Schüler-Aufruhr in Saratow

Schüler sind empört über Entlassung ihres Direktors. Foto: Anton Kravtsov \ Russian Reporter

Schüler sind empört über Entlassung ihres Direktors. Foto: Anton Kravtsov \ Russian Reporter

Schüler der Schule Nr. 93 in Saratow wagen es, auf die Straße zu gehen und öffentlich gegen die Entlassung ihres Lehrers zu protestieren. Als sie erfuhren, dass ihr Direktor Nikolai Schuster vom Dienst suspendiert wurde, organisierten sie spontane eine Demonstration und legten den Straßenverkehr lahm. Der Bildungsminister sowie der Gouverneur des Gebiets Saratow kamen nicht umhin, sich mit Schülern und Eltern auseinanderzusetzen. Die staatliche Verwaltung musste lernen, dass selbst Schüler ein demokratischer Faktor sind.

Die Mittelschule Nr. 93 liegt im Saratower Stadtteil Kirowski mit seinen Plattenbauten. Nach dem Unterricht versammeln sich auf dem Schulhof nicht nur viele Schüler, sondern auch zahlreiche Eltern. Die Kinder entrollen Transparente: „Gebt uns unseren Direktor wieder!“ „Wir brauchen Schuster!“ „Ohne Schuster keine Zukunft!“ Niemand hat es eilig, nach Hause zu gehen. Sie wollen gesehen und gehört werden.

Nikolai Schuster selbst ist nicht anwesend. „Ich sollte teilnehmen, aber ich hatte Bedenken, dass es zu größeren Provokationen kommen könnte“, erklärt der Direktor.

Viele Schüler und Eltern empören sich nicht nur über die fadenscheinigen Gründe der Entlassung Nikolai Schusters, sondern auch die Art und Weise, wie sie erfolgte. Nach altem Brauch entlässt man selbst die missliebigsten Lehrer nur in den Sommerferien, um den Unterricht nicht zu gefährden. Schuster aber wurde unmittelbar vor der Schulabschlussprüfung, dem so genannten Einheitlichen Staatlichen Examen, suspendiert. Und zudem noch an einem Freitagabend, außerhalb der Arbeitszeit.

Es traf ihn unvorbereitet. „Vertreter der Stadtbezirksverwaltung sind in der Schule aufgekreuzt, haben mir meine Entlassungspapiere und Zeugnisse auf den Tisch gelegt“, schildert der geschasste Direktor. „Wenige Stunden zuvor habe ich mir von Sergej Pilipenko, dem Verwaltungschef des Stadtteils Kirowski, anhören müssen, ich würde zu hartnäckig Lobby-Arbeit für die Interessen der Schule betreiben. Mir wurde geraten, auf eigenen Wunsch den Schuldienst zu quittieren.“

In der Stadtbezirksverwaltung verschanzt man sich hinter verschwommenen Formulierungen. „Die Entscheidung wurde ausgelöst durch die Eigenmächtigkeit des Direktors bei der Festlegung der weiteren Entwicklungswege der schulischen Einrichtung“, heißt es dort in schwer verständlichem Beamtenrussisch. Und hinter vorgehaltener Hand kann man hören, Schuster habe finanzielle Mittel verlangt, damit seine Schule für ihr Jubiläum im September saniert und herausgeputzt werden kann. Dazu kommt, dass sein Vorhaben, die beiden benachbarten Schulen des Stadtteils zu einem großen Bildungszentrum zusammenzulegen, den Stadtoberen seit langem ein Dorn im Auge war. Nachdem alle Initiativen Schusters auf lokaler Ebene im Sande verliefen, wandte er sich an den Bildungsminister des Gebiets Saratow persönlich. Das brachte für die Stadtbezirksverwaltung das Maß zum Überlaufen.

Dabei ist Nikolai Schuster beileibe nicht der Typ des hart gesottenen „Beschaffungsmanagers“. Er ist ein ruhiger, freundlicher Mensch, der leise und stockend spricht. Er leitete die 93. Mittelschule schon sechs Jahre lang, wurde zu einem geachteten und beliebten Lehrer sowie einer der bekanntesten Pädagogen der Stadt.

„Er hat in unseren Kindern kleine Persönlichkeiten gesehen, keine Untergebenen“, erklärt eine Mutter den entschiedenen Einsatz von Schülern und Eltern für ihren Direktor. „War jemand schlecht in Chemie, bedeutete das für Schuster nicht, dass das Kind dumm sein musste, sondern dass ihm Chemie nicht lag. Also hat der Direktor etwas gesucht, worin sich dieser Schüler beweisen konnte.  Nach dem Verständnis Schusters müssen Kinder in die Lage versetzt werden, Fragen zu stellen und Antworten zu fordern.“

Als wollten sie die Meinung der Mutter bestätigen, sperren die Schüler für eine halbe Stunde die Shukowski-Straße. Eine forsche Polizistin taucht auf. „Stellen Sie sich bitte vor und zeigen Sie Ihren Dienstausweis“, fordert die Menge. Die Beamtin greift sich den Erstbesten und versucht es auf die altbewährte Tour: „Wer bist du denn, dass ich mich bei dir vorstellen muss? Meine Schulterstücke dürften schließlich genügen, oder?"

Doch die Schüler lassen sich nicht einschüchtern, sondern werden jetzt erst recht mobil. Jemand klettert auf den Schulzaun und filmt von dort das Geschehen mit einer Videokamera. Die Situation droht zu eskalieren. Schließlich erscheint der Chef der Stadtbezirksverwaltung vor Ort. „Die Entscheidung habe nicht ich getroffen, sondern der Bürgermeister von Saratow“, rechtfertigt er sich link und schafft es, die Diskussion ins Schulgebäude zu verlagern. Das anschließende „konstruktive Gespräch“ geht aus wie das Hornberger Schießen. Nur trockene Formulierungen und ein Hin-und-her-Schieben der Verantwortung. Mit dem Versprechen, den Sachverhalt auf der Grundlage der geltenden Gesetze umfassend und schnellstmöglich zu klären, macht sich die Verwaltung aus dem Staub.

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Noch eine ganze Woche lang bleibt der „Aufstand der Kinder“ Thema Nr. 1 in den lokalen Massenmedien, aber auch bei den Politikern, Bürgerrechtlern und Beamten der Stadt sowie des Gebiets Saratow.

Garri Tatarkow, Bildungsminister des Gebiets Saratow, gibt sich nach der öffentlichen Schelte geläutert: „Wir sind hier mit dem beispiellosen Fall konfrontiert worden, dass Schüler und Eltern uns ihre Meinung ordentlich um die Ohren geschlagen haben.“

Seine Konsequenz lautet: "Eltern nehmen Vorwürfe und Vorfälle, die ihre Kinder und Lehrer betreffen, nicht mehr hin. Ich muss eingestehen: Nikolai Schuster ist ein fähiger Leiter und war am richtigen Platz. Ich persönlich sehe keinen Grund für seine Suspendierung.“

Sogar der Gouverneur des Gebiets Saratow Pawel Ipatow musste sich den Forderungen der Schüler beugen und die Schulbehörde beauftragen, die Angelegenheit nochmals zu prüfen.

Doch aller vollmundigen Versprechungen zum Trotz wurden die Schüler von der Polizei vorgeladen und verhört, um die „Rädelsführer“ zu ermitteln.

Nikolai Schuster wurde vor eine schwere Entscheidung gestellt: Er konnte seine Suspendierung anerkennen und die Schüler bewegen, auch ihren Protest aufzugeben. Oder er widersetzte sich weiterhin seinem Rausschmiss und zählte dabei weiter auf die Unterstützung durch Schüler und Lehrer. Das jedoch war mit Gefahr für die Biografien der jungen Menschen verbunden, die in die Nähe von Staatsverbrechern gerückt wurden. „Ich gebe auf, weil ich möchte, dass die Kinder in Ruhe gelassen werden“, formulierte er,  „Sie stehen doch kurz vor den Abschlussprüfungen.“

 Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Russkij Reportjor.

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