Russlands Waisenkinder

Foto: Getty Images/Fotobank

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Russland und die Vereinigten Staaten haben sich endlich auf ein Adoptionsabkommen geeinigt und wollen es dieser Tage unterzeichnen. Anlass, um einen Blick auf den russischen Umgang mit Waisenkindern zu werfen.

Lange schon schwelt das Problem. Durch den Umbruch gibt es viele Waisen in Russland und überall auf der Welt überraschend viele Paare, die - aus welchem Grund auch immer - liebend gern ein Waisenkind adoptieren wollen. Die amtliche russische Statistik führt 60.000 russische Kinder auf, die in den vergangenen 20 Jahren allein durch Amerikaner ca. adoptiert worden sind. Pawel Astachow, Beauftragter der russischen Regierung für Kinderrechte glaubt, dass die Dunkelziffer sogar bei 100.000 liegt. Inzwischen ist die Zahl der von ausländischen Familien insgesamt adoptierten Kinder wieder auf 3.000 bis 4.000 Kinder gefallen.

Doch der Höhepunkt der Adoptionen lag Mitte der 90er Jahre, als järhlich rund 14.000 Kinder Russland in Richtung USA auf mehr oder weniger legale Weise verließen. Ausländische Agenturen wandten sich ohne Genehmigung "von oben" direkt an die Waisenhäuser und erkauften oder erlösten - je nach Betrachtungsweise - Kinder für Geld. Scheinbar ein einträgliches Geschäft. Die russische Behörden werden nun auf den Plan gerufen, weil sie auf Anfrage nichts über das Schicksal von Hunderten oder Tausenden wissen. Nur mit Italien besteht ein offizielles Adoptionsabkommen, und auch das kam erst zustande, nachdem es in Italien wie in Russland zu einem öffentlichen Skandal wegen "illegalem Kinderexport" kam. 

Unzählige Skandale säumen auch den Weg zum Adoptionsabkommen mit den USA. Am heftigsten zählt der Umstand, dass in den vergangenen Jahren 17 russische Kinder in den USA verstorben sind. Der Fall von Artjom Saweljew wiegt auch schwer: Seine amerikanische Adoptivmutter schickte ihn wie einen gebrauchten Lappen einfach nach Russland zurück – mit der "Begründung", die sie ihm vor dem Flug um den Hals hing: „Ich verzichte auf ihn.“

Hätte es ein ordentliches Abkommen gegeben, wäre es für Artjoms Adoptivfamilie nicht so leicht gewesen, ihn wie ein unbelebtes Objekt, an dem man keine Freude mehr hat, zurückzugeben. Sie hätte zumindest Unterhaltszahlungen bezahlen müssen.

Das neue Abkommen wird nicht nur den Prozess der Adoption regeln, sondern auch Pflichten und Rechte für beide Seiten festlegen und diese mit Sanktionen bewehren.  Private Agenturen müssen sich beispielsweise sowohl in den USA als auch in Russland akkreditieren lassen. Zudem müssen Sie nach der Adoption die Familiensituation kontrollieren. Was die bisher gut verdienenden Agenturen am meisten fürchten, ist der Umstand, dass dieses Abkommen rückwirkend  gelten; also alle Kinder einbeziehen soll, die in den vergangenen 16 Jahren von Amerikanern adoptiert wurden.

Glücklicherweise sinkt die Zahl der Waisenkinder in Russland von Jahr zu Jahr. 2010 wurden nur noch 370.000 Waisen registriert. Der Rückgang arbeiten dabei Hand in Hand: Die russische Bevölkerung nimmt ab, und vermehrt nehmen sich der Waisenkinder russische Adoptiv- und Pflegefamilien an. Rund 9.000 Kinder werden jährlich von russischen Staatsbürgern adoptiert.

Dennoch gibt es immer noch viele Probleme. Da ist beispielsweise das heutige Vormundschaftssystem. Es bestraft Eltern, die sich nicht ausreichend um ihre Kinder kümmern, indem sie zu Geldstrafen verdonnert werden und ihnen die Elternrechte entzieht. Die Kinder steckt man einfach in Waisenhäuser. Aber es ist auch Positives zu vermelden: In Tjumen werden auffällige Familien bei der Arbeitssuche oder beim Sich-selbständig-Machen unterstützt. Sie erhalten finanzielle Unterstützung und bei Alkohol- oder Drogenabhängigkeit auch ärztliche Hilfe. Man möchte alles tun, damit diese Eltern ihre Elternrechte ausüben können und die Kinder in ihrer eigenen Familie bleiben.

Das russische Erziehungsministerium hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der dieses Beispiel aus Tjumen verallgemeinert, Hilfe zur Selbsthilfe zwingend vorschreibt. Doch es gibt heftigen Widerstand gegen das Gesetz, weil es zwar viel Geld kosten, aber durch Umverteilung geschaffen wird.

Zurzeit gibt es in Russland eine permanente Fluktuation bei Waisenkindern, denn es ist einfacher, Kinder in Waisenhäuser unterzubringen als sie in Familien großzuziehen. Freilich hat das Erziehungsministerium versprochen, sich weiterhin darum zu bemühen, dass das Gesetz zur Pflegeunterbringung von der Staatsduma verabschiedet wird. Allerdings sieht es danach aus, als reichten die Bemühungen des Ministeriums nicht aus. Ohne die ausdrückliche Unterstützung des russischen Präsidenten ist der momentane Widerstand gegen das Gesetz wohl kaum überwindbar.

Der Weg soll von den Waisenhäusern, die jetzt ganz üppig ausgestattet sind, hin zu den vielen Familien, die mit dem Geld direkt unterstützt werden, führen. . In den letzten Jahren hat die russische Regierung bereits - ohne dieses Gesetz - enorme Summen für die Waisenhäuser ausgegeben: Nämlich mehr als 6 Milliarden Rubel ($ 20.000.000,--) jährlich, weil die Unterbringung eines Kindes dort zwischen 45.000,-- und 65.000,-- Rubel pro Monat kostet (zwischen $ 1.500,-- und $ 2.000,--)  und es nur wenige Familien in Russland gibt, die so viel Geld für ihre eigenen Kinder ausgeben können. Boris Altshuler, Vorsitzender der Organisation Right of the Child und Abgeordneter mutmaßt, dass viele regionale Behörden die Gesetzesvorlage bekämpfen, weil sie nicht auf die enormen Summen, die die Regierung ihnen zuteilt, verzichten wollen. Wenn weniger Kinder in Waisenhäusern betreut werden und statt dessen verstärkt in Adoptiv- und Pflegefamilien investiert wird, wäre das ein Verlust für die etablierten Waisenhäuser; manche könnten sogar mit der Zeit verschwinden.

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