Von Iwan dem Schrecklichen zum russischen Weihnachtsmann

Die relativ unbekannte Wologda-Region lockt mit erstaunlichen Sehenswürdigkeiten,während die schöne Natur für Entspannung sorgt – ein Reisetipp.

Nördlich von Moskau, mit einem bequemen Nachtzug in nur acht Stunden zu erreichen, liegt die Wologda-Region. Hier gibt es einiges zu erkunden - immerhin ist die Region so groß wie Belgien, Dänemark, die Schweiz und die Niederlande zusammen. Der russische Weihnachtsmann Ded Moros („Großväterchen Frost") hat hier sein Waldhäuschen, und Iwan der Schreckliche ließ eine Kathedrale mit majestätischer Kuppel bauen, um nur einige der vielen Sehenswürdigkeiten zu nennen. Und wer sich gerne einfach erholen möchte, der genießt die Landschaft: Ehrwürdige, von Seen umgebene Klöster, bezaubernde Ortschaften und Bauerndörfer, blühende Wiesen mit grasenden Pferden. Im Folgenden finden Sie einige Tipps für Ihre Reise.

Die Hauptstadt Wologda

Wologda ist die friedliche Hauptstadt dieses Gebiets. Industrielle Vororte haben sich in den letzten hundert Jahren ausgebreitet, doch der Bahnhof, die Hotels, der schöne Kreml (geöffnet 10-17 Uhr, Mittwoch-Sonntag) und mehrere alte Kirchen konzentrieren sich auf ein paar Quadratkilometer um den ruhigen Wologda-Fluss.

Im Stadtzentrum findet man mehrere Holzvillen aus dem 19. Jahrhundert, die ihm eine angenehm altmodische Atmosphäre verleihen. Der befestigte Kreml, eine Ansammlung von Schlössern und Kirchen aus dem 17. Jahrhundert, beherbergt eine Reihe von Museen, in denen beispielsweise eine Ausstellung zarter Wologda-Spitzen und eine andere mit Ikonen des 15. Jahrhunderts zu finden sind. Am Uferdamm kann man Galerien und Museen besuchen, und im Sommer hält man in der Stadt die neuen internationalen „Stimmen"-Filmfestspiele ab, die dem unabhängigen europäischen Kino gewidmet sind.

Das Dorf Semenkowo

Eine kurze Taxifahrt außerhalb der Hauptstadt Wologda liegt das Dorf Semenkowo. Dort gibt es ein Museum für Architektur mit Holzgebäuden aus den beiden vergangenen Jahrhunderten. In einem der Häuser befindet sich ein Buttermuseum – hier können Besucher die Produktion von ihren bäuerlichen Ursprüngen bis hin zu den Neuerungen des im 19. Jahrhundert lebenden örtlichen Milch-Magnaten Nikolai Wereschtschagin verfolgen. Die örtliche Butter ist in Russland immer noch sehr beliebt, und es lohnt sich, sie zu probieren. Hierzu gibt es ein spezielles Milchproduktgeschäft, das sich gleich im Museum befindet. Außerdem werden in Semenkowo auf die Jahreszeiten abgestimmte Festlichkeiten abgehalten – von Osternüber die Erntezeit bis Weihnachten. Kinder können einen „Tag des ländlichen Lebens" verbringen oder Meisterklassen besuchen, in denen sie lernen, traditionelle Puppen oder bemalte Ornamente herzustellen.

Nationalpark Russki Sewer

Die nordöstlich von Wologda dicht am langen Kubenskoje-See verlaufende Straße führt zum Nationalpark Russki Sewer („Russischer Norden"). Über 700 Pflanzenarten wachsen in der bewaldeten Landschaft, darunter mehrere Orchideentypen wie der gelbe und purpurne Winterharte Frauenschuh. In der Gegend stößt man auf prächtige Klöster, deren Architektur durch die Umgebung hervorgehoben wird.

Kirill-Beloserski-Museum


Am Ufer des malerischen Siwerskoje-Sees lässt sich das im 14. Jahrhundert errichtete Kirill-Kloster besichtigen, das auch  ein Museum beherbergt (geöffnet Dienstag-Sonntag, 9-17 Uhr). Die Ausstellungen beinhalten eine vollständige Sammlung erlesener Ikonen des 15. Jahrhunderts aus der Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale. Die Kathedrale selbst ist gegenwärtig zu Restaurationszwecken geschlossen, doch die wirkliche Freude besteht darin, durch das weitläufige Gelände zu wandern, das innerhalb der zwei Kilometer langen Festungsmauer zwei Klöster umfasst. Insgesamt gibt es 11 Kirchen und 10 Türme in dieser heiligen Stadt.

