Der mit dem Tambower Wolf tanzt

Die Ufer der Tsna sind ein beliebtes Ausflugsziel und Ort der Erholung für die Bewohner Tambows.Foto: Lori/Legion Media (2)

Die Ufer der Tsna sind ein beliebtes Ausflugsziel und Ort der Erholung für die Bewohner Tambows.Foto: Lori/Legion Media (2)

„Der Tambower Wolf ist dein Genosse“, sagen Russen zu einem, dessen Freundschaft sie müde sind. Wölfe gibt es in der Gegend kaum noch, dafür aber jede Menge Russlandflair.

1986 reiste ich mit dem Zug zum ersten Mal nach Tambow, gut 400 Kilometer aus Moskau in südöstlicher Richtung. Dort lief die Produktion in einem deutschen Werk für Fertighäuser an, die ich überwachen sollte. Direkt nach meiner Ankunft machte ich mich auf die Suche nach den Sehenswürdigkeiten der Stadt und musste feststellen: Ich selbst war die Sehenswürdigkeit - es gab praktisch keine Ausländer, und man beäugte mich wie ein exotisches Tier.

Damals wie heute ist Tambow eine russische Provinzhauptstadt. Das Lebenstempo der knapp 300 000 Einwohner ist ruhiger, ausgeglichener als in den Großstädten. Man kennt und grüßt sich auf der Straße oder schließt umgekehrt schnell Freundschaften.

Treffen bei Soja

 

1636 vom Zaren Michail I. als Festung gegen die Tataren gegründet, verlor die Stadt ihre strategische Bedeutung, als sich das Reich nach Süden ausdehnte. Tambow blieb Verwaltungszentrum eines von der fruchtbaren Schwarzerde geprägten Gebietes, das bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wesentlich von der Landwirtschaft lebte, und Anfang des 20. Jahrhunderts führend im 
Tabakanbau wurde.

Tambow liegt am Fluss Tsna, der die Stadt zugleich von einer Datschen-Siedlung abgrenzt. Zwischen Hauptstraße und Fluss 
befindet sich zentral ein mit Bäumen und Blumen angelegter Park, der an den Wochenenden stark frequentiert wird. Für Kinder gibt es Karusselle, für die Älteren Cafés mit Außenterrassen und Parkbänke zum Ausruhen nach einem Spaziergang entlang des Flusses.

Da in den letzten Jahren viele Fassaden renoviert wurden und neue Häuser Baulücken geschlossen haben, hat sich das Stadtbild deutlich gewandelt. Vor allem ist es nicht mehr so grau, und die Pokrowskaja-Kirche aus dem 18. Jahrhundert oder die Christi-Verklärungs-Kathedrale erstrahlen in neuem Glanz. Tambow ist kulturelles Zentrum des gleichnamigen Oblast und besitzt mehrere Kinos und Theater, eine überregional bedeutende Kunstgalerie und ein Opernhaus. Das Eisstadion, futuristisch anmutend wie die Berliner „Schwangere Auster“, ist ein Publikumsmagnet. Mehrmals im Jahr gastiert daneben der Moskauer Staatszirkus. Einer der wichtigsten Treffpunkte in der Stadt ist das Denkmal für Soja Kosmodemjanskaja: Im Jahr 1941 wurde die junge Partisanin von den Deutschen ermordet und zu Sowjetzeiten als Heldin verehrt. Bei Verabredungen heißt es einfach: „Treffen wir uns bei Soja.“

Das Gebiet Tambow ist legendär für seine Wölfe – von denen es heute immerhin noch 50 Vertreter gibt. Vor einigen Jahren wurde das erste Wolfsmuseum der Welt gegründet, in dem man unter anderem den Tambowski Wolk, den Tambower Wolf, erstehen kann. Die Flasche des Wodkas krönt ein kunstvoller Verschluss in Form eines Wolfskopfes. Knapp 15 Jahre nach meinen ersten Eindrücken von Tambow ließ ich mich mit meiner Familie in der Stadt nieder und bezog ein Haus. Ich arbeitete inzwischen für einen österreichisch-deutschen Investor in der Holzproduktion. Über die Jahre haben wir das Haus renoviert und einen Blumengarten mit überdachter Terrasse angelegt, eine Oase der Ruhe. An Wochenenden treffen wir uns mit russischen Freunden bei Schaschlik und Small Talk, man staunt über den Garten und die deutsche Ordnung.

In der Anfangszeit war die Arbeitslosigkeit in Tambow hoch, unsere Beschäftigten bekamen Löhne von knapp 3000 Rubel 
(75 Euro), das war relativ viel, und wir konnten uns die besten aussuchen. Zunächst gab es keinen einzigen Computer in der Firma, stattdessen nur alte Schreibmaschinen, und auch die nur im 
Sekretariat des Generaldirektors. Der gesamte interne Dokumentenfluss wurde von Hand geschrieben. Nur wenige Mitarbeiter hatten ein Auto, die meisten fuhren mit firmeneigenen Bussen zur Arbeit. Innerhalb der letzten zwölf Jahre sind die Löhne um das Siebenfache gestiegen, das Leben ist auch teurer geworden. Inzwischen hat sich eine gut situierte Mittelschicht herausgebildet.

Kredite für Kaffeemaschinen

 

Viele Mitarbeiter kommen jetzt mit dem Auto zur Arbeit. Die vereinfachte Kreditaufnahme hat es möglich gemacht. Sogar Kaffeemaschinen werden auf Pump gekauft. Das Wort „sparen“ kennt man kaum, auch wegen der stark anwachsenden Inflation. Neue Möbel werden angeschafft, die Wohnungen aufwendig renoviert. In der Stadt sind für solcherart Dienstleistungen etliche aufstrebende Firmen entstanden. Den neuen Wohlstand kann man auch am Zustand der Datschen ablesen, in denen ab dem Monat Mai jeder Tambower bevorzugt sein Wochenende verbringt: Zu Sowjetzeiten waren das in der Regel armselige Hütten, in ihnen konnte man sich vielleicht vor dem Regen verkriechen. Die gibt es bis heute, daneben stehen jetzt aber auch schon prachtvolle „Schlösser“, umgeben von einem meterhohen Zaun.

Wenn Sie in Russland nur Moskau gesehen haben, haben Sie Russland nicht gesehen. Eine russische Megalopolis unterscheidet sich nicht bedeutend von einer westlichen Megalopolis. Wer Russland verstehen will, möge nach Tambow kommen – gerade weil diese Stadt kein Touristenzentrum ist.

Peter Kettenbaum ist der kaufmännische Direktor der Tamak-Holzverarbeitung in Tambow.

Anreise

Von Berlin, Frankfurt, München, Hamburg oder Stuttgart steuert man zunächst den Moskauer Flughafen Domodedowo an; im Anschluss geht um 20.45 Uhr ein Flugzeug (www.regionavia.ru)

nach Tambow. Vom Moskauer Paweletski-Bahnhof gibt es auch Nachtzüge. Fahrzeit: neun Stunden.

Unterkunft

In Tambow gibt es mehrere Mittelklassehotels: Durchschnittlichen Standard bieten das Derschawinskaja (DZ ab 60 Euro,www.tambov-hotel.ru) direkt im Zentrum und das Amaks-Parkhotel (DZ ab etwa 50 Euro, www.tambov.amaks-hotels.ru) etwas außerhalb.

Essen & Trinken

Sehr gemütlich ist das Filin (auf Deutsch: Uhu) mit eigener Brauerei an der Sowjetskaja-Straße 67, wer auf bayrische Würstchen nicht verzichten will, geht ins Bierhaus (Karl-Marx-Straße 146). Klassisch russisch isst man am besten im Tambowski Wolk in der Sowjetskaja-Straße 121.