Es rockt!

David-Emil Wickström, 1997. Foto: www.dew.ikso.net

David-Emil Wickström, 1997. Foto: www.dew.ikso.net

Der russische Rock. Er lebt. Und wie er lebt! Er hat vielleicht ein wenig geschwächelt, leise geröchelt und sich dann doch gefangen. Er hat in den Westen geschaut, mit Instrumenten experimentiert und seinen Reichtum entfaltet. Wie vielfältig die einst verfolgte Musikrichtung heute in der Stadt an der Newa ist, hat der 32-jährige David-Emil Wickström in seiner Dissertation „Okna otkroj! – Open the Windows!" beschrieben. Der Musikethnologe aus Mannheim tauchte in den St. Petersburger Untergrund ein und spielte selbst in zwei russischen Rockbands mit.

Nach eineinhalb Minuten wirft der Sänger seine Lederjacke auf den Boden. Er hüpft, reißt das linke Bein immer wieder hoch. Es sind die Töne der kalifornischen Punkband „The Offspring" zu vernehmen. Vermeintlich. Posaunenklänge mischen sich dazu, eine Trompete ertönt. Und die Sprache, sie passt auch nicht so recht zum amerikanischen Slang. Sie ist russisch, samt ukrainischem Einschlag, bewusst mit falscher Grammatik. Alexander Rudenko, „Sascha", der Sänger, zupft an seinem T-Shirt. Ja, er hat sich bei „The Offspring" bedient. Das macht er gern. Auch bei „Nirvana" und den „Sex Pistols" und selbst bei Ludwig van Beethoven. „Sascha" singt fürs „Volk", wie er ins Mikro ruft. Denn seine Skapunk-Band heiße schließlich „Svoboda" (Freiheit).

Es ist eine Szene auf einem russischen Rockfestival. An einem St. Petersburger Sommertag. Einige Meter von Sascha entfernt steht David-Emil Wickström, er hüpft nicht, er bewegt nur ein wenig den Kopf, hält seine Trompete in der Hand. Wickström ist mittendrin und doch distanziert. Es ist seine Aufgabe — als teilnehmender Beobachter, als Musikethnologe. Zwei Jahre lang erforschte er die Underground-Szene St. Petersburgs, die erste offizielle Rockszene Russlands. Im Vordergrund immer die heutigen Bands, die heutige Kultur, die Einflüsse verschiedener Stile. Er schwitzte in Proberäumen und hinterfragte den stets wiederholten Satz „Das ist der echte Piter-Rock."

„Er vereint Elemente westlicher Bands, bedient sich bei den russischen Gruppen der 80er Jahre wie DDT, Graschdanskaja Oborona oder Akwarium, lebt im Untergrund. Nur wenige Musiker können ihren Lebensunterhalt damit verdienen. Es ist eine von vielen Elementen durchsetzte Musik, mal mehr Heavy Metal, dann wieder mehr Ska. Es ist einfach breitgefächert", so Wickströms Definition der „Echtheit" dieses Rocks. Breitgefächert ist auch seine Biografie. Die Mutter ist Amerikanerin, der Vater Schwede. Wickström kommt in Norwegen zur Welt, lebt danach einige Jahre in Österreich, macht in Berlin sein Abitur, bevor er später in Norwegen und Dänemark studiert, in Russland für seine Promotion forscht und nun an der Popakademie in Mannheim arbeitet.

Nach seiner Magisterarbeit, für die er auch mal mit einer norwegischen Volkstanzgruppe auftrat, sollte es der Osten sein. „Ich kannte Petersburg, die Musikszene, meine Freundin kommt von dort." Er lernt Russisch, lässt Wodka-Abende über sich ergehen, schläft tagsüber, führt nachts Interviews. „Ich wollte zeigen, wie sich die Globalisierung auf die Musiker auswirkt, ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung erforschen."

Es ist ihm gelungen. Der heutige Piter-Rock ist ein buntes Gemisch aus Balkan-Klängen, harten Gitarrenriffs und kreativer Lebenskunst. Fast so, wie er es immer war. Nur viel freier. Weit entfernt von den Reglements in der St. Petersburger Rubinstein-Straße 13 der 80er Jahre. Die Rubinsteinstraße. Hier hatte Graf Tolstoj seine Residenz, Michail, nicht Lew. Verwandt waren sie dennoch — über fünf Ecken. Hier entwarf der sowjetische Architekt Andrej Ol das konstruktivistische Kommunalhaus für Ingenieure und Schriftsteller. Und hier erlaubte die Sowjetführung am 7. März 1981 den ersten russischen Rockclub.

Bereits in den 60ern hatten sich sich die ersten russischen Rockbands formiert. Nun legalisierte der Staat formal die einst verbotene Musik — um sie besser kontrollieren zu können. Die Organisation blieb sowjetisch. Niemand kam ohne einen Mitgliedsausweis hinein. Der KGB überprüfte Lieder, überwachte Konzerte. Das Motto: „Lasst sie an einem Ort austicken — das machen sie wenigstens unter unserer Bewachung", sagt Nikolaj Michajlow, der Gründer des Rockclubs, heute. „Es war alles streng geregelt, in den Saal kamen nur 500 Leute hinein, der Eintritt war zwar frei, aber die Besucher wurden ausgesiebt.

Nach jedem Konzert musste an die Kulturbehörde Bericht erstattet werden. Allerdings hatten wir eine uns äußerst zugewandte Beamtin. Sie war sehr kreativ in ihren Formulierungen an die Vorgesetzten in der Partei, hat uns gewähren lassen." Die Rubinsteinstraße wird die erste legale Adresse für aufmüpfige Rhythmen und provokante Texte im damaligen Leningrad. Es spielen „Telewisor", „Piknik", „Alisa". Rockclubs in Moskau und Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinburg, folgen prompt. „Wir wollten Spaß unter absurden Bedingungen", sagt Boris Grebenschtschikow von der Band „Akwarium", die viele Russen auch heute noch „Nirvana Russlands" nennen.

Mittlerweile überprüft niemand mehr die gestempelten Mitgliederausweise. Auch wenn die Bedingungen für die Musiker immer noch teils hart sind. „Es fehlt an Proberäumen, an Clubs, wo sie auftreten können", sagt David-Emil Wickström. Mit „Svoboda" ging er in eine stillgelegte Banja, um zu üben. Geld lasse sich für die Bands in St. Petersburg auch kaum verdienen. „Viele fahren mit dem Nachtzug nach Moskau, geben dort ein Konzert und haben immer noch ein größeres Auskommen als in ihrer Heimatstadt." Einige machen sich auch nach Deutschland auf. In Berlin wartet die „Russendisko" im Café Burger.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Moskauer Deutschen Zeitung