Kasan – zwischen Moscheen und Kirchen

Kasaner Kreml

Kasaner Kreml

Außerhalb von Moskau ist eine andere Welt – das bekommt man immer gesagt und mir war es auch bewusst, obwohl ich „die andere Welt“ nie kennen gelernt hatte. All die großen und kleinen Städte Russlands waren mir fremd und wie es nun mal mit allem Unbekannten ist, machten sie mir sogar Angst. Deswegen unternahm ich viele Jahre keine Reisen durchs eigene Land, sondern bevorzugte eher das Ausland. Doch dann verschlug es mich doch in die Regionen, 1000 km von Moskau entfernt, nach Tatarstan, in die Hauptstadt Kasan.

Kasan ist über 1000 Jahre alt und ein Beispiel für eine friedliche Existenz von Muslimen und orthodoxen Christen. Das Stadtbild ist geprägt von Moscheen, die oftmals neben orthodoxen Kirchen zu finden sind. Und nicht nur Religionen leben in dieser Stadt mit und neben einander. Auch die russische und tatarische Sprache und Kultur sind immer in Berührung. Diesbezüglich fallen die Straßenschilder in Kasan auf, sie sind zweisprachig: Russisch und Tatarisch. Auch das Essen ist ein Mix aus Gerichten, wie etwa die in Russland (und der Ukraine) sehr beliebten Pelmeni oder Pirogen, aber auch aus tatarischen Gerichten, die einen türkischen Ursprung haben: Lagman oder Chak-Chak. Dieser Kulturmix verleiht dieser Region einen exotischen Touch.


Vielleicht war es ein Grund dafür, dass ich das Gefühl nicht los bekam, mich in der eigenen Heimat als Touristin zu fühlen. Du brauchst den Inlandspass, hast die dir vertrauten Rubel, sprichst die eigene Sprache, aber bist in einer anderen Welt. Das mag am Lebensrythmus liegen, der in Kasan wesentlich langsamer ist, als in Moskau, aber auch an den Menschen der Stadt. Visuell erkennt man das an den asiatischen und türkischen Gesichtszügen, aber auch der Kleiderstil unterscheidet sich. Vor allem Frauen tragen mehr Absätze, was ich nie für möglich gehalten hätte.

Radio DJ Pascha

Aber auch die Gastfreundlichkeit der Kasaner kennt keine Grenzen. Dass die Menschen in Moskau härter und verschlossener sind, als in den Regionen, ist eigentlich kein Geheimnis. Dennoch ist man angenehm überrascht, wenn man die sehr aufrichtigen Einheimischen trifft. Steht man also mit Stadtplan auf der Straße und suchst den Weg zu irgendeiner Sehenswürdigkeit, ist die Wahrscheinlichkeit groß von einem hilfsbereiten Einheimischen bis zum Ziel geführt zu werden. So geschah es, dass ich, verloren irgendwo in Kasan versuchte die neue und größte Moschee der Stadt zu finden. Eigentlich nicht zu übersehen müsste sie sein, aber dennoch war ich verloren. Und in diesem Moment kam ein lockiger, großer und sehr positiver junger Mann auf mich zu, der beschloß mir zu helfen. Das war Pascha, Radio DJ eines populären Senders. Außer der Moschee, zu der er mich begleitete und zum Kreml der Stadt zeigte er mir in den nächsten Tagen die komplette Stadt. Besonders toll fand ich eine Straße mit verlassenen Einfamilienhäusern, - alle aus Holz und schon Jahrzehnte von der Stadt vergessen. Mit etwas Geschick und Vorsicht gelangt man in die Häuser, in denen man noch viele Gegenstände aus den fünfziger Jahren vorfindet, - zurück gelassen von den ehemaligen Besitzern. Auch die Bar „Lepricon", mit gutem Bier, guter Livemusik und netten Leuten besuchten wir mehrere Male. Klein aber fein, ist genau das, was man über sie sagen kann. Gutes Bier, Livemusik und super Stimmung.

Um einen positiven Eindruck von der Stadt zu bekommen, spielt aber, glaube ich das Wetter doch eine wichtige Rolle. Wahrscheinlich wie an so vielen anderen Orten dieses Planeten, und v.a. Russlands, ist es im Winter nicht so spaßig in Kasan. Sobald es aber Frühling wird, alles blüht, die Sonne scheint ist alles anders. Man kann beispielsweise einen Ausflug mit dem Schnellschiff auf der Wolga in das Dorf Bulgar unternehmen, was ich auch gemacht habe. Schon alleine die Fahrt ist ein Highlight – die Breite der Wolga fasziniert und die Ufer des Flusses mit wunderschönen Wäldern bezaubern. Bulgar selbst hat eine historisch wichtige Bedeutung für die Region – hier ist die Geburtsstäte des Islams, heißt es. Minorettürme aus weißem Stein und kleine Moscheen kann man dort heute noch besichtigen, aber auch das Dorf hat einen sehr speziellen Flair – wie aus einem russischen und orientalischen Märchen zugleich. Omas mit Kopftüchern, die „Babushkas", vor ihren Häusern auf den Bänken sitzend, Gänse, die über die Straße laufen, Felder, soweit das Auge reicht, und die Wolga, deren Wasser in der Sonne glänzt.


Zurück in Kasan, muss ich aber sagen, dass mich die auf der Baumannstraße, welche die Hauptstraße für Fußgänger ist, das Hotel „Kasan" beeindruckt hat. Ein unglaublich schönes, altes und sehr großes Gebäude, grauer Stein, viele Verschnörkelungen und Balkone. Früher – atemberaubend und nur für die Elite. Heute – ein Geisterschloß. Verlassen, zerstört, heruntergekommen steht nur noch die Fassade hinter einem Metallzaun, und das grüne Netz, was sie umhüllt, flattert im Kasaner Frühlingswind.


Mein Fazit der kurzen Tage in Tatarstans Hauptstadt Kasan: ich komme wieder und zwar bald.

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