Fotojournalismus geht vor die Hunde

Vladimir Vyatkin. Foto: people.su

Vladimir Vyatkin. Foto: people.su

Im März hat mein Handy fast ununterbrochen geklingelt; Kollegen, Freunde und ehemalige Studenten, alle haben mich gefragt, ob ich mitbekommen hätte, wer die Gewinner des diesjährigen World Press Photo Contest sind, des größten Wettbewerbs der Pressefotofrafie? Nachdem ich die Gewinner und ihre Arbeiten auf der Website des Wettbewerbs angesehen hatte, die kürzlich von der Jury bestimmt wurden, war ich platt,sprach aber mit erfahrenen Kollegen, früheren Wettbewerbsteilnehmern und mehrfachen Preisträgern.

Unser aller Meinung ist einhellig: Der internationale Fotojournalismus ist ernsthaft krank, er leidet unter einer akuten Erkrankung von Hirn und Herz - eine häufig gestellte Diagnose bei vielen Menschen, die im letzten Jahr als Folge von Naturkatastrophen, Revolutionen, ethnischen Konflikten, Terroranschlägen, staatlichen Übergriffen und gesellschaftlichen wie privaten Spannungen unter beträchtlichem physischem und psychischem Stress gelitten haben. Fotografen und ihre Produkte bilden da keine Ausnahme. Hunderte stürzen sich Hals über Kopf in einen Abgrund von Abscheu und Katastrophe. Natürlich steht ein Fotograf, der unter extremen Bedingungen von Naturkatastrophen oder Gewalt arbeitet, unter Hochdruck.

Die Ergebnisse des Wettbewerbs lassen aber klar erkennen, dass nicht nur gestandene Fotografen mit festen moralischen Anschaungen sich freiwillig in solch ein mörderisches Umfeld begeben, sondern auch frischgebackene Abenteurer. Sie zeigen ein Maß an Kaltschnäutzigkeit, dass einem übel wird. Sie haben offenbar Nerven wie Drahtseilen, bewahren stets einen kühlen Kopf, haben flinke Beine und permanenten Internetzugang. Viele dieser Abenteurer scheinen überhaupt keine fotografische Ausbildung genossen zu haben. Im Gegenteil. Kaum haben sie begriffen, wie eine Digicam funktioniert, zielen sie damit auch schon auf menschliches Leid und versuchen, eine Nische in der Hackordnung des internationalen Journalismus zu erobern. Von klassischer Literatur und Kunst haben sie keinen blassen Schimmer. Und von der humanistischen Basis des menschlichen Bewusstseins oder auch von konzeptionellen Grundlagen wie Bild, Symbol, Metapher und Form haben sie keine Ahnung.

Philosophisches Denken? Fehlanzeige. Ihre Kameralinsen sezieren ein kaltes, gleichgültiges Skalpell eines unerfahrenen Pathologen das noch warme Fleisch aus menschlichem Kummer und Leid. Offenbar hat die prickelnde Atmosphäre eines Obduktionssaals den Verstand der Jury so stark vernebelt, dass sie unfähig war,  vernünftige, objektive und vorurteilsfreie Entscheidungen zu treffen. Blinde und gefühllose Dokumentation ist der letzte Schrei in der Pressefotografie, verzerrte Formen werden zu elementaren stilistischen Leitlinien erhoben. Es geht nur darum, den Betrachter zu schockieren, und dabei bleibt jeglicher Humanismus der klassischen Fotografie auf der Strecke.

Das Foto des Jahres ist das Porträt einer jungen Afghanin, die von ihrem Ehemann entstellt wurde, ein Bild, das zum Symbol für Gewalt und Sadismus geworden ist. Sein visueller Stil ähnelt eher dem eines forensischen Fotos. Hat der Fotograf das unglückliche Opfer eigentlich gefragt, ob es über die weltweite Verbreitung ihres entstellten Gesichts glücklich ist? Afghanistan ist zwar weit entfernt von Amsterdam, doch diese Frau ist ein Mensch und eine Bewohnerin unserer Erde. Wir alle müssen für unseren Nächsten und die Gesellschaft moralische und ethische Verantwortung übernehmen.

