Straßenschlachten im Internet

Auf rosyama.ru kämpfen Russen gegen ihr zweitgrößtes Problem. Foto: ITAR-TASS

Auf rosyama.ru kämpfen Russen gegen ihr zweitgrößtes Problem. Foto: ITAR-TASS

Russland hat zwei Probleme, besagt ein Sprichwort: Dummköpfe und Straßen. Einem der beiden sagen die Bürger nun den Kampf an.

 Jeder, der jemals in Russland Auto gefahren ist, kennt sie: die Schlaglöcher, versunkene Kanaldeckel, hervortretende Straßenbahnschienen - besonders in der Provinz gehören schlechte Straßen zum traurigen Alltag. 

Der Anwalt Alexej Nawalny, berühmt-berüchtigt für seinen Blog gegen Korruption, ruft nun zum Kampf gegen Schlaglöcher auf. Seine Idee ist ebenso einfach wie genial: Laut russischem Gesetz muss jedes Loch, das mehr als fünf Zentimeter tief ist, sofort repariert, der verantwortliche Beamte bestraft werden. Auf der Seite „rosyama.ru“ („yama“ ist das russische Wort für Schlagloch) kann man nun das Foto eines Schlagloches nebst Angabe seiner Lage hochladen. Die Seite generiert eine 
Beschwerde an das Ordnungsamt - und wenn das Loch nach 37 Tagen nicht ausgebessert ist, ein Schreiben an die Staatsanwaltschaft. Die schlaglochmüden Russen reagierten promt: In drei Wochen wurden 4189 „Defekte“ gemeldet - und 201 behoben.

Zufall oder nicht: Am selben Tag, als Nawalny den Start seiner Seite verkündete, präsentierte Premierminister Wladimir Putin stolze Zahlen über die Zukunft des Straßenbaus: Bis zum Jahr 2020 sollen allein aus föderalen Mitteln 18 000 Kilometer neue Straßen gebaut werden. 

An Geld mangelt es nicht, Mängel weisen eher die Kanäle auf, in denen es verschwindet. Beamte vergeben Verträge an Firmen, die zwar nicht über Kompetenz, dafür aber über die richtigen Kontakte verfügen. Und nur selten wird eine Firma zur Verantwortung gezogen, wenn die gebaute Straße nach einem Jahr schon wieder mit Schlaglöchern übersät ist. Das erklärt auch das Paradoxon, das die Zeitschrift Russki 
Reporter herausgefunden hat: Die Budgets für den Straßenbau stiegen zwar im letzten Jahrzehnt 
stetig, die Länge des russischen Straßennetzes stagniert jedoch bei 750 000 Kilometern. 

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