Diplomatie auf russische Art

Bild:Niyaz Karim


Ein altes russisches Sprichwort sagt, man solle keine Samoware nach Tula bringen. Das ist in etwa dasselbe, wie Eulen nach Athen zu tragen. Wobei dem Samowar noch eine weitere besondere Rolle zufällt. Er ist Zeichen des Miteinanders, des Austausch, des Friedens. Er wird seit altersher von russischen Diplomaten mit sich geführt. Um den Samowar macht man sich Freunde, besänftigt Feinde und löst Konflikte.

Als zu Beginn des Jahres 2011 in der arabischen Welt eine Reihe von Protesten und Massenbewegungen, bewaffnete Rebellionen gegen die herrschenden Verhältnisse bis hin zu einzelne Länder umwälzenden Revolutionen ausbrachen, setzte Moskau weiter auf seine bewährte Samowar-Diplomatie.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow reiste im März 2011 in das nachrevolutionäre Ägypten , wo er zunächst den Sitz der Arabischen Liga am Tahrir-Platz besuchte ‒ dem Symbol der revolutionären Auseinandersetzungen.

Erst zwei Tage zuvor waren die Barrikaden entfernt worden, dennoch konnte von Ruhe keine Rede sein. Als eine skandierende Menschenmenge den russische Diplomaten und Journalisten von europäischem Aüßeren ansichtig wurde, drohte die Situation zu eskalieren:  «Verprügeln!», schrie einer, und der Mob kam näher. Glücklicherweise brachte die in Englisch erhobene Frage: «Wo seid ihr her?» und die Antwort: „Russen“ die Menge zum Stoppen. «Russen rühren wir nicht an», erklärte einer der Demonstranten. «Franzosen oder Engländer, die würden wir wegen ihres Militäreinsatzes in Libyen in den Arsch treten.» Natürlich echauffierte sich der Protest über die Bombardierung der Stellungen Gaddafis am Tag zuvor durch die internationale Koalition des Westens und der NATO und skandierte "Schande über Sarkozy" oder "Keine Bombardierung von souveränen Staaten".

Ähnliches ereignete sich, als Demonstranten die Wagenkolonne des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon beim Verlassen des Hauptquartiers der Arabischen Liga mit Eiern bewarfen,  jedoch die mit der russischen Standarte geschmückte Limousine Sergej Lawrows mit Jubel durchließen.

Traditionelle genießen Russen in der muslimischen Welt große Achtung. Möglicherweise liegt das an der Samowar-Diplomatie, mit der zwischen den Ländern und Lagern ein enges vertrauensvolles Verhältnis hergestellt werden kann. Muslime schätzen in besonderer Weise, wenn man sie achtet und ihnen zuhört.

Wie unterschiedlich die Herangehensweise von Franzosen, Engländern, Amerikanern und Russen ist, wurde auch in der Arbeit des Nahost-Quartett gegenüber der Hamas sichtbar. Ende Januar 2006 gewann die Hamas, die im Westen ohne großes Nachdenken als terroristische Bewegung abgetan wird, die Wahlen in den palästinensischen Autonomiegebieten und erreichte die parlamentarische Mehrheit. Obwohl die internationalen Beobachter keine bedeutenden Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen feststellen konnten, erkannten weder die Vereinigten Staaten noch die Europäische Union den Sieg der Hamas an und weigerten sich, mit ihren Vertretern zu verhandeln.

Im Gegensatz dazu respektierte Russland den Willen des palästinensischen Volkes. »Was die Hamas betrifft, so werden wir die Verbindung mit dieser Bewegung aufrecht erhalten, da ein bedeutender Teil der Palästinenser für sie gestimmt hat, und zwar in einer Wahl, die als frei und demokratisch anerkannt wurde«, betonte Lawrow. »Um die wirtschaftlichen Probleme im Gaza-Streifen zu lösen, müssen wir auf einer alltagstauglichen Basis mit der Hamas zusammenarbeiten. Das ist ein komplizierter Prozess, der nicht zu brauchbaren Ergebnissen führen kann, wenn wir die Hände in den Schoß legen.«

Lange Zeit übte sich der Westen mit seiner Kritik an  Russland für die Unterstützung von "Terroristen". Doch inzwischen haben auch europäische Diplomaten direkte Kontakte mit der Hamas aufgenommen. Das zeigt, dass jeglicher Fortschritt im palästinensisch-israelischen Konflikt blockiert ist, wenn die Meinung der Mehrheit der Bevölkerung in Gaza ignoriert wird. Moskau hatte mit seiner nicht-konfrontativen Samowar-Diplomatie recht und sieht sich darin bestärkt, seine europäischen Kollegen zu einem differenzierten Zugang zu drängen.

Diese Haltung unterstrich Lawrow erneut in Ägypten: »Russland hat kein Recht, mit der islamischen Welt zu streiten, und schon gar nicht, sich in solche Streitigkeiten hineindrängen zu lassen. Ich bin überzeugt,“ sagte er, „dass die Entscheidung Russlands und anderer führender Nationen, einschließlich solcher geopolitisch wichtigen Länder wie China und Indien, für eine einheitsstiftende Politik der wichtigste Faktor sein wird und eine Garantie dafür ist, dass die Welt nicht in verfeindete Zivilisationen auseinanderbricht.«

Der Westen verliert gegenwärtig seinen Anspruch, die Welt nach seiner Facon  glücklich zu machen. Wie der russische Außenminister es formuliert, sind vielleicht aus diesem Grund manche Menschen versucht, die gegenwärtigen Ereignisse in der arabischen Welt als Bedrohung für den Westen und seine Werte und Lebensweisen zu interpretieren. „Aber,“ so fügte er hinzu, »wenn aus solchen Schlussfolgerungen der Versuch abgeleitet wird, die Welt in die so genannte zivilisierte Menschheit und den Rest aufzuspalten, dann liegt darin der Keim für tiefgreifende globale Auseinandersetzungen.«

Manchmal ist nur ein gemütlich rauchender Samowar nötig, um Menschen unterschiedlicher Anschauung in eine entspannte Atmosphäre zu entführen, in der sie sich austauschen und in eine gemeinsame friedliche Zukunft blicken. So steht der russische Samowar für eine einfache, aber sehr wirksame geopolitische Diplomatie.

Wladislaw Worobjow ist Journalist der Tageszeitung "Rossijskaja Gaseta".

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