Fantasielosigkeit zwischen Russen und Deutschen

Prof. Dr. Wolfgang Eichwede. Foto:Susanne Spahn

Prof. Dr. Wolfgang Eichwede. Foto:Susanne Spahn

Bürgerrechte und Beutekunst - die heißen Eisen in den bilateralen Beziehungen sind für Prof. Dr. Wolfgang Eichwede eine Herausforderung. Am Mittwoch, 18. Mai, ist dem Wissenschaftler der Alexander-Men-Preis verliehen worden. Der Gründer und Direktor der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen von 1982 bis 2008 wurde damit für seinen Beitrag zur Verständigung zwischen Russen und Deutschen geehrt.

Wolfgang Eichwede (geb. 1942 in Friedrichshafen) ist Historiker und Gründungsdirektor der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Eichwede studierte Geschichte, Politik, Philosophie und Slawistik. Seit 1974 war er Professor für Politik und Zeitgeschichte Osteuropas an der Universität Bremen, 2007 wurde er emeritiert. Die Forschungsstelle Osteuropa leitete er bis 2008. Eichwede beschäftigte sich mit den Sozialbewegungen und der Kultur Osteuropas und den sowjetisch/russisch-deutschen Beziehungen im 20. Und 21. Jahrhundert. Er nahm auch an den Verhandlungen um die Rückführung der Beutekunst teil. 2003 erhielt er das Bundesverdienstkreuz für die Arbeit im Spannungsfeld zwischen Politik und Wissenschaft.

 Als die Forschungsstelle Osteuropa 1982 gegründet wurde, ging es darum, die Materialien des Samizdat zu archivieren. Woher kamen die guten Verbindungen zur Untergrundkultur in Osteuropa?

Ich bin ein Kind der Studentenbewegung. 1968 ist stark durch Alexander Dubček und den Prager Frühling bestimmt gewesen. Da habe ich Kontakte zu tschechischen Historikern geknüpft, die sich dann immer weiter entwickelt haben. Auf diese Weise kam ich zunächst in den intellektuellen und wissenschaftlichen Underground von Prag. Ich war häufig in Prag, 1985 hatte das ein Ende, weil ich verhaftet und ausgewiesen wurde. Diese Idee wurde dann auf die anderen Länder übertragen, auf Polen und Ungarn. In diese biographischen Verbindungen platzte 1977 ein Anruf des Bremer Bürgermeisters Hans Koschnick, der seinerseits von Willy Brandt angesprochen worden war. Willy Brandt hat damals schon lange genug gelebt, um zu wissen, dass Diktaturen nicht ewig existieren. Deshalb sollte man sehen, dass man an einem wissenschaftlichen Institut - nicht im Sinne von einem Sprachrohr oder einer einseitigen Parteinahme -  die alternativen Szenen im östlichen Europa in den Blick bekommt. 

Jetzt ist es 20 Jahre her, dass die Sowjetunion zerfallen ist. Welche Rolle haben die Bürgerrechtsbewegung und der Samizdat gespielt mit Blick auf den Zusammenbruch der UdSSR?


Es ist zu einfach zu sagen, dass die Revolution von 1989 ein Ergebnis der Bürgerrechtsbewegung und des Samizdat sei. An dem Zusammenbruch der Systeme waren die Systeme selber schuld. Ich glaube, die Samizdat-Literatur und die Dissidenten- Bewegungen haben in zweierlei Hinsicht eine Rolle gespielt: Sie haben viel, viel früher als wir Historiker oder gar Ökonomen oder Politologen auf die innere Schwäche dieser Systeme hingewiesen. Und sie haben zu einem Zeitpunkt, als unsere gesamte Wissenschaft davon überzeugt war, dass die Sowjetunion auf immer existieren würde, darauf aufmerksam gemacht, dass es hier ein Modernisierungs- und ein Legitimationsdefizit gibt, das offensichtlich diese Systeme nicht selbst lösen können. Von daher gab es ganz viele Signale eines Seismographen.

