Pack die Batikhose ein

Tanzen bis in die Morgenstunden, Jam-Sessions unter freiem Himmel oder einfach nur die Sonne anbeten - das ist das Lebensgefühl auf dem Festival Pustyje Holmy. Foto: Alla Kravchenko/Foto40.ru

Tanzen bis in die Morgenstunden, Jam-Sessions unter freiem Himmel oder einfach nur die Sonne anbeten - das ist das Lebensgefühl auf dem Festival Pustyje Holmy. Foto: Alla Kravchenko/Foto40.ru

Aus 300 wurden 40 000: Dieses Jahr hat sich der lange Weg in die „kahlen Berge“ gelohnt. Bei strahlendem Sonnenschein trafen sich Konsummüde auf dem Open Air südlich von Moskau.

Die Sonne ist gerade über dem Birkenwäldchen aufgegangen, der Morgennebel hängt noch über den Wiesen, da kriechen die Ersten aus ihren Zelten. Neben einem Indianer-Tipi sitzt ein kahlrasierter Mann, Oberkörper nackt, Beine überkreuzt, Arme ineinander verflochten. Er sitzt kerzengerade, als wolle er in den Himmel wachsen, und dorthin zeigt auch das Plakat neben ihm: „Finde dich selbst“.

Ein paar Meter weiter: bunter Holzstand, dahinter ein gleichfalls bunt gekleidetes Mädchen mit langen Dreadlocks. Es 
verkauft Pu-Erh-Tee und vegane Kokoskugeln. Im Gras schnarcht ein friedlich lächelnder Hippie mit ausrasiertem Peace-Symbol. Willkommen auf den Pustyje Holmy - den „kahlen Bergen“ - , einem Fest der Liebe, Toleranz und Naturnähe.

Urlaub vom Kapitalismus


Jedes Jahr um den 12. Juni, wenn das restliche Land den „Tag Russlands“ begeht, machen sich aus Moskau und Sankt Petersburg, aus der Ukraine und Weißrussland buntgemischte Karawanen mit Schlafsäcken, Zelten, Gitarren und Trommeln auf den Weg. Ihr Ziel: die Region Kaluga, 200 Kilometer südwestlich von Moskau. Im neunten Jahr des Festivals, bei strahlendem Sonnenschein, waren es an die 40 000 Menschen – Festival-Rekord.

Die Pustyje Holmy haben so gut wie nichts mit dem alltäglichen Leben zu tun: Man geht nackt spazieren und baden, Polizisten gibt es nicht, keine Häuserschluchten und Großstadtsmog. Aber das Wichtigste im neokapitalistischen Russland ist: Das Festival ist unkommerziell. Kein Eintritt, keine Sponsoren, keine Werbung. Die Bands aus ganz Russland, Weißrussland und der Ukraine spielen gratis.

Wochen vor Festivalbeginn laufen die Vorbereitungen an. Helfer bauen Bühnen und Essensstände. Das Festivalgelände breitet sich zwar idyllisch an den Ufern eines kleinen Flusses aus, liegt aber fern jeder Stromversorgung. Generatoren müssen aufgestellt und Elektrokabel verlegt werden, Soundtechnik wird angekarrt- auf einigen der Bühnen ist die Akustik ausgezeichnet.

500 ehrenamtliche Helfer machen das alles möglich. „Das ganze Fest ist so anziehend, weil die ihre Sache mit Enthusiasmus und Liebe anpacken. Diese Stimmung teilt sich auch den Besuchern mit. Sie spüren die Ehrlichkeit“, sagt Andrej Schwirblis, einer der Organisatoren, die mit dem Festival groß geworden sind.

Keltenrock und Russenjazz


Rocken in der Natur - Open-Air-Kultur in Russland

Die Geschichte der Open Airs in Russland geht bis in die sowjetischen 60er-Jahre zurück: 1968 wurde das Gruschinskij Festival begründet. Bald kamen über 100 000 Besucher, um in der Natur bei Samara die wichtigsten Liedermacher des Landes zu hören. In den letzten Jahren riefen Anhänger von Jazz, Rock, Techno und Volksmusik Dutzende Open Airs ins Leben. Das größte unter ihnen, das Rockfestival Naschestwije, versammelt seit zehn Jahren die besten russischen Rockbands und beschert über 100 000 Musikliebhabern drei unvergessliche Tage. Elektro-Fans bevorzugen das Republik Kazantip. Was 1992 mit einem Windsurf-Wettbewerb auf der Halbinsel Krim begann, ist zu einem riesigen, kommerziellen Open Air geworden. Pustyje Holmy dagegen ist das größte nichtkommerzielle Hippie-Open-Air der Russischen Föderation.

Drei Millionen Rubel (75 000 Euro) müssen sie von Jahr zu Jahr auslegen. Das Geld versuchen sie durch Spenden und Standmieten sowie Benefizkonzerte in Moskau wieder hereinzubekommen. Das Festival sei Ergebnis der 
politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen des letzten Jahrzehnts, meint Schwirblis: „Einerseits ist der Wohlstand gewachsen. Andererseits kommen viele, die des Konsums müde sind und nach Alternativen und neuen Lebensperspektiven suchen.“

Schwirblis selbst ist im wirklichen Leben Pressesprecher der Russischen Gesellschaftskammer. Morgens geht er mit Anzug und Krawatte ins Büro. Kommt aber die Zeit der kahlen Berge, macht er sich mit Hammer und Nägeln auf den Weg in die Natur.

Auf insgesamt sieben Bühnen wird hier bis in die Morgenstunden Musik gemacht: von keltischen Klängen über russischen Ethno, Elektro, Jazz und Rock. Was die Musiker verbindet - man wird sie wohl kaum auf MTV sehen. Es gibt Workshops zu allen möglichen Themen: Trommeln, Feuerakrobatik, Bemalen von Lebkuchen, traditionelle russische Keramik oder Sandanimation. Auch einen Abenteuerspielplatz haben die Helfer ins Leben gerufen, weil viele Besucher inzwischen ihre Kinder mitbringen.

Keine Drogen, kein Fleisch


Öko-Aktivisten haben in diesem Jahr ihr eigenes vegetarisches Café eingerichtet, am Torbogen zu ihrem Zeltlager ist zu lesen: „Kein Alkohol, keine Drogen, kein Fleisch“, außerdem der Aufruf, nicht zu vergessen, Müll zu trennen. Er wird auf dem gesamten Gelände befolgt - ein Novum in Russland. Alkohol und Marihuana werden dafür in rauhen Mengen konsumiert.

Die „alten Hasen“ des Festivals – die meisten noch unter 30 – 
beklagen, dass inzwischen viele Feierabendhippies kommen: „Zu Hause arbeiten sie als Büroleiter, hier ziehen sie ihre Schuhe aus und wandeln in weiten Batikklamotten und mit Räucherstäbchen über Blumenwiesen“, sagt Schwirblis, der es im Prinzip genauso macht. Das ändere aber nichts an der Grundidee des Festivals, „die Menschen daran zu 
erinnern, was es im Kern heißt, kreativ zu handeln und frei zu denken.“

Gegen Morgengrauen tanzen und singen auf der Ethnowiese noch immer Menschen in langen Gewändern um ein Lagerfeuer. Ein junger Mann mit geflochtenen Zöpfchen und einem grünen Rock schaut begeistert zu. In einer Woche muss der Jurist wieder zurück in sein Büro in Moskau.


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