Die Idylle der Mittelschicht

In der Iljinskij-Chaussee hat sich ein kilometerlanger Stau von Mittelklasseautos ausländischer Hersteller gebildet. Schwer zu glauben, dass es sich bei den Passagieren um Jazz-Fans handelt, die das Festival „Usadba.Jazz“ besuchen wollen. So viele Menschen mit eher elitärem Musikgeschmack bekommt selbst Moskau nur selten zu sehen.

Das Festival, das vor acht Jahren ins Leben gerufen wurde und eher ein Insider-Tipp in der Moskauer Jazzszene war, fand diesen Sommer erstmals in St. Petersburg statt und ist mittlerweile zum Massenevent geworden. Über 30.000 Menschen sahen am ersten Juliwochenende 20 Künstler auf fünf Bühnen. Hier drückt die Form der Musik auch einen Aspekt des Lebensstils aus: Jazz ist allmählich zum Identifikationspunkt „kultivierter Leute“ geworden.

Picknicks und Kunstflohmarkt

Das Festivalgefühl wird nicht nur durch die hochkarätigen Musiker aus aller Welt geprägt: Der große Platz vor der Hauptbühne erzeugt Strandatmosphäre und für die Erholung stehen Liegestühle und Kissen bereit. Überall finden Picknicks statt und eine junge Frau tanzt mit ihrem Kind neben einem Kinderzelt.

Hinter der Bühne kaufen die Gäste Bücher, Seife, Handarbeiten, bunte Filzhüllen für Handys, beschriftete T-Shirts, Schmuck, Kleidung aus indischen Stoffen und handgefertigte Lederschuhe - der Kunstflohmarkt ist hier nicht wegzudenken. Auch eine Ecke für Spiel und Unterhaltung mit Kunstwerkstätten für Kinder, “Twister” und Schach wird geboten.

Auffällig ist, dass auf dem gesamten Gelände keine Betrunkenen und kaum Raucher anzutreffen sind. Auch die Polizei ist nicht präsent. Für Ordnung an den Eingängen sorgt lediglich Securitypersonal in weißen Hemden und mit Krawatte.

Kulturkonsum

Ironischerweise hat das Festival Wurzeln, wie sie kommerzieller nicht sein könnten: Vor acht Jahren entwickelte Maria Semuschkina “Usadba.Jazz” als Promotionkampagne für einen Tabakkonzern. Der Event sollte eine breite Zielgruppe ansprechen und zugleich kulturellen Charakter haben. Leider hatte der Tabakkonzern übersehen, dass das Gesetz keine Zigarettenwerbung auf dem Gelände zulässt. Der Tabaksponsor sprang ab, aber das Jazzfestival blieb.

“Als ich das Festival zum ersten Mal organisierte, war ich 25 Jahre alt”, erzählt Semuschkina. “Ich hatte viele Freunde, die ganz verschiedenartige improvisierte Musik hörten.  Sie gingen viel auf  Livekonzerte, doch es gab nicht eine einzige Großveranstaltung, die diesem Musikgeschmack Raum geboten hätte.”

Früher seien die Besucher bis ins Detail mit dem Programm vertraut gewesen und kannten fast alle Künstler, erläutert Semuschkina. „Heute gehe ich davon aus, dass 70 Prozent der Besucher maximal zwei oder drei Namen des Programms etwas sagen. Sie wollen einfach ihre Freizeit genießen und gute Musik hören.”

Vom Chanson zu Hip-Hop

Wie auf immer mehr Jazzfestivals in anderen Ländern auch beschränkt man sich bei Usadba.Jazz nicht auf den „klassischen“ Bebop oder Modern Jazz. “Jazz ist heute so vielgestaltig, dass er in kein stilistisches Korsett mehr passt”, sagt Jelena Moisejenko, die Musikdirektorin des Festivals. „Überall heuern Pop-Ikonen, Rapper und Rockstars Jazzmusiker für ihre Live-Bands an, was zu starker wechselseitiger Beeinflussung führt.“ Ziel sei es, improvisierte Musik von Künstlern zu präsentieren, die sich entwickeln und eigene Ideen haben.

