Die russische Seele will leiden

Copyright: Niyaz Karim

Copyright: Niyaz Karim

Warum zeigen wir Russen kaum Begeisterung über die arabischen Revolutionen? Das wurde ich in den letzten drei Monaten oft von Leuten aus dem Westen gefragt. Wenn es irgendwo auf der Welt "um Freiheit" geht, traut man unserer Nation kein Mitspracherecht zu, weil wir als unfreie Menschen gelten. Und man wirft uns vor, vor der eigenen Unfreiheit seit ewigen Zeiten zu resignieren.

Bild: Niyaz Karim

"Wünschen sich die Russen nicht dieselben Freiheiten, wie sie die Tunesier jetzt haben?" So klingen die stereotyp wie suggestiv erhobenen Fragen, die auch gleich beantwortet werden: Beispielsweise beginnen so alle Korrespondentenberichte eines britischen Kollegen aus Moskau mit dem Satz: "Mit einem weiteren Schlag gegen die Demokratie in Russland…".

Doch welche Erfahrungen hat Russland mit Revolutionen wirklich? Neben den Meilensteinen der Geschichte, der Februar- und der Oktoberrevolution, haben wir auch andere Erfahrungen gemacht. Eine Revolution ist nur so viel wert, wie es die nachfolgende Flüchtlingsbewegung offenbart. Schon 1789, als die ersten Flüchtlinge der Französischen Revolution in Russland eintrafen, haben wir Russen die Wirkung einer Revolution aus alternativer Sicht erleben können.

Als 1917 die Zarenherrschaft abgeschafft wurde, emigrierten Millionen von Russen und mussten in der Fremde Erniedrigungen erleiden, die viel schlimmer waren als die "demütigende" Herrschaft des Zaren. Und diejenigen, die in Russland blieben und unter Lenin und Stalin leben mussten, beneideten ihre Verwandten, die geflohen waren.

Wenn also der frische Wind, der durch die arabischen Länder weht, wirklich so süß sein sollte, wie ihn die westliche Presse beschreibt, warum fliehen jetzt so viele Menschen aus Nordafrika? Diese Frage wird man doch stellen dürfen. Auch wenn immer wieder von "Freiheit" die Rede ist, so frage ich mich und meine westlichen Kollegen: "Woher weiß man eigentlich, welche Form die jetzt noch flüssige arabische Lava annehmen wird?". Möglicherweise wendet sich Tunesien oder Syrien dem Islam zu?

Der Westen hat sich über die russische Haltung zum libyschen Bürgerkrieg den Mund zerrissen. Zur Erinnerung: Im März 2011 hat sich Russland wie auch China und - besonders bemerkenswerter Weise - Deutschland im UN-Sicherheitsrat bei der Abstimmung über ein militärisches Engagement in Libyen enthalten. Eine seltsame Koalition, die sich der Weltöffentlichkeit präsentiert: Mit Deutschland ein demokratischer und USA-freundlicher Rechtsstaat, die kommunistische Einparteiendiktatur in China und Russland, einem Land mit immer noch zweifelhaften Freiheiten - zumindest aus westlicher Sicht.

Und die Äußerungen des russichen Präsidenten und seines Ministerpräsidenten werden zu einer innenpolitischen Machtprobe hochstilisiert. In Wirklichkeit spiegeln die beiden nur unterschiedliche Sichtweisen des Falls Libyen wider, was nur selbstgefällige Ignoranten leugnen können. Dmitri Medwedjew erklärt, warum Russland die Resolution des UN-Sicherheitsrats zur Hilfe für libysche Zivilisten nicht blockiert hat, während Wladimir Putin seine Zweifel darüber ausdrückt, wie leicht die westlichen Staaten selbst bei humanitären Interventionen nach Gewalt rufen.

Nach monatelangem Kräfteringen, hohen Verlusten - auch unter der Zivilbevölkerung, die man zu schützen vorgab - können die militärisch operierenden Nato-Mitglieder nicht mehr als glaubhafte Vermittler im Libyen-Konflikt fungieren. Auf 90 Tage war der internationale Militäreinsatz gegen das Regime des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi angesetzt. Weil die Frist Ende Juni abläuft, aber das (inoffizielle, nicht durch die UN-Resolution gedeckte) Ziel der Entmachtung Gaddafis noch nicht erreicht ist, wird der Militäreinsatz um weitere 90 Tage bis Ende September fortgesetzt.

Es stellt sich immer wieder die Frage, warum die westlichen Länder nur ein so rudimentäres wie oberflächliches Wissen über die inneren Vorgänge in den arabischen Staaten haben? Wie konnte es dazu kommen, dass der französische Präsident den tunesischen Nationalen Übergangsrat bereits im März 2011 anerkannte, während man von zwei Dritteln der Mitglieder dieses Gremiums noch nicht einmal wusste, wer sie eigentlich waren und welche Ziele sie verfolgten?

Gehört es nicht zu den obersten Pflichten von Regierungen und öffentlichen Medien, die realen politischen Kräfte und Bedrohungen zu erkennen und objektiv einzuschätzen, anstatt sie zu erfinden? Die europäische Presse und die Politikstrategen der EU haben beim Libyen-Examen erbärmlich versagt, weil sie sich jahrzehntelang auf eingebildete Bedrohungen konzentriert haben. Der Irak lässt grüßen!

Mit welch unterschiedlicher Elle Russland gemessen wird, zeigt auch das Thema Gaslieferungen nach Europa. Was wurde nicht alles über Russland geschimpft und geschrieben, als es für seine Lieferungen ordentliche Preise verlangte. Ein ganzer Blätterwald hat seine Auflage in die Höhe geschraubt, und  "wissenschaftliche" Institute haben sich als "Denkfabrik" kapriziert. Aber kein einziger Bericht, kein einziger Aktionsplan diskutierte das eventuelle Ausbleiben des Energieflusses aus Libyen.

Bei allem, was in Arabien passiert, sollte man auch die warnenden Worte des Philosophen Joseph Marie de Maistre beherzigen, der als französicher Emigrant Anfang des 19. Jahrhunderts nach Russland kam: "Revolutionen finden aufgrund von Ungerechtigkeiten der Regierungen statt. Doch keine staatliche Ungerechtigkeit ist so schlimm wie die Revolution selbst."

Dmitri Babitsch ist Politikanalyst für RIA Novosti.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland