Ein Wochenende in der Kulturhauptstadt

Nastja und der Künstler Pjötr. Foto: Anastasia Gorokhova

Nastja und der Künstler Pjötr. Foto: Anastasia Gorokhova

Es ist genau die Stadt, in der zumindest mir ständig etwas Außergewöhnliches zustößt. Außergewöhnlich in dem Sinne, dass ich dann sagen kann „in Moskau würde das nie passieren”.

Es ist schwer zu erklären, warum ich mich in St. Petersburg, der Kulturhauptstadt Russlands, so fühle, als hätte ich meinen Kopf mitsamt Inhalt zu Hause gelassen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass dies eine Stadt ist, in der sich die Gelassenheit Westeuropas und die Spontanität der Russen zu einer ganz eigenen Coolness vermischt hat.

Die Anitschkow-Brücke. Foto: Anastasia Gorokhova

Die 800 km von Moskau zur Stadt der Künstler und Chaoten kann man auf verschiedenste Weise zurück legen. Die beliebteste und billigste Möglichkeit ist der Nachtzug. Zu einer echten, russischen Nachtzugfahrt gehören die billigen Schlafwagen „Platzkart“ und natürlich Bier im Raum zwischen den Abteilen. Dort findet man auch meistens Gesprächspartner, falls einem langweilig werden sollte. In Petersburg angekommen läuft man am Moskauer Bahnhof an der Statue des Stadtgründers Peter des Großen  vorbei, hinaus auf die Straße.

Quartier nehme ich immer wieder am selben Ort, im Tapki-Hostel. Dieses kleine, aber sehr gemütliche Hostel (schon der Name „Tapki“ – Hausschuh – steht für Gemütlichkeit) gehört meinen zwei Freundinnen Vera und Jana. Fotografen, Künstlern bis hin zu Komponisten steigen bei den Mädels ab, und das verspricht immer sehr viele tiefgründige Gespräche, aber auch unbeschwert lustige Abende. Dafür liebe ich Petersburg - die Leichtigkeit der Austauschs zwischen den Menschen. Ein solcher Mensch ist zum Beispiel auch der Künstler Pjötr auf der Anitschkow-Brücke, ihn kennen sowohl die Petersburger, als auch die Gäste der Stadt. Bei gutem Wetter malt er auf der Brücke und unterhält sich gerne über die zeitgenössische Kunst in Russland und über Politik. Das kann mehrere Stunden dauern, wenn man ihn nicht unterbricht.

Die Galerie „Protvor“. Foto: Anastasia Gorokhova

In St. Petersburg habe ich dieses Mal mit minem Freund Misha eine Underground-Galerie besucht. Misha ist auch Künstler, er macht in Lichtkunst, unter anderem auch Graffiti mit Licht. Die Galerie, die er mir zeigt, heißt „Protvor“ und  ohne, dass man jemanden kennt, wird man nicht dorthin finden. Es gibt kein Aushängeschild, und man muss in ein nobles Wohnhaus im Zentrum der Stadt, mit einer großen Marmortreppe bis ganz nach oben. Dort klingelt man dann an einer Tür, und wenn jemand da ist, kommt man in einen großen dunklen Raum. Dort stellen Straßenkünstler ihre Werke aus. Noch bis Juni läuft dort die Ausstellung des bekannten Petersburger Künstlers Alexej Spay aus.

Nach dem Galeriebesuch besuchen wir den schon legendären Klub in der Dumskaja Straße „Datscha“. Diesen gibt es seit sieben Jahren, und er gehört einer  Deutschen aus Hamburg, Anna. Sie legt ganz gerne dort selbst auf, lädt aber auch wirklich gute DJs ein. Dabei ist „Datscha“ ausgesprochen klein und im Vergleich zu angesagten Moskauer Klubs absolut trist, erinnert eher an Hamburg oder Berlin. Neben der „Datscha“ gibt es natürlich noch viele weitere Bars, Discos und Klubs, in denen man richtig viel Spaß haben kann. Irgendwann finden wir dann mit mehreren Freunden zu Misha nach Hause. Denn die sprichwörtliche russische - und vor allem Petersburger - Gastfreundlichkeit gibt es wirklich.

 „Mensch, eine Ente!" Foto: Anastasia Gorokhova

Mit Ach und Krach erreichen wir den auf der anderen Seite der Stadt gelegenen Bezirk, bevor die Zugbrücken, die in der Nacht immer für die großen Schiffe hochgezogen werden. Bis morgens sitzen wir gemütlich bei Mischa fest. Erst gegen fünf verabschieden wir uns von ihm und springen in ein Taxi. Der Taxifahrer weckt uns plötzlich aus dem Dämmerschlaf: „Mensch, eine Ente!" Er bremst, wendet und rast die Straße zurück, wendet wieder und hält an, springt aus dem Auto und jagt einer Ente hinterher, die er mitten in der nachtschlafenden Stadt am Straßenrand entdeckt hat. Stolz setzt er sie in den Kofferraum und murmelt, er habe eine Ente gerettet und würde sie sobald als möglich in einen Teich bei ihm zu Hause aussetzen. Komisch nur, dass die Newa gleich um die Ecke hinzieht und es ein Leichtes wäre, sie in ihr nahes Zuhause zurückzubringen. Aber so sind sie halt, die Petersburger, und das ist eben eine typische Petersburger Geschichte.

Normalerweise heißt es, dass Moskauer und Petersburger sich nicht ausstehen können. Wahrscheinlich stimmt das sogar. Ich als Moskauerin jedoch liebe die Peterburger wie auch ihre Stadt. Und wäre das Wetter dort nur ein bisschen besser, ich würde doch glatt dorthinziehen.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland