Noch ist sich jeder selbst der Nächste

Eine Spendengala der Kinderkrebsstiftung „Schenke Leben“ im Moskauer Sowremennik-Theater. Foto: Itar-Tass

Eine Spendengala der Kinderkrebsstiftung „Schenke Leben“ im Moskauer Sowremennik-Theater. Foto: Itar-Tass

Mühsam nähren sich russische Wohltätigkeitsinstitute - und haben doch an Zahl und Ansehen zugenommen. Das Misstrauen in der Bevölkerung ist nicht ganz unbegründet.

Wladimir Putin hält verlegen das Mikrofon in der Hand, lächelt von der Bühne die vor ihm sitzende Sharon Stone an. Dann singt er „Blueberry Hill“ und hat sichtlich Mühe, die richtigen Töne zu treffen. Der russische Premier nahm diese Strapazen für krebskranke Kinder auf sich. Gemeinsam mit hochkarätigen Hollywoodstars trat er Ende 2010 bei einem Wohltätigkeitskonzert der Stiftung „Federazija“ (Föderation) auf. Das Delikate: Von der Stiftung hatte bis dahin niemand gehört, später stellte sich heraus, dass sie erst zwei Wochen vor dem Event gegründet worden war. Als die Mutter eines kranken Kindes danach öffentlich kundtat, dass das Krankenhaus, in dem ihr Kind behandelt wird, keinerlei Hilfe erhalten habe, war der Skandal perfekt.

Finten wie diese verbessern nicht 
gerade den Ruf von russischen Wohltätigkeitsorganisationen. Der Leiter der „Russischen Stiftung für Hilfe“, Lew Ambinder, erzählt, dass er nach dem Vorfall Briefe bekommen habe mit dem Wortlaut, „Federazija“ und alle anderen Organisationen seien berüchtigt für ihre „betrügerischen Machenschaften“. Dieses Misstrauen rührt auch aus den Neunzigerjahren, als viele Stiftungen zur Geldwäsche missbraucht wurden. Manche ließen Waren aus dem Ausland als Spende getarnt einführen, mit dem 
Vorteil der Steuerfreiheit. Später verkauften sie die „Spenden“ gewinnbringend.

Der russische Schauspieler Artur Smoljaninow schüttelt resigniert den Kopf, als er an ein kürzliches 
Erlebnis beim Einkaufen denkt. Eine Frau ging an einer Sammelbüchse der Kinderkrebsstiftung „Schenke Leben“ vorbei, und Smoljaninow hörte, wie sie murmelte: „Wem soll ich was schenken? Die spinnen doch alle!“ Das machte ihn nachdenklich: „Sie wollte nicht einmal wissen, wofür wir sammeln.“ Seit 2006 ist er 
ehrenamtlicher Helfer bei „Schenke Leben“.

Die Reaktion der Frau im Supermarkt spiegelt die Einstellung der breiten Bevölkerung zum Thema Wohltätigkeit. „Informiert sind die Menschen genug, aber sie wollen sich nicht mit den Problemen anderer beschäftigen“, erklärt Smoljaninow. „Nur nicht hinschauen“ sei die Devise und werde so schon den Kindern gepredigt. „Ich habe oft in der U-Bahn beobachtet, wie Mütter ihren Sprösslingen die Augen zuhalten, wenn ein behinderter Bettler vorbeiläuft“, sagt er. „Man bringt ihnen bei, dass behinderte Menschen anders sind und dass man sie nicht beachten soll.“ Und schon gar nicht ist man bereit, einer Stiftung Geld für sie zu spenden. Allerdings reicht das monatliche Budget häufig nicht einmal für einen selbst aus. „Wohltätigkeit ist erst dann ein Thema, wenn man einen gewissen Wohlstand erreicht hat“, sagt Artur Smoljaninow.

Ungeachtet ihres ambivalenten Rufs wächst die Zahl der Wohltätigkeitsorganisationen stetig an. „Die Russen beginnen, Interesse zu zeigen“, meint die Wirtschaftswissenschaftlerin Irina Jasina, Mitglied des Menschenrechtsrates von Präsident Medwedjew. „Anfang der 2000er war die Stiftung ‚Offenes Russland‘ die einzige, die sich für eine Ausbildung von 
Behinderten eingesetzt hat“, erinnert sie sich. Jetzt gebe es diverse Organisationen, die Rollstühle bereitstellten oder behinderte Kinder in Heimen auf ihr Leben vorbereiteten. „In den letzten Jahren hat es grundlegende Veränderungen gegeben. Wir nähern uns langsam Europa an.“

Seriöse Organisationen wie „Schenke Leben“ versuchen mit ihrer Arbeit, das Vertrauen in der Bevölkerung zurückzugewinnen.