“Wir legen Wert darauf, dass die Besucher sowohl ihnen bekannte Musik zu hören bekommen, als auch Musik, die sie auf diese Weise für sich entdecken können”, erläutert Moisejenko. “Wir bringen das moderne Leben auf die Bühne, das sich in der Weltsicht guter Künstler widerspiegelt. Musik lebt und nimmt immer auf, was um sie herum passiert.”

 

 }

 

Auswahl an Künstlern, die  den Jazz in Russland populär machen:

Nino Katamadze und Insight (Link: http://www.nino-katamadze.com/en/) 

Ethno-Jazz

Die georgische Jazzsängerin singt mit Begleitung der Gruppe Insight anrührende Lieder in der Sprache ihrer Heimat. Ethnomusik und Jazz sind hier nicht dominant, die tragenden Effekte erzeugen die Melodien und die Stimme von Katamadze. Die Musik ist gut zugänglich, ohne dabei ihren Qualitätsanspruch zu verlieren. Sie wird daher vom breiten Publikum ebenso geschätzt wie von Jazzkennern. Im Jahr 2003 (nach Erscheinen des Debütalbums) erhielt die Gruppe den “Owazija-Preis” als beste Gruppe des Jahres.

Billy’s Band Sextett (Link: http://www.billysband.ru/en/) 

Alkojazz

Die Bezeichnung “romantischer Alkojazz” prägten die Künstler selbst. Ihre Karriere begann die Band mit Interpretationen von Tom Waits-Liedern. Es stellte sich bald heraus, dass eigene Stücke des Bandleaders Billy Nowik’s auch wie Swing und Blues klingen. 2003 erlangte die Band ohne besondere Werbung und Promotion massenhafte Popularität in Russland, in Westeuropa ist sie mittlerweile Stammgast auf Jazzfestivals.

Pianoboy

Alternativer Pop

Der begabte Pianist Dmitrij Schurow spielt in den ukrainischen Rock-Gruppen “Okean Elzy” („Ozean Elzy“) und Esthetic Education. Er komponiert Filmmusik und Musik für Modeshows. Schurows neues Soloprojekt “Pianoboy” erfreut sich in den letzten Monaten steigender Popularität. Er verbindet minimalistische Pianomodulationen im Stile von Yann Tiersen mit einer ungewöhnlichen Stimme. So etwas ist in Russland bislang beispiellos.

 

Shenja Ljubitsch

Bossa Nova, Chanson

Französischer Chanson verfängt sich auf russischem Boden aus irgendeinem Grunde unweigerlich in Stereotypen. Shenja Ljubitsch müsste gegen diese Krankheit grundsätzlich gefeit sein, sang sie doch einige Jahre für Nouvelle Vаgue (eine französische Bossa Nova – Band, die New Wave - Hits covert). Erst in diesem Jahr startete sie ihre Solokarriere in Russland. Ihre Stimme zählt mit Sicherheit zu den besten auf russischen Bühnen.

Obe-Dwe (Link: http://obedve.ru/ )(«Beide Zwei») 

Indie-Pop

Zuletzt gab es Frauen-Pop von solcher Qualität in den 1990er Jahren, als die Gruppen “Kolibri” und “Pep-See” die Bühnen eroberten. Das Stück “Milij” (mein Lieber) ist bereits auf dem russischen Musiksender A-One zu hören, dabei ist es noch nicht lange her, da kannte und schätzte man die Gruppe nur in deren Heimatstadt Jekaterinburg. Ihr Debütalbum “Snajesch, schto ja delala” (Weißt du, was ich getan habe) übertrifft alles, was der russische Pop in den letzten zehn Jahren hervorgebracht hat. Die Frauen verbinden Pop mit den neuesten Elementen des westlichen Indie-Rock.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Russkij Reportjor.