99 Luftballons aus Woronesch

Am Ufer des Woronesch legen sich die Bewohner der gleichnamigen Stadt gerne auf die faule Haut.Foto: AFP/Eastnews

Am Ufer des Woronesch legen sich die Bewohner der gleichnamigen Stadt gerne auf die faule Haut.Foto: AFP/Eastnews

490 Kilometer südöstlich von Moskau liegt sie, die Fast-Millionenstadt. Neben authentischen Märkten und Frauenfußball hat sie vor allem eines zu bieten: Lebensfreude.

Woronesch, ein Millionendorf: 960 000 Menschen leben im Zentrum des Schwarzerdegebiets, der Kornkammer Russlands. In den letzten Jahren ist die Stadt rasant gewachsen und wirkt wie eine aus allen Nähten platzende, vitale Kleinstadt. Weder Tram noch Metro fahren hier, und im vollbesetzten Bus wandern Rubel-Scheine von hinten nach vorne und die Wechselmünzen wieder zurück. Wer nach Woronesch reist, bewegt sich jenseits der ausgetretenen Touristenpfade.

Als „Woronescher Meer“ verklären Einheimische ihren Stausee, der die Stadt teilt. Vielleicht denken sie daran, dass Peter der Große eine Schiffswerft mit Zugang über den Fluss Don zum Asowschen Meer gründete. Der russische Zar lebte lange Zeit in Woronesch und baute hier seine Flotte aus.

Am rechten Ufer des Stausees liegt das historische Zentrum der 425 Jahre alten Festungsstadt. Dort, nur ein paar Querstraßen von McDonald´s und Urbanität entfernt, bröckeln unbefestigte Steilstraßen den Hang hinunter, bunt gestrichene Häuschen sind nicht an die Kanalisation angeschlossen und Menschen grüßen freundlich die Spaziergänger, die an ihren Häusern vorübergehen. Links des Stausees, über den vier große Brücken führen, entwickeln viele mikrokosmische Viertel rund um Märkte, Kinos und Cafés ihr eigenes Leben.

Die Woronescher trotzen Hitze, Kälte und Verkehrschaos: Die Straßen und Bürgersteige sind 
belebt, und auf dem Zentralny Rynok, dem zentralen Markt, wühlen sich die Menschen zu Stoßzeiten auch bei 20 Grad minus durch. Hier würde jede Tourismuswerbung Erlebnis-Shopping versprechen: Fische springen aus ihren Wannen förmlich in die Einkaufstaschen, an zahlreichen CD-Verkaufsständen beschallen alte russische Schlager die authentische Szenerie.

Kommen Sie wieder!


Betritt man die Markthalle, reihen sich im Untergeschoss kleine Salatstände aneinander, an denen Vera, Julia und Lena um Kundschaft buhlen. Bei ihnen können sich die Kunden durch russische Salatsortimente probieren. Auch an den Käseständen darf man, wie die Kinder in deutschen Metzgereien, von dem Angebot naschen. Oft laden die Verkäuferinnen von selbst zur Verköstigung von 
Rosinen-Vanille-Quark, selbst 
gemachtem Ziegenkäse oder 
eingelegten Gurken. Wenn man nichts kauft, gibt es keine Misstöne, höchstens noch die Frage: „Woher kommen Sie?“ und „Kommen Sie wieder!“

Rund um die Markthalle sitzen Babuschkas auf Klappstühlen vor ihren Waren. Es sind Großmütterchen, denen man glaubt, dass sie den feilgebotenen Lauch oder die erdigen Karotten in ihrem eigenen Garten pflanzen und ernten. Hier kauft man Waren von Menschen, nicht von Marken. An einer anderen Ecke des Marktes werden Vollkornbrote und frische Brötchen angeboten, die es mit deutschen Backwaren aufnehmen könnten.

Auch braut ein Woronescher Bierlokal nach deutschem Reinheitsgebot. Zu Songs wie „99 Luftballons“ oder dem „Kufsteinlied“ 
werden Weißwürste, süßer Senf und selbst geschlungene Brezeln serviert, falls man Lust auf russisch interpretierte Oktoberfestatmosphäre verspüren sollte.

See und Stadt im Überblick 
bekommt man bei einem Spaziergang über die ehemalige Trambahnbrücke Sewerni Most, wo in der Ferne ein paar Fabrikschlote rauchen, Plattenbauten zu sehen sind und die Baumwipfel des 
Dynamo-Parks im Gegenlicht zu dunkelgrünen Schatten verschmelzen. Woronesch lädt zum Staunen ein: Man kann sich wundern über einen ganzen Hubwagen voll gestapelter Speckseiten, der herrenlos im Gang der Markthalle herumsteht. Oder über Fahrgäste, die im Bus schnell einmal mit gekonnten Handgriffen 
kaputte Türen reparieren.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt beinahe vollständig zer- stört, dennoch säumen die zen-trale Hauptstraße Prospekt 
Revoluzii keine Plattenbauten, sondern Häuser in ganz unterschiedlichen Baustilen. Von säulenverzierten Balkonen bröckelt bunter Putz, und man möchte den Verfall aufhalten.

