Holz im Tank?

Foto: PhotoXPress

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In Russland wird gerade eine neue Technologie zur Biodiesel-
gewinnung aus Holzabfällen entwickelt. Rohstoffe gäbe es genug: In Russland existieren rund 40 Zellulosefabriken, die zusammen jeden Monat etwa 30 000 Tonnen Ligninschlamm produzieren. Deutschland und Österreich haben 
bereits Interesse an dem umweltfreundlicheren Holzsprit geäußert.

Ende März hat eine Untersuchung der Staatsanwaltschaft – initiiert von der Umweltorganisation „Bajkalskaja ekologitscheskaja wolna“ – ans Licht gebracht, dass die Zellulosefabrik am Baikalsee heimlich eine riesige Deponie von Produktionsabfällen unterhielt. Etwa eine Million Tonnen Ligninschlamm sind dabei wegen einer technischen Panne aus der Auffanganlage ins Freie gelangt.

Diese Fabrik hat durch seine Verschmutzung des Baikalsees traurige Berühmtheit erlangt. Kein geringerer als Premierminister Putin hat dieses Werk erst schließen und dann wieder öffnen lassen ­– und zwar mehrmals. In Russland gibt es rund 40 Zellulosefabriken, die zusammen jeden Monat etwa 30‘000 Tonnen Ligninschlamm produzieren. Es ist gut, wenn der Schlamm in die entsprechenden Auffangbecken gelangt. Doch auch aus diesen muss der Schlamm schlussendlich einmal entsorgt werden.

Normalerweise denkt man bei Biotreibstoff an die Verwertung von Primärprodukten der Landwirtschaft, wie zum Beispiel Raps oder Soja. Dabei handelt es sich um einen relativ einfachen chemischen Prozess: Das Pflanzenöl wird für die Biodieselproduktion im Verhältnis eins zu neun mit Hilfe von Lauge, Kalium- oder Natriumhydroxid in einem Katalysator veräthert. Daraus ergeben sich einerseits leichte Fraktionen, die dann dem Dieseltreibstoff beigemischt werden, und andererseits schwere Fraktionen; diese sind als schlecht raffiniertes Glycerin ein ebenfalls sehr gefragtes Produkt.

Kommen wir nun wieder auf den Ligninschlamm zu sprechen. Dieser wird in Russland manchmal einfach verbrannt, doch das ist natürlich keine normierte technische Prozedur, sondern einfach eine Notwendigkeit. In einigen Zellulosefabriken ist man dazu übergegangen aus dem Lignin Heizpellets zu pressen, und in China wurde eine Methode entwickelt, daraus Bioethanol, das Benzin beigemischt werden kann, zu gewinnen. Diese Technologie wird allerdings noch nicht für die Massenproduktion verwendet.

Seit kurzem nun wird in Russland aus Ligninschlamm Biodiesel hergestellt. Diese Neuentwicklung basiert auf einer von der Technischen Universität Jaroslawl erarbeiteten Technologie und nennt sich wood-based Biodiesel. Dabei gibt es keine prinzipiellen Unterschiede zur Herstellung von Biodiesel aus landwirtschaftlichen Produkten. Die entsprechenden Produktionsanlagen werden von der ukrainischen Firma Ukrbudmasch aus Poltawa geliefert. Eine erste Probemenge des Lignindiesels wurde bereits hergestellt und dessen Qualität gemäß europäischen Standards bestätigt.

Die Firma Alliance Venture Business hat erste Verhandlungen zur Lieferung von „Holzdiesel“ nach Deutschland und Österreich geführt. Die Nachfrage wird vorerst auf rund 1000 Tonnen pro Monat geschätzt.

Die Reaktion der Zellulose- und Papierbranche ist vorerst verhalten. „Natürlich ist die Entsorgung von Lignin ein nicht unerhebliches Problem“, meint Anatolij Tschernowol, Vizepräsident des Herstellerverbandes der Zellulose- und Papierindustrie, „Nur die Hälfte des verarbeiteten Lignins fließt auch in die Produktion. Der Rest fließt in die Brühe, die dann entsorgt werden muss. Doch die Suche nach neuen Lösungsansätzen für dieses Problem benötigt viel Zeit. Eine weitere Neuentwicklung wird nicht so schnell spürbare Abhilfe verschaffen.“

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Kommersant-Nauka. 

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