Dissident bekommt Museum

Gedenktafel für Sergej Dowlatow in Sankt Petersburg. Foto: Wikimedia/Золотов

Gedenktafel für Sergej Dowlatow in Sankt Petersburg. Foto: Wikimedia/Золотов

Vermögende Verehrer widmen dem verstorbenen Schriftsteller und Dissidenten Sergej Dowlatow ein Museum. Hierfür wollen sie das Dowlatow-Haus in Berjesino sanieren lassen, während die Erinnerung an den Dichter in der postsowjetischen Realität zu verblassen droht.

Als „Dowlatow-Geschichte“ bezeichnet man auf Russisch paradoxe Zufälle, die Stereotype zu Bruch gehen lassen. Die Bezeichnung geht auf den am 24. August 1990 im New Yorker Exil verstorbenen Schriftsteller und Dissidenten Sergej Dowlatow zurück, dem zu Lebzeiten allerdings der Ruhm verwehrt blieb - erst in den 1990er Jahren wurden die Werke des Dichters in Russland zugänglich gemacht und fanden eine breite Leserschaft.

Größere Festlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag am 3. September 2011 sind in Russland dennoch nicht zu erwarten. Die Schicht der späten Intelligenzija, die für Dowlatow maßgeblich war, hat sich aufgelöst in der neuen postsowjetischen Realität. Doch 21 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers gibt es in Russland gut betuchte Verehrer seines Talents, oder vielleicht müsste man eher sagen: In diesen 21 Jahren haben es Verehrer des Dowlatow’schen Talents als erfolgreiche Unternehmer zu Reichtum gebracht. Jedenfalls soll nun auf Initiative einer Investorengruppe im ehemaligen Holzhaus des Schriftstellers in Berjosino ein Museum eröffnet werden.

Auf den Spuren Puschkins

Im Sommer 1977 war Dowlatow Fremdenführer in Michailowskoje und hatte in dem Dörfchen Berjesino Quartier bezogen. Michailowskoje war das Landgut des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin und schon damals ein Museumskomplex. Dowlatow, ohne festes Einkommen und frustriert über die Unmöglichkeit, seine Texte zu veröffentlichen, hatte sich dorthin zurückgezogen und begleitete Besucher bei Exkursionen.

Seitdem hat sich in Michailowskoje vieles verändert. Die „Schwadronen von Touristen“, über die Dowlatow klagte, sucht man seit Langem vergeblich. Sie verschwanden mit dem Zerfall der Sowjetunion, berichtet Swetlana Kowschirko, Direktorin des Literaturhotels „Arina R.“ Fast alle Häuser des Dorfes Berjesino sind von Zugezogenen gekauft und saniert worden. Die einzige Ausnahme bildet das Holzhaus, in dem sich Sergej Dowlatow eingemietet hatte und von dem er schrieb, dass „durch Spalten im Fußboden herrenlose Hunde hereinkommen“.

Vom Dorf in die Welt

In dem Blockhaus in Berjesino schrieb Sergej Dowlatow nicht nur, hier reift in ihm auch der Entschluss zu emigrieren. Ein Jahr später, 1978, wird er seiner Frau in die USA folgen, wo ihm die schriftstellerische Arbeit endlich die Existenz sichert. Hier findet er die so lange vermisste Anerkennung bei Lesern und Kritikern. In den 1980er Jahren erscheinen in den USA mehrere Bücher mit Sergej Dowlatows – traurigen, ironischen und sehr menschlichen – Texten, renommierte Zeitschriften wie The New Yorker drucken seine Erzählungen. Literatur-Nobelpreisträger Joseph Brodsky, der „die unaufdringliche Musik des gesunden Menschenverstandes“ in Dowlatows Werken rühmt, und der US-amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut setzen sich für ihn ein. Doch erst in den 1990er Jahren erscheinen Sergej Dowlatows Texte in Russland und der Geist der Freiheit, von dem jedes seiner Werk durchdrungen ist, trifft den Zeitgeist mit Wucht.

Erhalt des Dowlatow-Hauses

 

Wera Chalisewa. Foto: Wladimir Ruwinskij

 

Zuletzt gehörte das Holzhaus in Berjesino der Rentnerin Wera Chalisewa. Sie vernagelte zwar die Spalten im Fußboden mit Sperrholz, ließ alles Übrige aber weitgehend unverändert. Chalisewa erzählt, dass bald begeisterte Dowlatow-Leser bei ihr um Einlass baten. Geld nahm sie dafür nicht. Die neue Besitzerin schaffte es gerade einmal, das Haus in bewohnbarem Zustand zu halten, für Reparaturen fehlten ihr Geld und Kraft. Vor einem Jahr wurde es dann von einer Gruppe von Unternehmern erworben. Die Investoren ziehen es vor, namentlich ungenannt zu bleiben, bekannt ist lediglich, dass sie das Haus in seiner Ursprünglichkeit erhalten und darin ein Museum einrichten wollen.

So sieht Dawlatows Haus heute aus. Foto: Wladimir Ruwinskij

Igor Gawrjuschkin, der die Investorengruppe vertritt, ist Direktor der Russland-Sektion der Federation of European Carnival Cities. Er betont, dass die Käufer mit der Sanierung des Hauses keine kommerziellen Interessen verfolgen. „Hier investieren erfolgreiche Unternehmer, die nicht nach Gewinn gieren.“ Vielmehr lassen sie sich, wie es Gawrjuschkin ausdrückt, „von Liebe und Verehrung für Dowlatow“ leiten. Gawrjuschkin erklärt, dass bis zum Herbst erst einmal Teile des Hauses winterfest gemacht werden. „Danach hören wir uns die Meinung der Leute an, was sie richtig finden und was nicht, um entsprechend zu entscheiden, was weiter zu tun ist.“

Michailowskoje feiert ein Dowlatow-Fest

Am 3. September soll neben dem Haus eine thematisch um Puschkin und Dowlatow kreisende Ausstellung des ortsansässigen Künstlers Igor Schaimardanow eröffnet und eine Art Dowlatow-Festival begangen werden. Sergej Dowlatow selbst hatte wenig übrig für offizielle Feierlichkeiten. „So geht das immer. Erst machen sie einen Menschen kalt und danach klauben sie überall seine persönlichen Sachen zusammen“, schrieb er in der Erzählung „Sapowednik“ über Alexander Puschkin. Jetzt widerfährt ihm allerdings etwas Ähnliches, denn die Investoren hoffen, bei Familienangehörigen des Schriftstellers Dinge aus seinem persönlichen Besitz zu finden. Bei diesem Vorstoß rechnen sie auf Unterstützung durch Dowlatows Freund und Schriftstellerkollegen Andrej Arjew. Im Museumskomplex Michailowskoje soll eine thematische Exkursion zu den Schauplätzen der Erzählung „Sapowednik“ führen.

Die Bewohner der zum Landschaftspark Michailowskoje gehörenden Dörfer unterstützen die Initiative des Museums. Viele von ihnen teilen gern ihre Erinnerungen an Dowlatow mit den Besuchern, auch wenn sie damals noch Kinder waren. „Er war ein furchtbarer Grobian“, fällt Swetlana Kowschirko ein. Und Galina Simakina, die mit Sergej Dowlatow im Museum zusammenarbeitete, urteilt rückblickend, dass sie seinerzeit Dowlatows ausgeprägte Persönlichkeit weitaus beeindruckender fand als sein literarisches Schaffen. Sie resümiert: „Während der Zeit in Michailowskoje wollte Dowlatow wie Puschkin sein: Er hat versucht, die Welt mit den Augen des begnadeten Dichters zu sehen.“

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