Auch hinter Gittern eine gute Figur

Für Regisseure und Schriftsteller ist der frühere Oligarch und Langzeithäftling Michail Chodorkowski nicht nur Thema und Inspiration. Er tritt nur auch als Konkurrenz auf den Plan.

Für die ersten Momente des Films "Chodorkowski" bleibt die Leinwand schwarz. Dann öffnet sich ein schmaler blauer Spalt am oberen Rand der tiefschwarzen Dunkelheit, so als spähte der Zuschauer aus einer dunklen Kammer hinaus in den klaren Himmel. Der Ausschnitt vergrößert sich und gibt den Blick auf zwei Ölpumpen frei, die mitten in der sibirischen Schneewüste ihr Auf und Nieder nicken. Sie sehen aus wie die Zeiger einer riesigen Uhr, die unerbittlich die Minuten zählt.

Der Film wurde zunächst als Geheimtipp gehandelt und war bei der diesjährigen Berlinale im Februar mit Spannung erwartet worden. Aber erst dadurch, dass die Originalfassung unmittelbar vor ihrer Aufführung aus dem Büro des Regisseurs gestohlen wurde, wurde die Spannung erst richtig angeheizt.

Es sind siebeneinhalb Jahre her, dass der reichste Mann Russlands, Ölmagnat Michail Chodorkowski, am Flughafen von Nowosibirsk wegen Betrugs festgenommen wurde, nachdem er es gewagt hatte, den damaligen Präsidenten Wladimir Putin öffentlich anzugreifen. Die lange Haft hat Chodorkowski von einem russischen Geschäftsmann, einem unter vielen, zu einer literarischen Figur und zu einer Ikone stilisiert. Während die meisten russischen Oligarchen die Gesetze ungestraft ignorierten oder großzügig für sich selbst auslegten, um in den 1990er Jahren ihre Reichtümer anzuhäufen, wurde nur Chodorkowski wegen Betrugs angeklagt.

Das Schicksal hat den einstigen Oligarchen nun auch zum Philosophen und Schriftsteller gemacht; russische Künstler greifen ihn nicht nur als "Thema" auf, sondern sehen ihn als einen der Ihren an. Seine Texte, die in Hochglanzmagazinen, einigen oppositionellen Zeitungen und im Internet nachzulesen sind, befassen sich mit der Bedeutung von Gerechtigkeit, dem moralischen Zerfall durch Korruption und der Demonstration von Stehvermögen in scheinbar hoffnungslosen Momenten.

 "Chodorkowski" - Der Film

Unter den kreativen Köpfen und Intellektuellen auf der ganzen Welt, die von Phänomen Chodorkowski fasziniert sind, ist auch Cyril Tuschi, der deutsche Regisseur des Films "Chodorkowski". Während seiner Recherchen zum Dokumentarfilm über den berühmten Häftling verbrachte er fünf Jahre auf Reisen, sprach mit vielen russischen Zeitzeugen und machte sich schließlich Gedanken über diesen Mann, der in seinem Glaskäfig bei den Gerichtsverhandlungen in Moskau so seltsam gelassen wirkte. Der Regisseur sagte, er sei »überwältigt von der Aura eines Märtyrers", die Chodorkowski umgebe. Tuschi reiste nach Moskau, London und Israel, um ehemalige Kollegen und Freunde zu interviewen. In New York traf er den Sohn Pawel, und in Tschita, der einsam gelegenen sibirischen Stadt, in der Chodorkowski seine Haft verbüßt, befragte er andere Inhaftierte.

Kurz nach der erneuten Verurteilung Chodorkowskis und seines Geschäftspartners Platon Lebedew durch ein russisches Gericht zu weiteren sechs Jahren Haft kam der deutsche Dokumentarfilm ins Kino. Insofern trug der Prozess zur Verbreitung von Literatur und Kunst zum Thema Chodorkowski bei. In Russland, wo die Vergangenheit seit Generationen mit der Geschichte von politischer Unterdrückung, Exil und Verhaftung verwoben ist, fühlen sich viele Schriftsteller herausgefordert, um sich in die Politik einzumischen oder - auch das Gegenteil gilt - sich herauszuhalten.

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Samisdat (auf deutsch: Selbstverlag) wurde in den späten 60er und frühen 70er Jahren von regimekritischen Schriftstellern und Dichtern als nicht-öffentliche Verbreitungsmöglichkeit für ihre literarischen Werke entdeckt. Das war notwendig als Reaktion auf die Rückkehr der repressiven Politik der Stalin-Ära nach dem Tod des sowjetischen Regierungschefs Nikita Chruschtschow.

Für die gefeierte russische Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja steht Chodorkowskis Schicksal für eine Renaissance dieser Tradition. In der Tat erhielten im letzten September Ulizkaja und Chodorkowski gemeinsam eine literarische Auszeichnung für ihren Briefwechsel, der während Chodorkowskis Aufenthalt in Tschita entstand. Ulizkajas Großväter verbrachten zusammengerechnet mehr als 20 Jahre im Gefängnis; Freunde aus den sechziger Jahren waren ebenfalls inhaftiert. Sie wandte sich an Chodorkowski als jemanden, der symbolisch für die Agonie der russischen Gesellschaft und ihrer Literatur steht. Die Briefe wurden als Werk von literarischem Wert gefreiert und in der russischen Monatszeitschrift Snamja veröffentlicht.

Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen Ulizkaja und Chodorkowski erschienen auch in der unabhängigen Zeitung Nowaja Gaseta und eine deutsche Übersetzung in der Zeitschrift Osteuropa.  Sie soll demnächst als Buch erscheinen: Michail Chodorkowski, Briefe aus dem Gefängnis.

Ein anderer russischer Schriftsteller, nämlich Boris Akunin, der mit den meisten Veröffentlichungen, verglich Chodorkowskis Verhaftung einmal mit Andrej Sacharows Haft und Exil 1979 in Gorki, heute Nischni Nowgorod. Damals hätte niemand an positive Veränderungen in der Sowjetunion geglaubt, in der ein Akademiemitglied im Exil gehalten wurde, erinnert sich der Schriftsteller. Doch die moralische Resonanz dieser Geschichte ‒ der Erfinder der russischen Wasserstoffbombe wurde zum Gegner der Supermacht, zu deren Entstehung er beigetragen hatte ‒ war letzten Endes nicht zu ignorieren. Es bedurfte nur eines Telefonanrufs von Generalsekretär Michail Gorbatschow nach Gorki, um die Menschen vom frischen Wind von "Glasnost und Perestroika" zu überzeugen.»Solange Chodorkowski nicht aus dem Gefängnis kommt, werden all die schönen Worte über Zivilgesellschaft, unabhängige Gerichte und Kampf gegen Korruption nur hohl klingen«, so Akunin.

Schon bald nach den 22 Monaten der Anhörung, dem erneuten Schuldspruch des Gerichts und zahlreichen Festnahmen von Unterstützern Chodorkowskis gab der berühmteste russische Häftling sein eigenes literarisches Debüt mit einer Sammlung von Artikeln, Interviews und Gesprächen.

In den 1990er Jahren war Chodorkowski für Viktor Schenderowitsch, einen beliebten Satiriker und Schriftsteller, nur einer unter vielen stinkreichen Russen. »Aber kaum war er im Gefängnis, übernahm sein Schicksal das Steuer. Heute ist Chodorkowski unser Barometer für den Wandel: An dem Tag, an dem er wieder frei sein wird, wird die Welt wissen, dass in Russland neue und bessere Zeiten angebrochen sind«, so Schenderowitsch.

Tschechows Tradition: entweder die Heimat verlassen oder sterben.

In Russland kann der Preis für die Untersuchung von Ungerechtigkeit und Korruption unter Umständen sehr hoch sein, klagen die russischen  Schriftsteller: Die Journalistin Anna Politkowskaja, die Menschenrechtsaktivistin Natalja Estemirowa und die Anwälte Stanislaw Markelow und Sergej Magnizki wurden zu Symbolfiguren, weil sie stellvertretend für Menschen, die ihr Leben dem Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit gewidmet haben, es im Kampf verloren.

Vielleicht aus Respekt für Anton Tschechows traditionelle Vorstellung, dass die Hauptfigur in jedem russischen Stück entweder die Heimat verlassen oder sterben muss, hat weder Schenderowitsch noch irgendein anderer russischer Schriftsteller oder Filmemacher Chodorkowski zum Helden eines Werks gemacht. Er stirbt nicht, und er will auch nicht das Land verlassen.

Nichtsdestoweniger ist es eben dessen Schicksal, das immer mehr Aktivisten aus den Reihen von Russlands prominenter kultureller Elite immer enger verbindet. Juri Rost, Schriftsteller und international anerkannter Künstler, erzählte, er habe Chodorkowskis Gerichtstermin besucht, um sich den Mann in dem Glaskäfig anzuschauen und dessen "echten Mut" zu bewundern.

Auch Tuschi sagt, er sei von Chodorkowskis Widerstand äußerst beeindruckt gewesen, von dem Mut eines Mannes, der sich auch für ein politisches Asyl in den Vereinigten Staaten hätte entscheiden können, stattdessen jedoch in seinem Privatjet nach Russland zurückkehrte und damit riskierte, im Gulag zu landen. Der deutsche Film geht der Frage nach, ob Geld und Gefängnis eine Persönlichkeit verändern können. Und obwohl Chodorkowski standhaft bleibt, stößt der Streifen im Mainstream auf kein allzu großes Interesse und wird wohl keine weite Verbreitung finden. Noch weniger wahrscheinlich ist, dass er Chodorkowskis Schicksal beeinflussen könnte. Als die Dreharbeiten noch in vollem Gang waren, besuchte Tuschi den estnischen Komponisten Arvo Pärt, um ihn zu überzeugen, Auszüge seiner Symphonie "Los Angeles" als Soundtrack zu verwenden. Tuschi sagte, er "fühle sich verbunden" mit einem Künstler, der ein Werk, in diesem Fall eine Symphonie, dem russischen Gefangenen widmen wolle.

Ein ähnliches Gefühl der Brüder im Geiste inspirierte 45 der besten russischen Schriftsteller, Theaterleute, Dichter und Journalisten dazu, gemeinsam einen Brief an Amnesty International (AI) zu verfassen und die Organisation zu bitten, Michail Chodorkowski und seinen Geschäftspartner Platon Lebedew als politische Häftlinge anzuerkennen. Auch wenn solche berühmten Namen wie Boris Akunin, Ljudmila Ulizkaja, Viktor Schenderowitsch und Juri Rost unter den Unterzeichnern waren, hat AI den Antrag abgelehnt. Dennoch bleibt Chodorkowski Standbild und Muse sowie Ausdruck einer künstlerischen Bewegung im heutigen Russland.

Anna Nemzowa ist Moskauer Korrespondentin für Newsweek.

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