“Deutschland muss sich öffnen”

Der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP).  Foto: Pressebild

Der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP). Foto: Pressebild

Seit 20 Jahren sind Bayern und die Region Moskau wirtschaftliche Partner. Der Freistaat unterhält eine eigene Repräsentanz in Moskau, 60 russische Unternehmen sind in Bayern aktiv. Dennoch muss man Skepsis abbauen, glaubt der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil, der mit einer Wirtschaftsdelegation nach Moskau gereist ist.

In den letzten drei Monaten ist das bereits Ihr zweiter Besuch in Moskau. Stehen denn die Wirtschaftssterne zwischen Bayern und der russischen Hauptstadt so gut?

 

Sie stehen sehr gut. Nach dem Einbruch während der Wirtschaftskrise zeigen sie Wachstumsraten in zweistelliger Höhe – wir haben weit über 40 Prozent in beiden Richtungen zugelegt. Das sind hervorragende Zahlen, die ihresgleichen suchen und sie zeigen auch, dass die bayrisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen keine Einbahnstraße sind.

Natürlich spielen von der russischen Seite Energielieferungen eine große Rolle, aber zunehmend engagieren sich auch russische Unternehmen in Bayern. Heute sind bei uns 60 russische Unternehmen aktiv, gerade aus den Bereichen IT und Umwelttechnologie. Bayern hingegen ist in Russland eine eigene Marke, und das spielen wir natürlich auch aus.

 

Welche konkreten Projekte sehen Sie aus dieser Delegation hervorgehen, welche gingen aus den vergangenen Wirtschaftsdelegationen hervor?

 

Wir treiben einige Projekte an: Partnerschaften im Hotelwesen, aber auch aus dem Bereich Energieeffizienz, wobei die russische Seite mit der Neubildung der Stadtregierung verständlicherweise einiges auf den Prüfstand gestellt hat. Vor zwei Jahren haben wir mit der Firma Siemens das Moskauer Verkerhsleitsystem vorgestellt, beim letzten Besuch haben wir das Abkommen für den Bau einer MAN-Produktion in St. Petersburg unterzeichnet. Nächstes Jahr geht die LKW-Produktion los, BMW baut schon lange in Kaliningrad. Die Firma Knauf wird in Russland weiter investieren. Es geht immer ein Stückchen vorwärts.

Worauf müssen deutsche Unternehmer im Russland-Geschäft besonders achten?

Vieles klappt nicht auf Anhieb, da braucht es Nachhaltigkeit. Die russische Seite erwartet mehr, als wenn man nur eine Visitenkarte hinlegt. Sie erwarten natürlich, dass man die Produkte nicht einfach verkauft, sondern vor Ort produziert, damit neue Arbeitsplätze geschaffen werden können und das die Wertschöpfung im Land stattfindet.

Gibt es auch konkrete russische Initiativen in Bayern?

Heute waren wir mit dem russischen Energieminister Sergej Schmatko im Gespräch. Damit wir jetzt in der Schnelligkeit, wie wir sie brauchen auch die Ersatzkapazitäten für die Kernkraft schaffen können, haben wir die russische Seite eingeladen, sich am Bau von zusätzlichen Gaskraftwerken in Bayern zu beteiligen. Das wird aufmerksam hier verfolgt.  Mir ist auch Interesse von der russisschen Seite zugesagt worden. Möglicherweise werden wir bei den deutsch-russischen Konsultationen eine Absichtserklärung zwischen Bayern und Russland abschließen.

Bayrische Investoren in Russland sind erfolgreich, russische Direktinvestitionen in Deutschland hingegen werden mit Skepsis aufgenommen, siehe das Beispiel mit dem gescheiterten Einstieg von Sberbank bei Opel vor wenigen Jahren. Wie kann diese Einstellung überwunden werden?

 

Wir müssen die positiven Beispiele, die wir ja auch haben, hervorheben. Deutschland muss sich insgesamt öffnen! Beispiel Energiethema: Der Einstieg von russischen Unternehmen wurde mit Sorge betrachtet. Man kann diese Sorge zwar nachvollziehen, aber in der jetzigen Situation, wo Deutschland dringend auf Partner angewiesen ist, sollte man die eine oder andere Zurückhaltung überdenken.

Bei den Vorbereitungen zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 hegte der deutsche Mittelstand große Hoffnungen auf Aufträge. War die Auftragslage zufriedenstellend oder enttäuschend?

Aus meiner Sicht ist da noch mehr drin. Im April haben wir eine Broschüre an die russischen Kollegen übergeben. Darin weisen wir unsere hohe Kompetenz bei ähnlichen Projekten z.B. in Südafrika aus. Manches ist heute noch in der Ausschreibung, da müssen und können wir mehr punkten. Damit es Aufträge gibt, muss man unsere Unternehmen immer wieder von der politischen Seite ins Gespräch bringen, damit sie mit den russischen Partnern zusammen kommen. Das ist ein anderer Prozess, auf den wir uns jedoch einstellen müssen. Daher haben wir als Freistaat Bayern auch eine eigene Repräsentanz hier in Moskau. Wir haben hier große Chancen. Ich glaub's allerdings auch erst, wenn der Auftrag erteilt ist.

 

Ende Oktober reisen Sie mit einer Wirtschaftsdelegation nach China. Wenn Sie bayerischer Mittelständler wären, wo würden Sie investieren – in Peking oder in Moskau?

 

Das kommt drauf an, da gibt es keine einfache Antwort. China ist ebenfalls ein interessanter Markt. Wenn man sich für den russischen Markt entscheidet, stößt man auf äußerst verlässliche Partner. Genauso gibt es sehr positive Beispiele aus China, wo bayrische Mittelständler seit vielen Jahren gute Geschäfte machen. Man sollte diese beiden Märkte nicht gegeneinander ausspielen.

 

Das Gespräch führte Alexej Knelz

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