Mit Teamgeist gegen Autokraten

In modernen Firmen ticken russische Manager europäisch: hier die Consulting-Firma Troika-Dialog. Foto:  Kommersant

In modernen Firmen ticken russische Manager europäisch: hier die Consulting-Firma Troika-Dialog. Foto: Kommersant

6000 deutsche Firmen sind 
in Russland registriert. Der Führungsstil ihrer Manager 
ist für russische Arbeitnehmer häufig gewöhnungsbedürftig - und umgekehrt.

Sören Kischkewitz ist verzweifelt: „Die einfachsten Managementgrundsätze sind nicht beherzigt. Liegt das an grundlegenden Kommunikationsproblemen, liegt es am schlechten Englisch? Ist es Dummheit, ist es Kalkül?“ Einer seiner leitenden Angestellten gebe keine Informationen weiter, mache dann aber die Mitarbeiter für ihre schlechte Arbeit verantwortlich, erzählt der Vierzigjährige. „Alles läuft nach dem Grundsatz: Ich bin der Chef und du der Dummkopf.“ Jegliche Eigeninitiative würde geradezu bestraft, die Angestellten seien gewohnt, alles vorgeschrieben zu bekommen.  


Strenge, Härte, Kontrolle


Kischkewitz leitet seit zwei Jahren die Russlandvertretung von Avantgarde Moskau. Am Anfang hatte er nicht wenige Probleme mit seinen 20 russischen Mitarbeitern. „Wenn du sie emotional nicht bekommst, dann nur mit Strenge, Härte, Kontrolle.“ Der Manager mochte diesen Stil nicht und wechselte fast die komplette Mannschaft aus. Jetzt funktioniert die Zusammenarbeit besser, und er ist dabei, eigenständige Teams zu bilden. Anfangs waren die neuen Angestellten verwundert über das sachliche und ruhige Auftreten des Mannes: „So einen Chef hatten wir noch nie, du schreist gar nicht!“

Russische Führungskräfte haben in der Bevölkerung einen schlechten Ruf. Nach einer Umfrage des Lewada-Zentrums bescheinigten ihnen nur sieben Prozent Professionalität und Kompetenz. Die Hälfte meinte, Profitgier und Bestechlichkeit seien typisch für russische Manager. „Der russische Führungsstil ist autokratisch. In einer einzelnen Person ist die 
gesamte Entscheidungskompetenz gebündelt. Und diese Person ist der Chef“, erklärt Konstantin Korotov, Professor an der European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin. „Er hat immer recht und steht somit über den Regeln, die für andere gelten.“ Diese Allmacht werde von den russischen Mitarbeitern 
akzeptiert, wirke sich aber fatal auf die Arbeitsmoral aus. „Solche Angestellten werden ‚Büro-Plankton‘ genannt“, sagt Korotov. „Sie sind noch von der sowjetischen Mentalität geprägt. Nur wenn der Boss seinen Mund aufmacht, 
arbeiten sie.“ Jegliche Initiative werde ihrer Ansicht nach bestraft, denn die Konsequenzen für mögliche Fehler seien unbequem und unabsehbar.

„Mein Boss ist ideal“


Inzwischen bezeichnen sich viele selbstironisch als „Büro-Plankton“. Im Gegensatz zu deutschen Arbeitnehmern legen sie mehr Geduld und Toleranz an den Tag, geht es um die Beurteilung ihrer Vorgesetzten. Nach einer Umfrage des russischen Portals Superjob.ru sieht ein Viertel der 
Beschäftigten keinen Grund, sich zu beschweren. „Mein Chef ist ein wunderbarer Mensch“, „Mein 
jetziger Boss ist ideal“, waren die häufigsten Sätze. Nur sechs Prozent beklagten mangelnde Kompetenz im Management und 
kritisierten eine fehlende Achtung 
gegenüber Mitarbeitern.

Kritik an Vorgesetzten wird aus karrieretechnischen Gründen 
lieber anonym geäußert – besonders, wenn die Vorgesetzten aus dem Ausland kommen. „Manche westlichen Führungskräfte benehmen sich seltsam, wenn sie in die Russische Föderation kommen“, sagt die russische Justiziarin eines deutschen Unternehmens aus der Automobilbranche. „Sie meinen, dass sie hier im 
gesetzlosen ‚Wilden Osten‘ seien, auf dem Territorium von Barbaren.“ Die Beraterin hat mehrfach die Erfahrung gemacht, herablassend behandelt zu werden, weil sie Russin ist. „Du weißt nichts, du kannst nichts“, hieße es sofort, „das ist erniedrigend.“

Ungewohnter Freiraum


Je höher der ausländische Manager in der Unternehmenshierarchie aufsteige, desto freundlicher und kontrollierter sei er, berichtet die Juristin. Die Erfahrung, dass sich der Führungsstil deutscher Manager von russischen unterscheide, hat auch Ulrich Marschner, Managing 
Director von Hochland, gemacht. Seit 2000 produziert seine Firma bei Moskau Schmelzkäse für den russischen Markt. „Wir überlassen unseren Mitarbeitern ein hohes Maß an Entscheidungskompetenz. Diesen Freiraum sind sie nicht gewohnt“, sagt er. Marschner legt viel Wert darauf, den Angestellten seine Firmenphilosophie und flache Hierarchien zu vermitteln, und macht seinen 600 Mitarbeitern klar, dass sie aus Fehlern nur lernen können und daran wachsen.

„Schon in der Schule lernt man in Russland, dass kleine Fehler schwere Konsequenzen nach sich ziehen“, erklärt Konstantin 
Korotov solche Verhaltensmuster und empfiehlt westlichen Vorgesetzten: „Ganz wichtig ist der persönliche Draht. Manager sollten ihre Mitarbeiter direkt ansprechen und zur Eigeninitiative ermuntern.“ Diese könnten dann mit ihrem neu gewonnenen Engagement den Kollegen beispielhaft vorangehen. „Die allerletzte 
Verantwortung muss aber immer beim Leader liegen.“

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland