Russische Fragmente

Schlacht von Stalingrad. Foto: RIA Novosti

Schlacht von Stalingrad. Foto: RIA Novosti

Am 22. Juni 1941 fiel die Wehrmacht in der Sowjetunion ein. Für die Russen begann der Große Vaterländische Krieg, für die Deutschen der Russland-Feldzug. Über 35 Millionen Menschen wurden auf beiden Seiten getötet. Einer von ihnen war Helmut, der bei Stalingrad fiel. 70 Jahre später setzt seine Nichte die Fragmente familiärer Erinnerungen an den schrecklichsten aller Kriege zusammen.

Was habe ich eigentlich erwartet? Eine Stellungnahme zum Teil der Schuld, die der Überfall auf die Sowjetunion 1941 allen Beteiligten auflud, egal, ob sie aus Überzeugung mitwirkten oder als Rädchen im System mitmachen mussten? Wo beginnt und wo endet die Verantwortung des Einzelnen in einem Eroberungskrieg, der von oben diktiert wurde und dem nur von wenigen Widerstand entgegengesetzt wurde?Widerstand kostete meist das Leben. Der Krieg allerdings auch. Will ich Bedauern hören oder Trauer über die Millionen Opfer, Abscheu über die Verbrechen? Das wäre wohltuend. Ein Stück Wahrheit herausfinden - ein fast unmögliches Unterfangen: mein Vater ist längst tot, einer der Onkel auch. Nur Fragmente sind übrig, ein paar Fotos, ein einziger Brief …

Drei Brüder waren nach Russland gezogen, einer kam nie mehr zurück. „Stalingrad“, das war in meiner Kindheit ein großes, dunkles Wort, das Angst einflößte, Kälte und Tod barg und Onkel Helmut war darin eingeschlossen und vermisst. Aber es gab auch andere Worte: das erste russische, um das ich den Vater bat, hieß chleb, Brot. Und nemeckij vratsh, deutscher Arzt. Das hätten einheimische Patienten zu ihm gesagt, es gefiel ihm. Nur kurze Zeit wurden die Deutschen in der Ukraine als Befreier der Sowjetmacht begrüßt. Diese Worte, Bruchstücke seiner Erzählungen und sein Schweigen danach - sie gruben sich tief in mein Unterbewusstsein ein.

Außer dem Unsagbaren spürte ich stets auch eine Art Faszination, die mit dem Begriff „Russland“ verknüpft war. Mein Vater wurde als junger Assistenzarzt eingezogen und kam 1941 ins Donezbecken. Als sein jüngster Bruder 18-jährig in den Stellungskrieg ebendahin geschickt wurde, im Frühjahr 1943, da rollte er als Stabsarzt mit einem Beinschuss im Lazarettzug zurück in die Heimat. Beide haben wie durch ein Wunder das große Schlachten an der Miusfront überlebt, der mittlere Bruder nicht. In den 50-er Jahren, wenn der jüngste Onkel zu Besuch kam, flammte der Krieg manchmal in ihren Gesprächen wieder auf. Sie sagten nicht Sowjetunion oder Ukraine, alles war: Russland. Sie debattierten hitzig, kreisten um Traumata und Sinnfragen, die sie nicht zu benennen wussten.

Konnte es sein, dass mein Vater nichts von den Verbrechen wusste, die ab 1942 begannen und in die auch die Wehrmacht involviert war? Gesprochen hat er nie darüber. Wusste er, welche Funktion der mittlere Bruder ausübte? Helmut, zuletzt Hauptmann, muss bei allen Eroberungen im Osten dabei gewesen sein: ab 1941 in der Ukraine, dann am Don und an der Wolga. Nach der Niederlage in Stalingrad kam er im Januar 43 in sowjetische Gefangenschaft und starb kurz darauf an Hunger. Niemand hat mehr nachgeforscht, seit er Ende 1947 aufgrund eines Augenzeugenberichtes für tot erklärt wurde. Persönliche Dokumente gibt es nicht. Beim Suchdienst des DRK gilt er bis heute offiziell als vermisst. Seine Gebeine liegen irgendwo in russischer Erde.

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Ich sitze bei einer hochbetagten Dame, ich habe sie erst vor kurzem ausfindig gemacht. Von uns Geschwistern wusste keiner etwas von ihr. Das große Schweigen, blinde Flecken und eine verzerrte private Erinnerungskultur bestimmten die ethische und politische Sozialisation von uns Nachkriegskindern. Über Täterschaft, Mitschuld an den Verbrechen der Nazis, aber auch über zivile Opfer zu sprechen, war in deutschen Familien tabu. „Opa war kein Nazi“ ist ein Standardspruch. Und das hat nicht nur mit verdrängter Schuld und dem Ungeheuerlichen, sondern auch mit tiefen Traumatisierungen zu tun, wie die neueste Forschung erkannt hat.

HochzeitAufbruch in Tod und Kälte

Vor mir liegen Fotos, die niemand von uns kennt. Ich sehe ich einen schneidigen jungen Offizier in Uniform, Absolvent der Kriegsschule; ein großer Schmiss zieht sich vom Mund bis zum Ohr, an seinem Arm eine junge Braut in Weiß, beide schauen ernst. Eine Hochzeit im Krieg, bei 27 Grad Frost. Auf einem anderen Bild lächeln sie weich. Onkel Helmut, der Sonnyboy und Draufgänger, von dem in der Familie die witzigsten Geschichten kursierten, hatte eine junge Frau und war verliebt! Ihre Ehe währte auf dem Papier ein paar Jahre, zusammen lebten sie davon ein paar Wochen. Brüder und Eltern haben ihn seit der Hochzeit nie wieder gesehen. Von den Gräueln des Krieges schrieb er seiner Frau kein Wort. Im letzten Heimaturlaub, nach zwei Jahren Fronteinsatz, konnte er nicht im Bett schlafen, er legte sich auf den Bettvorleger. Dann flog er zurück in den Kessel von Stalingrad. Irgendwann erhielt sie seine Offizierskiste. Was er ihr denn geschrieben hätte, möchte ich wissen. Mit blitzenden Augen und fast ein wenig trotzig antwortet sie: „Dass er mich liebt…“

Statt einer Auseinandersetzung mit dem Krieg in Russland, statt der Klärung von familiärer Täterschaft oder Schuld, werde ich Zeugin einer Liebesgeschichte und eines nie verwundeten Verlustes. „Wissen Sie, das werden Sie nie los“, sagt sie und meint die Hoffnung auf seine Rückkehr. Nach Russland wollte sie nie reisen, das brachte sie nicht fertig. Aber beim Abschied fragt mich die alte Dame leise, ob Russisch denn eine schöne Sprache sei. Ich sage: Ja.

Ruth Wyneken ist DAAD-Dozentin für Dramaturgie in Moskau und Expertin für russisches Theater.

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