Über den Dächern der Stadt

Eine der letzten Stalingebäude in Moskau. Foto: apartment.ru

Eine der letzten Stalingebäude in Moskau. Foto: apartment.ru

Ein Wochenende in Moskau zu verbringen ist gar nicht so einfach. In dem Sinne, dass es so unglaublich viele Möglichkeiten gibt, wie man seine Freizeit gestalten könnte, dass ich Schwierigkeiten habe mich zu entscheiden.

Es gibt sehr viele, die bemühen sich Freitag Abend mit vollgepackten Autos in Richtung Datscha zu fahren – also in den russischen Schrebergarten. Diese Liebe zur Natur am Wochenende habe ich nie wirklich verstehen können, vor allem, wenn man bedenkt, dass man, bevor man die frische Luft genießen kann, viele Stunden im Stau steht. Darüber, dass die Mehrheit der Moskauer Einwohner aber ganz anderer Meinung ist, als ich, ist eine große Freude. Denn so werden die Wochenenden im Sommer in der russischen Hauptstadt mit Abstand zur Besten Zeit im Jahr. Weniger Menschen auf den Straßen, ja manchmal sind sie sogar richtig leer und ruhig. Aber was macht man unter der Woche? Wie überlebt man in einer Stadt voller Menschenmassen? Auch, wenn man kein Kommunikationsproblem hat und nicht Menschenscheu ist, sondern eben einfach manchmal müde von dem Lärm und dem schnellen Lebensrhythmus? Ich habe schon vor Jahren die perfekte Lösung gefunden, die heute noch funktioniert. Der beste Ort der Stadt – ist eigentlich nicht einer, sondern es sind recht viele: Dächer.

Die Dächer der Hauptstadt


Die Dächer Moskaus sind etwas ganz Besonderes. Denn viele Häuser sind es auch: groß, aus hellem Stein, verschnörkelt und geheimnisvoll. Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, aber schon sehr lange pflegen es junge Leute auf die wunderbaren Dächer dieser wunderbaren Häuser zu klettern. Apropos klettern: es gibt da zwei Möglichkeiten. Einmal, von innen, durch das Haus durch. Am Speicher angelangt kann man entweder radikal sein und bricht das Schloß auf, oder aber den Weg versperrt einfach nur ein Gitter, was man meistens recht gut biegen kann. Die andere Möglichkeit auf ein Dach zu gelangen ist von außen, also mit Hilfe der Feuerleiter. Die ist definitiv gefährlicher, gibt aber auch den größeren Adrenalinkick.

Drei Dächer


Es  gibt drei Dächer, die mein Leben in Moskau geprägt haben. Das eine gehört zu einer halb zerfallenen Kirche ganz im Herzen der Altstadt, bei Sprayer-Anfängern bekannt. Denn es gilt als ein Muss dort zu malen. Rauf geht’s per Feuerleiter. Aber was für eine. Rostig und ziemlich wackelig. Kommt man Oben gut an, gilt es darauf aufzupassen, wo man hintritt und darauf zu hoffen, dass das Dach nicht einkracht.

Ein anderes Dach ist grün und gehört zum letzten Stalingebäude in Moskau. Es ist aus rotem Stein hat ein Türmchen. Mit etwas Geschick kommt man durch den Speicher rauf und steht man Oben raubt es einem den Atem vor Begeisterung. Der Blick über den Moskva-Fluss und das Stadtzentrum ist einzigartig und mit Worten nicht zu beschreiben. Ein Sommer lang – bevor die Speichertür für immer und ewig fest verriegelt wurde – war es  eine Art „mein“ Balkon. In einer Stadt, in der es schwierig ist sich vorzustellen das Frühstück oder das Abendessen draußen zu genießen, war es plötzlich möglich. Hoch, über den lauten Straßen, weit weg von den Menschen, den Himmel nah über dir, umringt von Stille – nur der Wind und die weit entfernten Geräusche der Metropole holen dich manchmal noch ein.

Das dritte Dach ist das meiner Freunde – auch sie wohnen in einem Stalinhaus im obersten Stockwerk, bzw. in zwei, denn es ist ein zweistöckiges Appartement: der ehemalige Speicher. Dort hat man, wann immer man will, Zugang auf das große und im Übrigen sehr sichere und komfortable Dach. Die besten Parties, Festessen, Konzerte und gar Literaturabende finden dort statt. Die Undergroundkulturszene Moskaus besucht es vor allem gerne an Wochenenden. Und es ist der absolute Geheimtipp. Nur für Freunde, oder Freunde von Freunden.

Warum sind Dächer ein Anziehungspunkt für Russen?


Mir wäre nicht unbedingt aufgefallen, dass ich und auch die Mehrheit meiner Freunde Dächer-fixiert sind, dass wir alle regelmäßig auf Dächer klettern, oder geklettert sind und von ihnen schwärmen. Doch dann hatte ich eines Tages sehr wichtigen Besuch aus Zürich. Ihm zeigte ich die Stadt und wahrscheinlich habe ich oft das Wort „Dach“ benutzt, denn irgendwann sagte er: „Du, und deine Dächer…!“ Doch als Er auf das Drittwichtigste Dach meines Lebens mitkam, war seine Begeisterung grenzenlos und brachte ihn dazu nachzudenken, warum wir hier so bestrebt sind, hoch über den Erdboden zu klettern. Vielleicht einfach nur als Witz sagte er nach einiger Zeit - „das ist, weil ihr keine Berge habt“. Und hatte damit eigentlich Recht. Eine der wenigen Möglichkeiten in Moskau das Gefühl von Freiheit zu spüren, ist das Dach. Ich denke bei Bergen, geht es um genau dasselbe Gefühl. Du strengst dich an um hoch zu klettern und wenn du oben bist – siehst du Welt ganz klein vor dir, du stehst drüber und der Wind weht dir ins Gesicht. Ist das nicht ein befreiendes Gefühl?

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland