EM-Fieber in Kiew

EM-Vorbereitungen in der Ukraine. Foto: Pauline Tillman

EM-Vorbereitungen in der Ukraine. Foto: Pauline Tillman

Während der Weltfußballverband FIFA immer noch mit Korruptionsvorwürfen zu kämpfen hat, laufen für die Fußball-WM in Russland die ersten Vorbereitungen. Allerdings wird das sportliche Großereignis – wenn alles gut geht – erst in sieben Jahren steigen. In Polen und der Ukraine ist man da weiter. 2012, also in einem Jahr, wird hier die Fußball-Europameisterschaft ausgetragen. Vor allem Souvenirhändler freuen sich auf den Touristenansturm – bei der Bevölkerung macht sich gemischte Stimmung breit.

Die Sonne brennt auf Saschas Haut. Gebückt sitzt er auf einer Treppe und kleistert eine Rille mit grauer Farbe zu. Es hat 28 Grad. An seiner Schläfe bilden sich Schweißtropfen, es sind nicht die ersten an diesem Tag. Der 27-jährige Sascha Kandiba ist Bauarbeiter im „Olympischen Stadion" von Kiew. Hier findet unter anderem das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft 2012 statt. Bislang kann hier noch gar nichts stattfinden, weil das ganze Stadion eine einzige große Baustelle ist. „Bis Oktober wird das Stadion fertig sein", erklärte Vizepremier und Infrastrukturminister Borys Kolesnikov noch vor kurzem auf einer Pressekonferenz.


„Bis das Stadion komplett fertig ist, fehlen uns nur noch 13 Prozent", erklärt Alexandra Grytsenok. Fertig sieht anders aus. Jeden Tag schuften rund 2.000 Bauarbeiter von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends, damit das Stadion im Oktober mit großem Paukenschlag eröffnet werden kann. Der Entwurf stammt vom Hamburger Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner (gmp). Es zeichnet sich in erster Linie durch eine lichtdurchlässige Kunststoffmembran aus. Anfang Juni kamen die ersten Lieferungen des Wundermaterials an – es soll nicht nur feuerresistent und semitransparent sein sondern insbesondere auch selbstreinigend. „Das Stadion ist einmalig in Europa", schwärmt Alexandra Grytsenok, „es ist wie flexibel wie eine Blume, die Trägermasten reagieren auf Wasser und Schnee". Reagieren heißt, sie biegen sich nach innen, oder nach außen, je nachdem.


Eigentlich sollte das Stadion die taiwanesische Firma Archasia Design Group bauen. Ihr wurde aber vor drei Jahren der Vertrag „wegen mangelnder Erfahrung im Baugewerbe" gekündigt. Der Entwurf von Gerkan, Marg und Partner sieht einen Umbau des alten Stadions vor. Doch der gestaltet sich komplizierter als gedacht. Selbst die Kiewer Bürger sind skeptisch, ob das Stadion dieses Jahr noch fertig wird. Stadionsprecherin Gyrtsenok sagt: „Ich weiß, dass viele kritisch sind, aber im Inneren sind sie froh über die EURO 2012, weil auch noch ihre Kinder etwas von diesem Stadion haben werden." Die Kinder werden vor allem mit den Schulden, die jetzt aufgenommen werden zu kämpfen haben. Ursprünglich wurden die Kosten auf 200 Millionen Euro veranschlagt, inzwischen haben sich die Kosten verdoppelt: Aktuelle Schätzungen liegen bei knapp 400 Millionen Euro.

Fotos: Pauline Tillman


2 von 4 EM-Stadien in der Ukraine sind bereits fertig


Neben Kiew ist auch die zweitgrößte Stadt des Landes, Charkiw, Austragungsort für die Fußball-EM. Gut 41.000 Plätze hat das Stadion und ist bereits seit 2009 mit seinen Renovierungen fertig. Auch im Stadion von Donezk, im Osten der Ukraine, kann bereits gekickt werden. Die „Donbas Arena" bietet Platz für rund 51.000 Besucher und ist Spielstätte des Fußballvereins „Schachtar Donezk", der vom reichsten Mann der Ukraine, Rinat Achmetow, unterhalten wird. Den Stadionbau hat Achmetow aus seiner Portokasse bezahlt. Sein Vermögen wird auf rund zehn Milliarden Euro geschätzt.


Das Sorgenkind unter den ukrainischen Stadien ist immer noch Lemberg (Lwiw), wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Der Fertigstellungsgrad beträgt derzeit gerade einmal 64 Prozent – dabei wird in diesen Tagen bereits mit der Dachkonstruktion begonnen. Um das Gelände herum dominieren hingegen Staub und Dreck. Von befahrbaren Straßen kann keine Rede sein. Und Straßen sind in der Ukraine auch das Hauptproblem. Es sollen insgesamt mehr als 3.000 Kilometer Autobahnen und Schnellstraßen gebaut werden. Den Staat kostet das mehrere Milliarden Euro, die gut investiert zu sein scheinen. Die Krux: Die Baufirmen bauen zwar Straßen, aber die sind nicht von Dauer. Schon nach einem Winter zeigen sich erste Frostschäden und Reparaturen müssen her. Wieder rücken die Baufirmen an und bessern die Löcher aus. Und: verdienen daran. Dieses Prinzip hat System – und hat sich bewährt. Das wissen die Ukrainer am besten, deshalb sagt der Kiewer Taxifahrer Slavek Vetschereb trocken: „Bis zur EURO 2012 werden sie fertig mit allem, davon bin ich überzeugt. Aber schon kurz nach der EM fällt alles wieder in sich zusammen – denn die Baufirmen sind nur damit beschäftigt, in ihre eigene Tasche zu wirtschaften."