Weiße Nächte in den Dünen

Das Haus ist immer voll. Junge Sankt Petersburger feiern in Anna Albers Bar Datscha - Russisch für Schrebergarten.

Das Haus ist immer voll. Junge Sankt Petersburger feiern in Anna Albers Bar Datscha - Russisch für Schrebergarten.

Vor 14 Jahren verliebte sich 
die Hamburgerin Anna Albers 
in die Stadt Sankt Petersburg. Seine Bewohner erwiderten 
die Liebe: Ihr Club Datscha hat inzwischen Kultstatus.

Es ist spät am Abend, als sich Anna endlich einmal lässig an den Tresen lehnt und nicht hinter ihm steht. Draußen macht sich nach einem langen Winter der Frühling bemerkbar. Ihre frisch eröffnete Strandbar Dünen haben 
gerade sechs gut gebaute Polizisten „besucht“. Bei dieser Kontrolle ohne Ansage wäre sogar manch russischer Clubbesitzer in Panik geraten - doch die Hamburgerin Anna Albers weiß genau, wie man sich in solchen Situationen verhält.

Was als eher routinierte Studienreise nach Sankt Petersburg begann, wurde für die heute 32-Jährige zur großen Liebe. Seit 1997 pendelte Anna zwischen Hamburg und der Kulturhauptstadt Russlands, seit 2003 hat sie hier ihren Hauptwohnsitz. Denn die Liebe beruht auf Gegenseitigkeit: Der Club Datscha, den Anna 2004 in einer Nebengasse des Newski-Prospekts gegründet hatte, wurde zu einer der angesagtesten Adressen der Stadt an der Newa.

Hinter einer unscheinbaren Tür versteckt, betritt man zwei kleine, düstere Räume: Bar, Dj-Pult, ein Kicker und Blümchentapeten - Basisausstattung, mehr nicht. Die Barhocker sind immer besetzt, auch die gemütlichen alten Sessel in den Ecken. Aber sitzen will man im Datscha sowieso nicht. Auch wenn man ständig jemandem auf die Füße tritt und die Ellbogen von ausgelassenen Menschen ins Gesicht bekommt – das Volk tanzt, als ob es das letzte Mal wäre. Und nichts auf der Welt scheint dieser unbeschwerten, 
lockeren Atmosphäre etwas anhaben zu können, in der Studenten, Touristen, Topmanager und Superstars aufeinandertreffen. Das in Russland sehr unzeitgemäße Motto von Annas Clubs: „Es kommt nicht darauf an, was du anhast und wie viel du verdienst, es kommt darauf an, was für ein Mensch du bist.“

Den Möchtegern-Glamour, der in Sankt Petersburg (und anderswo in Russland) das Nachtleben bestimmt, kann Anna nicht ausstehen. Trotz ihrer 14 Jahre in einem Land, dessen Frauen auch bei dickem Eis Highheels tragen, ist sie ihrem Stil treu geblieben: sportlich und sehr natürlich, ihre braunen Haare zu einem leicht chaotischen Pferdeschwanz zusammengebunden. In Jeans und einem kunstvoll um den Hals drapierten Schal trifft man Anna in einer ihrer Bars. Sie setzt ihre rote Eckbrille auf, zündet sich eine 
Zigarette an und schnappt sich ein Bier, bevor sie sich anschickt, ihre Gäste zu begrüßen.

In Russland geht es auf und ab

Vor dem endgültigen Umzug nach Russland kellnerte Anna in Hamburgs Bars, legte auf und hatte immer einen guten Riecher dafür, wo die beste Party zu finden war: nämlich in den typischen Kneipen von St. Pauli. Klein, fein, nicht besonders schick, dafür irgendwie ehrlich. Währenddessen feierte man in der russischen Kulturhauptstadt in Großraumdiscos ab oder traf sich ganz privat auf „Kwartirniki“ - Hauspartys mit eigener Musik und Wodka.

Die goldene Mitte fehlte. „Ich wollte nicht warten, bis jemand eine Bar wie zu Hause eröffnet, also habe ich das selbst gemacht“, sagt sie. Schon sieben Jahre boomt nun das Datscha in Sankt Petersburg, mit guter Musik und ohne Dresscode, in einem zum Abriss bereitstehenden Haus. „Ist das nicht unglaublich? Sieben Jahre!“ – Anna kann es selbst kaum fassen.

Und doch ist Sankt Petersburg nicht Hamburg. „Sie haben Russen noch nicht feiern sehen!“, schmunzelt Anna. Ihr Erfolgsrezept nennt sie „deutsches Konzept, gepaart mit russischer Spontanität“. Der Club Sotschi, den sie 2008 zusätzlich zur Datscha übernahm, war ein Flop. Doch Anna Albers ist keine, die den Kopf hängen lässt. Sie weiß: In Russland geht es auf und ab, schnell und meistens nicht nach Plan. Dazu ist alles ein bisschen verrückt und offener, als man denken könnte. „Dein Handlungsspielraum ist hier ein Seiltanz, ein Balanceakt. Und keiner fängt dich auf - du bist auf dich selbst gestellt.“

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100 Tonnen Sand für die Bar

 

Vor wenigen Wochen eröffnete Anna die Dünen - und ließ dafür 100 Tonnen Sand in den Club auf einem alten Fabrikgelände karren. „Nur offiziell registriert sind wir noch nicht. Das dauert unendlich lange, und meistens öffnet ein Club vor der offiziellen 
Lizenz.“ Der Polizeibesuch war also keine Überraschung. „Trotzdem unangenehm“, gesteht Anna. „Jetzt habe ich keinen Whiskey mehr - damit musste ich nämlich eben bezahlen …“

Auf die Frage, ob sie denn für immer hierbleiben werde, sagt sie stirnrunzelnd: „Ich denke darüber nicht nach. Ich wache morgens schließlich nicht mit der 
Frage auf: Oh, ich bin in Russland, was tue ich hier? Sondern mit dem Gedanken, dass ich gerne noch weiterschlafen möchte. 
Solange es läuft, bleibe ich.“ Für die Petersburger Szene ist das eine gute Nachricht.

Kurzvita: Anna Albers


Herkunft: Hamburg

Alter: 32

Profil: Partylöwin

Anna-Christin Albers wird 1975 in Rotenburg (Wümme) geboren, 
nach der Schule zieht sie zum 
Studium der Slawistik/Russistik 
nach Hamburg und jobbt dort in 
Bars als Kellnerin und DJane.

1997 fährt sie zum ersten Mal im Zuge einer Studienreise nach Sankt Petersburg,bis zum Abschluss ihres Studiums 2003 folgen regelmäßige Aufenthalte in Russland.

Endgültig siedelt sie im Dezember 2003 nach Sankt Petersburg über, am 28. Mai 2004 eröffnet sie ihren ersten Club Datscha, der sich zu einem der beliebtesten Clubs der nordrussischen Metropole entwickelt. 2008 übernimmt Anna Albers den Club Sotschi. Am 30. April 2011 eröffnet sie die Strandbar Dünen im neuen Szene-viertel am Ligowskij-Prospekt.


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