Aschenputtel entstaubt

Premiere von „Die Liebe zu den drei Orangen“ am Theater von Natalja Saz. Foto: Itar-Tass

Premiere von „Die Liebe zu den drei Orangen“ am Theater von Natalja Saz. Foto: Itar-Tass

Georgij Isaakjan gilt als Junger Wilder in Russland. Er brachte Solschenizyn auf die Bühne und inszenierte „Fidelio“ im Gulag. Jetzt sucht er eine neue Herausforderung: Opern für Kinder.

Der Dirigent zückt seinen Taktstock, im Orchestergraben folgt eine einsame Pianistin seinen Bewegungen. Auf der Bühne hebt ein Tenor zu einer ausgelassenen Arie an. Als der Chor einstimmt, wirft er sich auf den Boden und wälzt sich wild hin und her.

„Stopp!", ruft eine tiefe Stimme aus dem Zuschauerraum. Abrupt bricht alles ab. Auf die Bühne springt ein dunkelhaariger, gut gebauter Mann in Jeans, Turnschuhen und einem lässig baumelnden Hemd. Er rennt herum, gestikuliert, verliert seinen großen Notizblock und wirft sich dann selber zu Boden: „So geht das!"

Der Regisseur Georgij Isaakjan probt eine Oper für Kinder, über Prinzen und Apfelsinen, böse Zauberinnen und Helden. Mehr verrät er nicht. Aber „es wird schräg", verspricht er, und seine Augen funkeln lausbübisch.
In den verwinkelten Gängen des weltweit einzigartigen Operntheaters für Kinder, das auf den Namen seiner Gründerin Natalja Saz getauft ist, wirkt Georgij Isaakjan fremd. Manchmal, gesteht er auf dem Weg in sein Büro, fühle er sich auch so.

Es riecht nach Verfall


Seit einem Jahr ist er hier Intendant und Regisseur. Er hat ein schweres Erbe angetreten, denn die „Mutter aller Kindertheater", wie Natalja Saz genannt wird, setzte die Messlatte hoch: Sie war befreundet mit Igor Strawinski, musizierte mit Albert Einstein, inspirierte Sergej Prokofjew zu „Peter und der Wolf" - ein Stück, das hier uraufgeführt wurde.

Das war vor 67 Jahren, aber Saz regierte im Operntheater bis zu ihrem Tod 1993. Heute riecht es nach Verfall: staubige, marode Dielen, das Parkett auf der Hauptbühne ist abgewetzt. Auch das 
Repertoire ist angestaubt, besteht vor allem aus sowjetischen Stücken. „Als hätte es danach nichts Neues gegeben", Isaakjan schüttelt den Kopf.

Auf seinem Weg kommt er am Büro von Natalja Saz vorbei. Seit ihrem Tod ist es verschlossen, die Türe ziert ein vergoldetes Schild mit ihrem Namen, den die Theatermitarbeiter noch immer voller Ehrfurcht flüstern. Isaakjan wirft einen nachdenklichen Blick auf die Tür. Kann er dem Werk der Gründerin wieder Leben einhauchen? „Ich will ein neues Theater schaffen – atmosphärisch, einzigartig, lebendig", sagt er dann voller Energie.

Neu ist die Herausforderung für den 43-Jährigen nicht. Nach dem Studium in Moskau ging der 
gebürtige Armenier Anfang der 90er als junger Regisseur an die Permer Oper. Das Theater mit seiner 140-jährigen Tradition war gerade am Auseinanderbrechen: Sänger, Regisseure und Tänzer wanderten aus, weil kein Geld da war. Der junge Mann mit dem schüchternen Lächeln rettete das Opernhaus - und machte es berühmt. „Wir haben da Sachen auf der Bühne gemacht, die hat es noch nie gegeben", sagt er stolz.

Zu seinen bedeutendsten Experimenten gehört die Oper „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" nach dem Buch von Alexander Solschenizyn 2009 und Beethovens „Fidelio", den er letztes Jahr im ehemaligen sowjetischen Straflager Perm-36 auf die Bühne brachte.

Nun also Operntheater für Kinder. Isaakjan weiß, dass die jungen Zuschauer sich nicht mehr so leicht von der klassischen Bühnensprache mitreißen lassen, dass man neue Wege der Kommunikation braucht: „Ein Aschenputtel wie vor 30 Jahren lockt kein Kind mehr ins Theater."

Plötzlich eilt er zur Bürotür und dreht einen kleinen schwarzen Lautsprecher auf. Es ist 15 Uhr, eine Kinderoper läuft gerade auf der Hauptbühne an. Konzentriert hört Isaakjan einige Minuten zu, runzelt die Stirn und fährt fort.„Die heutigen Kinder wissen viel mehr. Sie verstehen die einfache Märchensprache nicht, weil sie täglich mit Gewalt, Terror, Pornographie und Drogen konfrontiert werden, Computer spielen und im Internet surfen." Statt mit Bildern müsse man direkter auf sie zugehen und ihre Probleme ansprechen.

Die Kinder vor 20 Jahren


„Ich glaube nicht, dass die Menschheit die ganze Evolution durchgemacht hat, um im Büro vor dem Computer zu enden", sagt der Regisseur weiter. Nur die Kultur sei fähig, das Menschliche im Menschen zu bewahren, „Werte zu erhalten, die immer mehr verloren gehen."

Und dann spricht Isaakjan über das Hauptproblem seiner Arbeit: die Eltern, immerhin die Hälfte der Zuschauer. Sie waren vor 20 Jahren Kinder, in einer Zeit, als ihre Eltern ums Überleben kämpften und für Kultur nichts übrighatten. „Die haben jetzt großen Nachholbedarf, und wir müssen szenisch mit zwei Ziel- und 
Altersgruppen gleichzeitig arbeiten." Issakjans Lösung: ein „user-friendly theatre", in dem sich Kinder, Eltern - und Großeltern wiederfinden.

BIOGRAFIE

Georgij Isaakjan 

Herkunft: Jerewan

Alter: 43

Profil: Opernvisionär


1968 wurde Georgij Isaakjan in der 
armenischen Hauptstadt Jerewan geboren, in der er auch seine Kindheit verbrachte. Er ging nach Moskau und machte 1991 seinen Abschluss an der Theaterhochschule GITIS. Im Anschluss wurde er an die Oper Perm „beordert“ (was in der Sowjetunion so üblich war). Dort wirkte er zunächst als Regisseur, ab 1996 als Intendant.
1998 inszenierte Isaakjan „Boris Godunow“ in der Metropolitan Opera in New York. 2007 wählte die Zeitschrift Kultura ihn zum Regisseur des Jahres, 2009 erhielt er die „Goldene Maske“ - die höchste Theaterauszeichnung Russlands für die „beste Regie“ in der Oper „Orpheus“. 2007 nahm Isaakjan an einer Schulung für Kulturmanager teil, die er teilweise an der Washington National Opera unter der Leitung von Placido Domingo absolvierte.
2009 inszenierte er im Rahmen des Projekts „Oper/GULAG“ das Stück „Ein Tag des Iwan Denisowitsch“ und 2010 „Fidelio“. Er spricht fließend Englisch, Deutsch, Französisch und Italienisch.

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