kontinenten hinter uns gelassen und heute Abend spüren wir das ein wenig.

Am Morgen erwartet uns, wie ein Geschenk. Lissabon. „Er schaut sich um / und weißt schon nicht mehr wohin”, heißt es aus dem Italienischen übersetzt in einem Lied von Ivano Fossati. Darin erkenne ich mich wieder, als wir im Lichte des Atlantischen Ozeans hinausgehen.

Mein Dank gilt dem Goethe-Institut, das uns auf Reise geschickt hat, dem „Corriere della Sera“, der uns unterstützt hat, und ich danke euch allen dafür, dass ihr uns über den Blog und den Videoblogs verfolgt habt. Ich hoffe, ihr habt uns ein wenig beneidet. Sollte das nicht der Fall sein, waren wir nicht gut genug.

P.S. Nach Berlin-Palermo (2010) und Moskau-Lissabon (2011), wohin wird uns unsere nächste Reise 2012 führen? Die Antwort ist einfach und im letzten Video enthalten - aber ihr müsst danach suchen.

(Deutsche Übersetzung: Soledad Ugolinelli)

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland