Sommer, Sonne, Wolgabad

Bei 35 Grad im Schatten und 20 Prozent Luftfeuchtigkeit ist die Wolga eine willkommene Abkühlung. Foto: Flickr/Swerz

Bei 35 Grad im Schatten und 20 Prozent Luftfeuchtigkeit ist die Wolga eine willkommene Abkühlung. Foto: Flickr/Swerz

Erst Zarizyn, dann Stalingrad und seit 1961 Wolgograd – die Millionenstadt am Wolgaufer, in der vor 68 Jahren General Paulus kapitulierte, besticht heute durch ihre Lässigkeit.

Wolgograd im August: Zug Nummer 015 aus Moskau fährt pünktlich um 17.17 Uhr im Hauptbahnhof ein. Der Bahnhof ist wie 
vieles in der Stadt im spätstalinistischen, monumentalen Zuckerbäckerstil erbaut, in seinem kühlen Inneren staunt man über das Deckenmosaik, das die Helden der Befreiung von den Deutschen und des Wiederaufbaus zeigt. 

Auf dem Vorplatz bieten umherstreifende Händler Getränke, Souvenirs und Busreisen an, Taxifahrer werben mit sensationell „günstigen“ Preisen, die meisten Menschen stehen bei fast 35 Grad einfach nur im Schatten herum. Immer geradeaus Richtung Fluss, vorbei an dem Neuen Experimental-Theater, dem Platz der gefallenen Kämpfer und der Ewigen Flamme, sind es keine 15 Minuten bis zur Heldenallee, wo in 
unzähligen Cafés die Wolgograder einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen nachgehen: Reden und Entspannen.

Wolgograd, 1589 zum Schutz gegen die Einfälle von Nomaden aus dem Süden gegründet, ist heute mit seinen eine Million Einwohnern Universitätsstadt und ein wichtiges Industriezentrum rund 1000 Kilometer südöstlich von Moskau. Man hat es nicht weit zum Kaukasus und zum Kaspischen Meer, die Winter sind mild, die trockenen und heißen Sommer erinnern an den Nahen Osten. Das Stadtgebiet zieht sich über 80 Kilometer am Westufer der Wolga entlang, die hier mehr als einen Kilometer breit ist.

An zahlreichen Orten finden sich Zeugnisse der jüngeren Geschichte: die traumatisierende Schlacht von Stalingrad, deren Ende am 2. Februar 1943 jedes Jahr gedacht wird. In Nebenstraßen, zwischen Büschen und Bäumen versteckt, markieren Panzertürme noch heute die damalige Frontlinie.


20 Rubel pro Schwein


Unten am Flusshafen ist die Größe der Wolga schier überwältigend. Von hier starten Ausflugsboote (abends wummernde Discokähne) und Fähren zu den Datschen ans andere Ufer, und das für 14 Rubel, etwa 40 Cent. Die Mitnahme eines Schweins kostet 20 Rubel.

An der Mole reihen sich Restaurants, ein Fitnessstudio, Clubs, ein Vergnügungspark und die Philharmonie aneinander. Junge Skater rasen über den Asphalt - manchmal sieht man zwischen zwei Bäumen auf dem Rasen neben dem Haus der Veteranen sogar Seiltänzer.  

Am Fluss wird die Heldenallee vom Lenin-Prospekt gekreuzt, der über 15 Kilometer sein Ufer säumt. Auf der sechsspurigen Straße 
gelangt man zum befahrbaren, 730 Meter langen Staudamm des Wasserkraftwerks und weiter in die Nachbarstadt Wolschskij am anderen Ufer. Vorausgesetzt natürlich, es gelingt einem gleich den einheimischen Wolschanje, mit ausgestrecktem Arm einen Kleinbus (Marschrutka) anzuhalten: lässig, sekundenschnell, mit gekonnter Beiläufigkeit.

Heißes Nachtleben

Gegen Abend und bei abklingender Hitze zieht es die Menschen an den Fluss. Auf der Uferstraße Nabereschnaja tummeln sich Jung und Alt, Rollerblader und Fahrradfahrer, der eben eröffnete 
Supermarkt kann nicht über mangelnde Kundschaft klagen.

Wer es sich leisten kann, geht später in einen der angesagten Clubs wie das Amsterdam, in dem für ein Karaoke-Lied auf Deutsch schon mal eine Ägyptenreise verlost wird. Das Piranja am Hafen dagegen ist für seine internationalen DJs bekannt. Rockiger geht es im Belaja Loschad (Weißes Pferd) zu: In einem Hinterhofkeller feiert der Nachwuchs unter den wachsamen Augen von Türsteher Djadja Sascha (Onkel Sascha) seine ersten Auftritte. Für einen ganz normalen Kneipenbesuch ist das Café von Alexander vor dem Dom Sojusow zu empfehlen. Es hat zwar keinen Namen, dafür gibt es aber stets ein kühles Bier, das in lockerer Atmosphäre von einem bunten, einheimischen Publikum genossen wird.

Picknick am Wolgaufer

 

Wolgaab- und aufwärts laden lauschige Plätzchen am Wochenende zu einem Bad im Fluss und ein paar Stunden des Müßiggangs. Man muss sein Essen nicht unbedingt mitbringen: Immer ist ein Schaschlikstand in der Nähe, alles ist frisch zubereitet und kostet nicht viel. 

Die Wolschanje kennen ihre 
Geschichte gut und können Erstaunliches berichten. Während einer Führung zum Mamajew-Hügel, wo seit 1967 eine 85 Meter hohe und 8000 Tonnen schwere Statue an den Sieg der Roten Armee über die Wehrmacht erinnert, erzählt Wladimir, Veteran des sowjetischen Afghanistan-Krieges, wie seine Kinder hier früher gespielt haben: Mit gefundener deutscher Munition zogen sie erneut in die Schlacht.


Tasse Kaffee mit Wladimir

 
Das hindert Wladimir nicht daran, Geschichte und Gegenwart strikt zu trennen. Er nimmt gerne die Einladung eines Deutschen auf eine Tasse Kaffee und zum Plaudern an, wie unter alten Bekannten üblich.
Und diese Mischung ist es, welche die Millionenmetropole an der Wolga für seine Bewohner und 
Besucher gleichermaßen so reizvoll macht: der tolerante Umgang mit Geschichte, urbane Strukturen mit großem Erholungswert und nicht zuletzt der freundliche Umgangston in den Straßen.

Dennis Strömsdörfer ist DAAD-Lektor an der Pädagogischen Universität Wolgograd.


Anreise

Über Moskau gibt es mehrmals täglich Flugverbindungen nach Wolgograd. Direktflüge von München aus bucht man über Rusline. Wer Zeit hat, kann vom Moskauer Pawelezki-Bahnhof auch einen Nachtzug nach Wolgograd nehmen: 
Ankunft ist 17 Uhr am nächsten Tag.


Unterkunft

Hohen Komfort bietet das Hotel Intourist (DZ ab 140 Euro), Ausblicke auf die Wolga dagegen das Hotel Finans Jug in den oberen Etagen eines Hochhauses (DZ ab 65 Euro; Uliza Kommunistitscheskaja 40).


Essen & Trinken

Das deutsche Restaurant Bamberg braut eigenes Bier und überrascht am Abend mit Livemusik. Sibirische Teigtaschen (Pelmeni) gibt es im Pelmen-Café (Uliza Sowjetskaja 15), den besten Schaschlik im TV Café Swetlana (neben dem Kino Pobeda).

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