Einmal im Leben hin und weg

Goldener Ring von Moskau: Über dem Goritski-Kloster in Jaroslawl muss die Freiheit grenzenlos sein. Foto: ITAR-TASS

Goldener Ring von Moskau: Über dem Goritski-Kloster in Jaroslawl muss die Freiheit grenzenlos sein. Foto: ITAR-TASS

Ausländische Touristen kommen in Russland meist nicht weiter als bis Moskau oder Sankt Petersburg. Reiseziele wie der Baikal bleiben Geheimtipp.

„Noch bis vor Kurzem stellte man sich den typischen Touristen als einen kernigen, nach Lagerfeuer stinkenden Typen mit Wanderschuhen und Rucksack vor“, stellt Sergej Wojtowitsch lakonisch fest. Er ist Generaldirektor des Tourismuskonzerns Swoj TT, der gerade von TUI Russia & CIS übernommen wurde.„Doch auch den Politikern dürfte inzwischen klar geworden sein, dass man durch Tourismus ähnlich viel Geld ins Land bringen kann wie mit dem Export von Wirtschaftsgütern“, erklärt er. Das Geschäft mit den Fremden beschert Renditen von bis zu zwölf Prozent. Davon profitieren Staat und Dienstleister aller Couleur.

Ein weißer Fleck auf der touristischen Weltkarte

 Dennoch bleibt Russland ein weißer Fleck auf der touristischen Weltkarte. Im März bewertete eine Reisestudie des Weltwirtschafts-
forums die Konkurrenzfähigkeit touristischer Märkte. Im Bereich Investitionen landete die Russische Föderation weltweit auf Platz 91, im Bereich Kultur und Natur dagegen zeigte sie ein enormes 
Potenzial: Sie kam unter die ersten zehn.

90

Prozent der ausländischen Touristen fahren nach Moskau oder Sankt Petersburg.

Auch Nikolaj Kakora, zweiter 
Geschäftsführer der Intourist, der ehemaligen staatlichen Monopol-Reiseagentur, meint nur ein geringes Interesse ausländischer Touristen an russischen Reisezielen erkennen zu können. „Klassische Reiseländer wie Italien und Spanien sucht man mehrmals in seinem Leben auf. Nach Russland kommt man höchstens ein einziges Mal zum Kennenlernen.“ Traditionelle Ziele seien Moskau und Sankt Petersburg, eingefleischte Russlandfans bereisten gerade noch die Städte des „Goldenen Rings“ rund um Moskau. Alles andere in dem riesigen Land werde vom breiten Touristenstrom schlicht ignoriert. „Der Markt ist international hart umkämpft. Wenn wir das Angebot Ökotourismus am Baikalsee gegen das Markenimage Nepals, Costa Ricas oder Kenias setzen, hat die Region rund um den See schlechte Karten. Sie ist einfach zu unbekannt“, erklärt Wojtowitsch.

Callcenter für Touristen


Trotz des schlechten internationalen Abschneidens Russlands bei der touristischen Aufbereitung von interessanten Reisezielen möchten Experten noch lange nicht von einem „weißen Fleck“ sprechen: Moskau und Sankt 
Petersburg verfügen über eine hervorragende Infrastruktur, so Wojtowitsch. „Wir haben scheinbar schon wieder vergessen, wie es war, als man vor leeren Hotels „Belegt“- Schildchen vorfand und der Rezeptionist einen dazu freundlich anlächelte. Heute haben wir viele Hotels auf unterschiedlichsten Niveaus. Weil in Moskau der Sommer als Nebensaison gilt, unterbieten sie sich in den Preisen.“ Zwar sei noch nicht alles in gewohnter Qualität, räumt Wojtowitsch ein, „aber wir holen schnell auf.“ In den Metropolen gibt es deutlich mehr gute 3- bis 4-Sterne-Hotels der gehobenen Preisklasse als in den Regionen, große internationale Hotelketten legen ein hohes Qualitätsbewusstsein an den Tag.

2,1

Millionen Touristen besuchten das Land 2010. Mit etwa 350 000 waren die Deutschen die größte Gruppe.

Laut russischer Statistikbehörde sind die zwei häufigsten Kritikpunkte ausländischer Touristen schlechte Verkehrsverbindungen und überhöhte Hotelpreise. Auch wird der in ausländischen Großstädten übliche Service vermisst, etwa Hinweisschilder auf Englisch, Servicecenter, zentrale Haltestellen für Sightseeing-Busse, 
öffentliche Toiletten. „Wir arbeiten intensiv daran“, erklärt Sergej Schpilko. Der Vorsitzende des Tourismusausschusses der Stadt Moskau will bis Ende Juli ein Callcenter für Touristen eingerichtet haben, neue Hinweisschilder werden schon bald die Straßen und Plätze zieren.

Die Fußball-WM gibt Impulse

An touristisch stark frequentierten Orten wurden bereits über 30 Infoschilder in kyrillischer Schrift und Englisch aufgestellt. Auch ist man dabei, das Parkproblem für Ausflugsbusse anzugehen. „Wir werden die Fußball-WM 2018 nutzen, um Moskau im touristischen Sinne neben Städte wie Paris, London und New York zu stellen“, erklärt Schpilko.

Dazu wurden in letzter Zeit sogar Gesetze geändert. Noch immer ist die lästige Visapflicht einer der Gründe für Touristen, Russland zu meiden. In Sankt Petersburg trat nun unlängst ein Gesetz in Kraft, das Touristen auf Kreuzfahrten einen 72-stündigen visafreien Aufenthalt ermöglicht. Die legislative Neuregelung hatte sofortige Auswirkung auf das Reiseverhalten. Der Kreuzfahrttourismus nach Russland schnellte um ein Vielfaches nach oben, auch der Fährbetrieb nach Stockholm und Helsinki reagierte mit 
Neuerungen.  

Reiseveranstalter haben Russland in ihre traditionelle Routenplanung mitaufgenommen. Reisen ausschließlich nach Russland stehen noch nicht auf dem Programm. Stattdessen liest man: „Russland plus Baltikum“ oder „Russland plus Skandinavien“.


 Was kann man außerhalb des Goldenes Ringes in Russland machen? Mehr als sie denken! Russland HEUTE hat speziell eine Slideshow mit den besten Reisetips vorbereitet:

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