Für Kulturliebhaber hat Woronesch russische Standards zu bieten: Denkmäler für Lenin, den Dichter Sergej Jessenin, eine Ewige Flamme und andere Veteranen-Denkmäler. Das Kramskoj-Museum oder die Galerie „Gesichter Woroneschs“ laden zur Kunstbetrachtung. Fast täglich gibt es Aufführungen im Opern- und Ballett-Theater, wo sich klassische Repertoirestücke wie „Schwanensee“ mit schrillen russischen Operetten und avantgardistischen 
Interpretationen von „Macbeth“ abwechseln. Auch lohnenswert: „Aschenputtel“ im russlandweit bekannten staatlichen Puppen-
theater Schut, zu Deutsch: „Narr“. Unlängst wurde hier der Weltpuppenspielertag gefeiert.

Bei durchschnittlich minus 20 Grad im Winter sitzen Angler wie Fliegen auf dem Stausee und 
behaupten noch Ende März, jedes Auto könne das Eis befahren, ohne einzubrechen. Sie freuen sich über interessierte Besucher und erzählen bereitwillig, wo gestern ein Kollege wieder eingesunken ist, wie man ihn „schnell, schnell“ aus den eisigen Fluten herausgezogen hat und sich dann einfach weiter ans Angeln setzte. Im Sommer kehrt sich das Kontinentalklima um, und es wird bis zu 40 Grad heiß, im September und Oktober wärmt die Sonne länger als in Deutschland.

Verglichen mit sauberer Schwarzwaldluft stinkt Woronesch. Was in Deutschland weggefiltert wird, gibt es hier noch in Reinform. Aber wer vermisst nicht ab und zu den beißenden Abgasgeruch eines alten Dieselschleppers? Auch für die Ohren sind die russischen Ladas, Wolgas und Gazels ein Klangerlebnis der besonderen Art, wie man es in Westeuropa kaum noch genießen kann.

Frischluft kann schnuppern, wer zum „9. Kilometer“ fährt, Stützpunkt für Langlaufloipen quer durch die Wälder. Das Leihen von Retroskiern kostet für zwei Stunden etwa zwei Euro fünfzig. Im Sommer verleiht man an derselben Stelle Fahrräder und Inlineskates.

Sportlich hat Woronesch noch mehr zu bieten: Es ist die Hochburg des Frauenfußballs - das Pendant zum FFC Frankfurt hat hier Heimrecht: FK Energija 
Woronesch. Viele Bewohner wissen nicht einmal, dass es sich um den erfolgreichsten Frauenfußballclub Russlands handelt. Überhaupt wirken die Menschen 
bescheiden, was die Identifikation mit ihrer Stadt angeht. Sie 
lieben sie nicht übermäßig, sind nicht stolz auf sie, sie nutzen sie ganz einfach. Daher mag Woronesch sauber gefegte Bürgersteige oder rußgefilterte Luft vielleicht vermissen, nicht aber die unmittelbare und überbrodelnde Vitalität, die einer Stadt erst ihren besonderen Charakter verleiht.

Heidi Beha ist Lektorin der Robert-Bosch-Stiftung in Woronesch.


Anreise

Direktflüge von München nach Woronesch bietet Polet Airlines an www.polet.ru.
Per Anschlussflug ist Woronesch über die Moskauer Flughäfen Vnukovo und Domodedovo erreichbar. Alternativ starten vom Moskauer Pawelezki-Bahnhof Nachtzüge mit Schlafwagen. Fahrtzeit: zehn Stunden.


Unterkunft

Ein empfehlenswertes Hotel im Zentrum mit gehobenem Standard ist das Art-Hotel (www.arthotelv.com, DZ ca. 150 Euro). Für Rucksacktouristen empfiehlt sich das Hostel Aschur, nur fünfzehn Gehminuten vom Zentrum (www.star-hostel.ru/gostinica_ajur.html, 12 Euro).


Essen & Trinken

Gute russische Küche bietet das Restaurant Puschkin im sogenannten Bügeleisenhaus (Puschkinstraße 1). Wer nicht ohne deutsches Bier, Brezeln und Weißwürste kann: Bierkeller de Bassus in der Plechanowskaja-Straße 22. Tortillas und Livebands gibt es im BARack o´Mama (Prospekt Revoluzii 35).

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