Der Fluch des Öls

Tiefpumpen sind ein wichtiger Teil russischer Wirtschaft. Foto: Lori/Legion Media

Tiefpumpen sind ein wichtiger Teil russischer Wirtschaft. Foto: Lori/Legion Media

Seit Jahren reden Börenanalysten vom Fluch der russischen Rohstoffe, die den Weltmarkt überfluten, dem Land ganz erkleckliche Einnahmen bringen, aber auf der anderen Seite grundlegende Reformen des Nicht-Rohstoff-Sektors verhindern. Jetzt kommt die Diskussion auch in der breiten Bevölkerung an.

Natürlich verfügt Russland über umfangreiche Rohstoffreserven: Es besitzt die größten Erdgasreserven und die zweitgrößten Kohlereserven weltweit. Das Land ist für den globalen Energiemarkt von großer Bedeutung, vor allem für seine europäischen Nachbarn, die es mit Öl, Gas und Kohle beliefert. Russland ist nach Saudi-Arabien zweitgrößter Ölproduzent der Welt.

Jüngste Umfragen offenbaren, dass knapp die Hälfte aller Russen sieht, dass hohe Ölpreise auf dem Weltmarkt zwar gewinnbringend sind, aber sich negativ auf die langfristige Entwicklung der Wirtschaft auswirken. Der Gund dafür ist nachvollziehbar: Der Geldsegen von Petrodollars durch die ungewöhnlich hohen Ölpreise lähmt in Russland sowohl Politik als auch Wirtschaft, Maßnahmen zur Diversifizierung und Modernisierung zu ergreifen. Stattdessen baut man den Export von Bodenschätzen noch aus.

Andere Länder, die in der gleichen Lage und reich an Rohstoffen sind, verfangen sich nicht unbedingt in der Rohstofffalle, sondern sind in der Lage, auch andere Wirtschaftsbereiche zu entwickeln. Die rohstoffreichen USA beispielsweise sind ein hochtechnisiertes Land, obwohl sie zu den weltweit größten Rohstoffproduzenten zählen. Sie liegen in der Steinkohleförderung mit deutlichem Abstand zu China auf dem zweiten Platz. Diesen Platz nehmen die USA auch bei der Braunkohleförderung ein: Sie liegen vor Russland hinter Spitzenreiter Deutschland. Beim Erdöl lautet die Reihenfolge Saudi-Arabien, Russland/Frühere Sowjetunion, USA; und beim Erdgas liefern sich Russland und die USA ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Dass die USA allein vom Rohstoffexport lebten, kann man wirklich nicht behaupten, zumal die meiste Energie der Binnennachfrage dient, die noch nicht einmal befriedigt werden kann.

Auch Norwegen, Kanada und Australien dienen als gute Beispiele, um zu beweisen, dass stabile Demokratien und gut funktionierende öffentliche Institutionen die einseitige Entwicklung der Rohstoffproduktion und des -exports verhindern.

Schon vor zehn Jahren gab es unter den Wirtschaftsanalysten und -kommentatoren den Wirtschaftbegriff "Fluch der Rohstoffe". Aus dieser Erkenntnis leitete sich die Theorie ab, die Einnahmen aus den Erdöl- und Gasgeschäften zu vergrößern sowie die Steuern für damit befassten Unternehmen zu erhöhen, um Investitionen in der verarbeitenden Industrie und in anderen Wirtschaftssektoren anzukurbeln.

Obwohl vieles im Argen liegt, hat Russland auch einige Fortschritte bei der Diversifizierung seiner Wirtschaft gemacht. Neben der verarbeitenden Industrie hat das Land mittlerweile einen beachtlichen Dienstleistungssektor hervorgebracht.

Viele Ökonomen sind überzeugt, dass der wachsende Dienstleistungssektor ein wichtiger Indikator für eine sich entwickelte Volkswirtschaft ist. Ein weiterer Indikator für Russlands Abkoppelung von der Roh- und Grundstoffindustrie ist die Entwicklung der Beschäftigungszahlen in den Sektoren. Heute sind 10,5 Millionen Russen in der verarbeitenden Industrie beschäftigt, zehnmal mehr als in der Rohstoffindustrie. Fast 12 Millionen arbeiten im Handel, sechs Millionen im Bildungssektor, fünf Millionen in Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, 12 Millionen im Hotel- und Gaststättengewerbe und weitere 1,1 Millionen im Banken- und Finanzdienstleistungssektor. Natürlich ist die Wertschöpfung pro Beschäftigen in der Rohstoffwirtschaft viel größer als im Dienstleistungssektor, was das wirtschaftliche Gewicht wieder relativiert. Denn Fertigungs- und Dienstleistungssektor erwirtschaften im Vergleich zu Erdöl und Erdgas relativ wenig Reichtum für das Land.

Aber bei Lic dass das Lanhte betrachtet ist Russlands Öl- und Gasreichtum bei weitem nicht der Hauptgrund dafür,d hinter anderen führenden Wirtschaftsmächten zurückliegt. Das Land sollte sich weniger auf die Theorie der Rohstofffalle kaprizieren,  sondern darauf, seine politischen und ökonomischen Institutionen zu entwickeln und zu modernisieren.

Dieser Artikel erschien zuerst in The Moscow Times.

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