World Press Photo veröffentlicht die Gewinnerfotos des Wettbewerbs in einem fantastischen Katalog mit dem Foto des Jahres auf dem Einband. Hätte ich das zu entscheiden gehabt, ich hätte dafür Kasimir Malewitschs "Schwarzes Quadrat" gewählt - ein Meisterwerk des Minimalismus des 20. Jahrhunderts - nicht als Kunstwerk, sondern als Manifestation des Geistes in unserer Zeit. Es symbolisiert die Entwertung der humanistischen Basis des modernen Fotojournalismus.

Manchmal halte ich ungeschönte sozialkritische Fotografie für durchaus angebracht. Aber auch das hat seine Grenzen, besonders wenn man unermessliches menschliches Leid dokumentiert.

Zahlreiche prämierte Fotos im Katalog verdienen es gar nicht, dass man ernsthaft über sie diskutiert. Das Verbindende ist die Eintönigkeit der fotografischen Formen, die meisten Bilder sind stilistisch naiv und primitiv, es gibt Serien ohne Anfang und Ende, ohne jede Versuch einer Verallgemeinerung oder Kategorisierung. Es gibt exotische Aufnahmen aus fernen, von der Zivilisation des 21. Jahrhunderts unberührten Entwicklungsländern. Viele Fotos wirken wie durchschnittliche studentische Studien und Experimente, vor allem in den Wettbewerbskategorien "Porträt" und "Sport". Diese Bilder ähneln eher kriminellen Szenen als einem sportlichen Wettbewerb mit seiner Schönheit und Intensität. Statt klassischer Kunst und Kultur sind nur billige, geschmacklose Mystifikationen, exotische Rituale und Urlaubsschnappschüsse zu haben.

Aber glücklicherweise finden sich auch einige gute Bilder in der Kategorie "Natur und Umwelt" - ausgenommen die Fotos von der Ölkatastrophe in gestochen scharfen Großaufnahmen, die wie schreckliche Weihnachtsdekorationen wirken. Hier wurden gedankenlose, mechanische Momentaufnahmen zur Krone der zeitgenössischen fotografischen Kultur hochstilisiert.

Das Bild "Whooper Swan" aus der Kategorie "Natur", das es bis ins National Geographic Magazine geschafft hat, gefällt mir hingegen sehr. Es ist exquisit in Stil und Form, voller Humanismus und Liebe. Auch zwei soziale Fotoreportagen gefallen mir sehr: "The Julie Project 1993-2010" von Darcy Padilla (Vereinigten Staaten) und "Name of Victoria" von Mads Nissen (Dänemark). Das ist echter Journalismus mit einem aussagekräftigen Thema, das berührt und Menschen mit ihren Nöte und Sorgen behandelt.

Normalerweise besuche ich jeden Sommer die Ausstellung "World Press Photo", wenn sie nach Moskau kommt. Dabei bin ich nicht allein, sondern nehme meine Kinder mit, meine Freunde und Bekannten, meine Studenten, auch Kinder aus Waisenhäusern und weitere Interessierte. Ich will ihnen die Bilder von Krieg und Frieden zu zeigen, von menschlicher Freude und menschlichem Leid. Doch in diesem Jahr überlege ich mir zum ersten Mal, ob ich mir das überhaupt antun soll.

Vladimir Vyatkin ist einer der renommiertesten Fotografen und Preisträger vieler internationaler Fotoausstellungen und Wettbewerbe. Er hat mehr als 160 Preise erhalten. Seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, darunter beim Wettbewerb World Press Photo in Holland, Mother Jones in den Vereinigten Staaten, bei der Great Wall Competition in China und bei Sportwettbewerben in der Schweiz, in Frankreich und Japan. 2003/2004 gewann er den Preis des Fotowettbewerbs "Silberne Kamera" in Moskau.

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