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Iwanow-Kloster

Das kleinere Iwanow-Kloster wurde um die Holzklause gebaut, in welcher der Gründermönch Kirill nach seiner Ankunft wohnte. Das heilige Tor, das in das erhabene Himmelfahrtskloster führt, ist mit Wandbildern aus dem 16. Jahrhundert bemalt. Besucher können auf die Mauern in der nordöstlichen Ecke steigen, von wo man den besten Ausblick auf das gesamte Ensemble hat. Außerdem lohnt es sich, jenseits der Mauern am See entlangzuschlendern, wo zahlreiche Angler geduldig auf Brachsen und Zander warten. Im letzten Jahr diente das Kloster als Hintergrund für eine episch breite Fernsehserie mit dem Titel Raskol(Kirchenspaltung) über das Leben des Patriarchen Nikon.

Ferapontow-Kloster und Dionisi-Fresken

In 20 Kilometer Entfernung bildet das winzige isolierte Kloster in Ferapontow einen entzückenden Kontrast zu Kirillow. Diese Gruppe weiß verputzter Kirchen auf einem Hügel über einem einsamen Seeist wegen ihrer einzigartig erhaltenen Fresken, gemalt von Dionisi im Jahr 1502, in das Verzeichnis des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden. In dem Museum innerhalb der Geburtskirche werden diese Schätze sorgsam gehütet. Man besteht darauf, dass Besucher auf offizielle Führungen warten, und schließt das Gebäude an regnerischen Tagen ganz, um die kostbaren Gemälde zu schützen. Die Palette aus Ocker, Blau und Scharlachrot auf diesen alten Fresken ist zweifellos eindrucksvoll. Auf der einstigen äußeren Westmauer(heute ist sie vor Wind und Wetter geschützt), die den Eingang umgibt, ist die Geburt der Jungfrau Maria (wonach die Kirche benannt ist) dargestellt. Das Kloster ist stimmungsvoll gelegen und hat auch ein farbenprächtiges Museum mit Bauerngeräten und eine Kunstgalerie zu bieten.

Märchenstadt Weliki Ustjug

Am anderen Ende der Wologda-Region, fast 1000 Kilometer von Moskau entfernt, liegt die Märchenstadt Weliki Ustjug. Der frühere Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow (der hier immer noch ein Lokalmatador ist) trug dazu bei, die Errichtung des offiziellen Wohnsitzes von Ded Moros im nahegelegenen Kiefernwald zu finanzieren.Ded Moros oder „Großväterchen Frost" ist der russische Weihnachtsmann - man kann ihn jedoch das ganze Jahr über besuchen. Viele Kirchen der Stadt sind malerisch am Fluss Suchona angeordnet. Im Dreifaltigkeitskloster knapp außerhalb der Stadt befindet sich eine barocke Ikonostase aus dem 18. Jahrhundert. Die goldenen Kränze, verdrehten Säulen und fliegenden Engel rahmen mehrere Gemälde ein. Weitere Museen und Galerien hat man den Themen Kunst und Geschichte gewidmet, doch wiederum sind es die friedliche Atmosphäre und das Gefühl, in der Zeit zurückzureisen, die den Ort so reizvoll machen.

Praktische Hinweise:

Zugfahrkarten von Moskau nach Wologda kosten von 500 Rubel (12,50 Euro) für einen einfachen Sitzplatz bis zu 5000 Rubel (125 Euro) für ein Bett in der Ersten Klasse. Ein Liegeplatz in einem Vier-Personen-Abteil kostet um 2000 Rubel (50 Euro). Züge fahren vom Jaroslawski-Bahnhof in Moskau ab.

Das moderne Atrium Hotel in Wologda verfügt über sehr bequeme Zimmer ab 3600 Rubel (90 Euro) pro Nacht. Das apartere Angliter verlangt etwas höhere Preise für boutiqueartige Zimmer mit verschiedenfarbigem barockem Dekor und mit Bildern von Venedig an den Wänden.

Im Zentrum von Wologda befinden sich mehrere Cafés und Bars. Das italienische Bellagio Restaurant in der Uliza Orlowa 4 wird von der Kritik hoch gelobt; zum Beispiel bezeichnet der „Stimmen"-Reiseführeres als „einfach das beste Restaurant in Wologda". Die „Kilt"-Barda hinter, im Hafengebiet, zeichnet sich durch riesige Pizzas,herrliche Cocktails und Live-Musik aus. Eine russischere Erfahrung macht man in der Lesnaja Skaska in einem angemessen märchenhaften Gebäude am Sowetski Prospekt 10. Kirillow und Ferapontow sind aus Wologda durch eine lange Tagesfahrt per Bus oder Taxi zu erreichen.Weitere Reiseinformationen über die Region können Sie sich über Vologda-oblast.ru beschaffen.

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