Zahl

3 Millionen Euro sammelte die Organisation „Schenke Leben“ von Tschulpan Chamatowa im Jahr 2010 − so viel wie keine andere.

Sie weisen transparente Strukturen auf und geben Garantien dafür, dass Spenden wirklich an ihrem Zielort ankommen. Prominenz an ihrer Spitze soll ihnen die gebührende Aufmerksamkeit verschaffen. Tschulpan Chamatowa, Schirmherrin von „Schenke Leben“, war in dem Film „Goodbye Lenin“ an der Seite von Daniel Brühl zu sehen. Im letzten Jahr hat ihre Organisation drei Millionen Euro Spendengelder eingesammelt - so viel wie keine andere. „In den USA geben 90 Prozent der Bevölkerung regelmäßig Geld für Bedürftige aus“, sagt Chamatowa. „Für die Amerikaner ist das wie Zähneputzen. Davon kann man bei uns nur träumen.“ Auch deswegen, weil man in Russland Spenden steuerlich nicht absetzen kann.

Chamatowa ist vorsichtig optimistisch: In der neu enstehenden Mittelschicht sei die Bereitschaft, etwas für andere zu tun, deutlich gestiegen. Sie weist auf das befriedigende innere Gefühl nach einer Spendenaktion hin: „Man kann natürlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn man vom Unglück eines anderen erfährt. Aber viel wichtiger ist es, real zu helfen und Probleme anzupacken. Das gibt einem auch selbst Mut und Hoffnung.“

Einen guten Teil ihrer Arbeit sieht Chamatowa in der Aufklärung. Da werde auf staatlicher Seite kaum etwas unternommen. „Die Regierung wettert gegen Alkohol- und Zigarettenkonsum. Dass aber vielleicht ein alter Mensch im Rollstuhl auf die Gesellschaft angewiesen ist, darüber kein Wort.“ In solchen Fällen gab es in der Sowjetunion - wenn überhaupt - staatliche Unterstützung. Ansonsten musste und muss bis heute die Familie aushelfen. Geht es nämlich um die eigene Sippe oder um einen engen Freund, ist der Zusammenhalt groß. Engagiert sich hingegen jemand außerhalb der Familie, stößt er auf Unverständnis. Die 25-jährige Katja aus Moskau packt seit einigen Jahren bei „Schenke Leben“ mit an. „Meine Eltern und Freunde verstehen nicht, warum ich meine Freizeit angeblich vergeude“, sagt sie.

Der Staat verschließt die Augen angesichts der sozialen und finanziellen Probleme, mit denen sich die Stiftungen Tag für Tag herumschlagen. Zwar werden krebskranke Kinder kostenlos behandelt, das staatliche Budget ist aber viel zu gering. „1600 Euro sind es jährlich, die für eine Krebstherapie zur Verfügung stehen. In Wirklichkeit muss man aber mit 13 000 Euro rechnen“, sagt Smoljaninow. Ohne Stiftungsgelder wären gerade einmal für fünf Prozent der betroffenen Kinder eine solche 
Behandlung möglich.

„Den Beamten vom Ministerium sind wir ein Dorn im Auge“, erzählt Chamatowa. „Wir nerven sie mit Anfragen, in denen wir unsinnige Gesetze kritisieren. Zum Beispiel über die Einfuhrbeschränkungen wichtiger Medikamente aus dem Ausland. Damit hoffen wir, ein Umdenken im 
Gesundheitswesen und in der 
Sozialpolitik zu forcieren.“

„Die Russen müssen ihre Probleme nun selber lösen“


Seit 2002 hat die Europäische Union in Russland mehr als 70 Projekte zum Schutz der Rechte von Kindern und Behinderten gefördert. Allerdings sinkt die Finanzierung von Jahr zu Jahr: Während die EU im Jahr 2002 noch neun Millionen Euro an Mitteln
vergab, werden es 2011 nur noch 
zwei Millionen sein.

Das hat einerseits mit den Ereignissen in Nordafrika zu tun. Diese Region erfordert nun eine höhere Aufmerksamkeit der Europäer. Andererseits - so Denis Daniliidis von der Vertretung der Europäischen Kommission in Moskau - sehe man Russland inzwischen nicht mehr als Entwicklungsland: „Die Russen müssen ihre Probleme selber lösen.“

Allerdings hofft Daniliidis darauf, dass eine Reihe der von der EU angestoßenen Projekte in Zukunft von russischen Trägern übernommen wird. 
Außerdem unterstützt die EU russische Stiftungen dabei, Projektpartner in Europa zu finden.

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