Die zweite Rolle, die sie gespielt haben: Sie haben nicht die Revolutionen gemacht, aber sie haben für die Friedlichkeit der Revolutionen gesorgt. Sie haben die Revolutionen zivilisiert. Ich habe in den 80er Jahren in Moskau gelebt und bei Kundgebungen, bei den Demonstrationen, bei den Clubdiskussionen erlebt, dass die Bürgerrechtler eine moralische Autorität waren. Sacharow in Moskau wie Vaclav Havel in Prag. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn es nicht die Bereitschaft zu einem Diskurs mit den radikalen Bürgerrechtlern gegeben hätte. Es war ein Zusammenspiel, zu der auch die Figur Gorbatschow zu rechnen ist, der frühzeitig entschieden hat, dass er keine Gewalt einsetzen will.


Sie haben viel über Beziehungen zwischen Russland und Deutschland geforscht. Was verbindet Russen und Deutsche heute außer der Gaspipeline Nord Stream?


 Ich glaube, dass heute in den deutsch-russischen Beziehungen eine relativ große Fantasielosigkeit herrscht. Wir feiern und richten gemeinsam Veranstaltungen aus, Wissenschaftsjahre und Kulturjahre, das ist auch richtig und gut. Aber im Grunde habe ich den Eindruck, dass weder der eine noch der andere Staat so richtig weiß, wie man perspektivisch miteinander umgehen könnte. Deutschland ist mit sich selbst und dem im Moment nicht handlungsfähigen EU-Europa beschäftigt. Wenn Russland nach Europa wollte - was an sich eine phantastische Perspektive wäre - müsste es Souveränität aufgeben, das will es nicht. Anderseits sagen wir: Wenn Russland schwach ist, ist es zu schwach für Europa. Wenn es stark ist, dann ist es zu stark für Europa. Wir hatten in der Zeit von Willy Brandt vor 30 – 40 Jahren viel mehr Brücken geschlagen. Die Brücken existieren heute, da wird auch umhergelaufen, aber in der globalisierten Welt muss man mehr als Brücken haben.

Heute sind in Russland Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt. Wie ist kritische Meinungsbildung heute möglich?


Kritische Meinung wird geäußert, aber sie wird im Land selbst nicht gehört. Das ist das problematische Geheimnis an Putins Herrschaft, dass sie einerseits autoritäre Züge hat und auf der anderen Seite immer noch die Unterstützung in der Bevölkerung genießt. In dieser Klemme haben kritische Äußerungen keine großen Spielräume.


Wie können sich Andersdenkende heute mehr Geltung verschaffen?


Sie haben nicht viele Möglichkeiten, das muss man einfach sagen. Wir müssen mit ihnen und sie müssen untereinander im Dialog stehen. Die Menschenrechtsgruppen haben ihr Feld und haben letztlich nicht die Aufgabe, den politischen Wechsel herzustellen. Aber irgendwann wird man diesen brauchen.


Das Interview führte Susanne Spahn.

Alexander-Men-Preis
Mit dem Alexander-Men-Preis werden Deutsche und Russen für ihren Beitrag zu Verständigung zwischen beiden Völkern geehrt. Der Preis im Namen des Dissidenten-Priesters Alexander Men wird seit 1995 abwechseln in Russland und Deutschland verliehen. Zu den Preisträgern gehörten bisher der Schriftsteller Lew Kopelew, der Slawist Wolfgang Kasack, der ARD-Korrespondent in Moskau Gerhard Ruge, der ehemalige Wirtschaftsminister Otto-Graf-Lambsdorff, der damalige Botschafter in Russland Ernst-Jörg von Studnitz aus Deutschland. Aus Russland wurden der ehemalige Präsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow, die Schriftsteller Tschingis Ajtmatow, Anatolij Pristawkin, Ludmila Ulizkaja und andere Akteure ausgezeichnet. Geschaffen wurde die Auszeichnung von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Allrussischen Staatlichen Rudomino-Bibliothek für ausländische Literatur in Moskau, dem Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Tübingen, der Europäischen Akademie „Bürgergesellschaft“ sowie der Zeitschrift „Ausländische Literatur“. 

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